Gauting Deutschlernen vorm Fernseher

Das deutsche Unterrichtssystem stellt für viele Flüchtlingskinder eine Hürde dar.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Die Berufsschule Starnberg und die Mittelschule Gauting informieren Asylhelfer, Coaches und junge Flüchtlinge über Schule und Berufsausbildung. Was die Kinder vor allem brauchen: Zeit

Von Blanche Mamer, Gauting

"Ich wiederhole die neunte Klasse freiwillig, weil ich den M-Zweig schaffen will. Meine Noten waren mir nicht gut genug", sagt Achmad aus der M9 an der Gautinger Paul-Hey-Mittelschule. Der junge Flüchtling aus Afghanistan weiß genau was er will, nämlich ein gutes Mittlere-Reife-Zeugnis, das ihm den Zugang zur FOS ermöglicht. Nach einem Jahr in der Übergangsklasse in Gilching, waren seine Leistungen so gut, dass er in die Regelklasse in Gauting wechseln konnte und den Zustieg zum M-Zug erreicht hat, berichtet Rektorin Isolde Wengenmeyer. Er gilt als positives Beispiel, wie jugendliche Flüchtlinge ehrgeizige Ziele entwickeln und sie mit viel Fleiß verfolgen.

Zur Informationsveranstaltung mit dem Thema "Schule und Berufsausbildung" der Berufsschule Starnberg und der Mittelschule Gauting im evangelischen Gemeindezentrum kamen mehr als 80 Asylhelfer, Coaches der Mittelschule und junge Flüchtlinge. Es sei nicht immer einfach, den Jugendlichen und ihren Eltern klar zu machen, dass in Bayern die Schulpflicht grundsätzlich zwölf Jahre dauere. Nach Abschluss der Mittelschule gebe es weitere drei Jahre Berufsschulpflicht, betonte Kristin Groß-Stolte, Fachbetreuerin Wirtschaft im Staatlichen Beruflichen Zentrum in Starnberg. Wer unentschuldigt fehle, müsse damit rechnen, dass die Polizei den Aufenthaltsort feststellt. Es sei darum sinnvoll, darauf zu achten, dass bei jedem Behördentermin die Schule vorher informiert werde, riet Wengenmeyer den Asylhelfern und Betreuern. Sie habe dafür Extra-Formulare entwickelt.

"Wir müssen bei allem im Hinterkopf haben, dass die Jugendlichen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen", sagt die Mittelschulleiterin. Manche waren noch nie in der Schule, manche kommen aus gebildeten Schichten und haben gute Arabisch-Kenntnisse, müssen jedoch erst das europäische Alphabet lernen, manche können sogar etwas Englisch schreiben. "Und - die Flüchtlingskinder brauchen Zeit", betont Wengenmeyer. Es sei wichtig für die Coaches, die Erwartungen nicht zu hoch anzusetzen. Für manche Schüler stelle das deutsche Unterrichtssystem eine Hürde dar, weil es eigenständiges Denken verlange und nicht nur auf Auswendiglernen setze. "Mein Kopf ist dafür nicht gemacht", habe sich ein Bub beklagt, der zwar gut rechnen konnte, Lücken-Aufgaben aber einfach nicht verstand, berichtet die Schulleiterin. Die Übergangsklassen, die für alle ausländischen Kinder ohne fundierte Deutschkenntnisse eingerichtet wurden, legen den Fokus aufs Deutschlernen. Viele könnten schon bald Deutsch sprechen, aber noch nicht schreiben. Eine gute Übung fürs Sprachverständnis sei das deutsche Fernsehen. Für gute Schüler gebe es in Gauting die Möglichkeit, parallel einen Probelauf in der Regelklasse zu absolvieren und stundenweise am Regelunterricht teilzunehmen. Nach zwei Jahren müssten die Schüler fit genug sein und von der Ü-Klasse, die vom Alter her sehr gemischt ist, in die Regelklasse wechseln.

Gute Aussichten für eine Berufsausbildung prophezeit Berufsschulleiterin Kristin Groß-Stolte. Selbst wenn ein Eignungstest nicht geklappt habe, sei es möglich, über Praktika zu einem Ausbildungsplatz zu kommen. Neben dem Vertrag mit dem Lehrherrn sei ein Vertrag mit der zuständigen Kammer und eine Genehmigung der Ausländerbehörde notwendig, betonte sie. Sie beschwor die Coaches, darauf hinzuwirken, dass deren Schützlinge die Ausbildung nicht bei der ersten Schwierigkeit abbrechen. Die Noten der Berufsschule hätten keinen Einfluss auf die Note der Prüfung vor der jeweiligen Kammer. Wer dort die Note 3,0 erreiche, bekomme das Mittlere-Reife-Zeugnis als Zugang für die FOS/BOS, Techniker- oder Meisterschule.