Fischer auf dem Starnberger See Im Netz verfangen

Rudolf Müller und seine Tochter Susanne Huber fahren auch im Winter hinaus. Hund Lea liebt die eisigen "Ausflüge" mit dem Fischerboot.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Starnberger See hat seine eigenen Gesetze und überrascht die Menschen, die von ihm leben, immer wieder aufs Neue. Auch im Winter fahren Fischer täglich hinaus aufs Wasser - doch zum Leben reicht der Fang meist nicht. Eine Bootstour mit Susanne Huber.

Von Benjamin Engel

Kurz nach Sonnenaufgang, der Januarmorgen dämmert zaghaft. Das Thermometer zeigt minus drei Grad Celsius an. Über dem Südende des Starnberger Sees hängen die Wolken tief. Zwei dünne Eisschollen treiben auf der fast spiegelglatten, grauen Seeoberfläche. Zeit, den Fang einzuholen. Fischermeister Rudolf Müller steht in seinem Boot, das vor Sankt Heinrich liegt, und zieht vorsichtig die Netze aus dem Wasser. Seine Tochter Susanne Huber, ebenfalls Fischwirtschaftsmeisterin, hilft ihm. Sie löst die Knoten, die sich im Netz gebildet haben.

Beide arbeiten trotz der klirrenden Kälte ohne Handschuhe. Ihre Hände tauchen sie immer wieder in den großen Bottich mit heißem Wasser, den sie in ihr Boot gestellt haben. Wie viele Fische haben sich heute in den Netzen verfangen? Zuerst scheint es so zu sein, als ob sie leer ausgehen würden. Doch dann ist in ein paar Metern Tiefe der silbrig-glänzende Leib der ersten Renke zu sehen.

An der ersten von drei Stellen, an denen Müller und Huber am Abend zuvor ihre Netze ausgelegt haben, bleibt die Ausbeute gering. "Zehn Renken, das bedeutet einen schlechten Versuch", sagt Huber. Noch bleiben aber zwei weitere Versuche.

35 Familien, so heißt es auf der Homepage der Fischereigenossenschaft Würmsee, haben derzeit noch das Fischrecht am Starnberger See. Wie Huber erklärt, hat die Genossenschaft das Recht zum Fischen vom Staat gepachtet und gibt es an ihre Mitglieder weiter. Am Starnberger See liegt das Fischereirecht auf den Anwesen der Fischerfamilien. Mitglied können nur ausgebildete Fischwirtschaftsmeister werden. Zudem muss der Betreffende notariell nachweisen, dass er das Anwesen übernehmen konnte, auf dem ein Fischereirecht besteht.

Meist werden diese Rechte von Generation zu Generation weitergegeben. Seit mindestens 1868 übe die Familie das Fischrecht auf dem Hof in Sankt Heinrich aus, sagt der 79-jährige Müller. "Meine Tochter gehört zur siebten Generation."

In aller Regel fährt Müller viermal pro Woche zum Fischen auf den See. Und auch wenn die Ausbeute im Winter geringer ist, kann sich Müller keinen schöneren Beruf vorstellen. "Wir verarbeiten ein hochwertiges Lebensmittel, das sonst keiner hat", sagt er. Schließlich ist er sein eigener Herr, kein Vorgesetzter kann ihn entlassen oder ihm sagen, was er zu tun und zu lassen hat. "Unsere Arbeit ist ein Privileg", ergänzt seine 47-jährige Tochter. Vom Fang bis zum veredelten Produkt könnten sie alle Arbeitsschritte selbst erledigen. Zudem gebe es nur noch wenige Berufe mit so langer Tradition, sagt Huber.

Die Fischerei am Starnberger See ist nicht nur traditionsreich, sondern mitunter auch gefährlich. "Ich bin durch Liebe und durch Unglück an den See gekommen", sagt Müller, der aus Wasserburg am Bodensee stammt. In die Fischerfamilie aus Sankt Heinrich hat er eingeheiratet. Seine spätere Frau lernte er an der Landesfischereianstalt in Starnberg kennen, an der er 1959 auch seine Meisterprüfung zum Fischer abgelegt hat.

1961 zog er mit ihr zuerst einmal zurück an den Bodensee. Dort kam neben Tochter Susanne auch eine weitere Tochter zur Welt. Sein Schwager übte derweil in Sankt Heinrich das Fischrecht aus. Er ertrank acht Jahre später beim Fischen im Starnberger See.