Extremsport Pionier am Berg

Gunter Lang hat mehr als 500 Alpinisten ausgebildet - vor allem in der Rettung aus Gletscherspalten. Der Tutzinger war weltweit unterwegs

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Der Mann hätte aus der Gletscherspalte gerettet werden können, mit einem einfachen Handgriff. Aber er stirbt, hilflos im Seil hängend. Vier Bergsteiger haben es nicht geschafft, ihren Kameraden am Schweizer Aletsch-Gletscher lebend zu bergen. Das Seil schnitt in die Gletscherkante ein. "Man hätte nur einen Eispickel an die Kante legen müssen", sagt Gunter Lang heute rückblickend. Der 79-jährige Tutzinger Alpinist wird es nie vergessen, das verschnürte Bündel mit dem toten Mann auf dem Gletscher, das er als junger Bergsteiger beim Abstieg passierte. Lang zog aus dem tödlichen Unfall Konsequenzen: Er absolvierte im Deutschen Alpenverein (DAV) einen der ersten Kurse zur Bergung aus Gletscherspalten. In 50 Jahren als Fachübungsleiter der DAV-Sektion Tutzing hat Lang selbst in Kletterkursen und Gletscherausbildungen mehr als 500 Alpinisten ausgebildet. Und er hat weltweit als Hochtourenführer, Skitourengeher, Wildwasserkajakfahrer, Mountainbiker und Höhlenforscher spektakuläre Berg- und Naturabenteuer oft nur mit Glück überstanden. Unerschütterliches Selbstbewusstsein und sein Humor haben sicher auch geholfen.

Diese Fähigkeiten kamen ihm schon als Schüler in der Oberpfalz zugute. Er flog 1954 von der Schule, weil der Religionslehrer einen Brief von ihm an eine Flamme aus der Mädchenrealschule abgefangen hatte. Abgestempelt als Versager begann Lang eine Lehre als Chemielaborant an der Münchner Uni und entdeckte seine Liebe zu den Münchner Hausbergen. Und seinen Ehrgeiz, sich zu beweisen.

Als erste Klettertour hatte er sich gleich die Watzmann-Ostwand auserkoren. "Mein Freund und ich haben uns heillos verstiegen", erinnert er sich in seinem Tutzinger Haus. Die beiden mussten in einer Biwakschachtel übernachten. Drei erfahrene Bergsteiger, die zufällig nachstiegen, wiesen ihnen den Weg "Wir waren unbedarft, absolut." Mit 20 Jahren musste er zur Bundeswehr und machte das Beste aus der Zeit. Er ging nach Mittenwald zu den Gebirgsjägern und lernte Skifahren. Das Karwendel, die Mittenwalder Berge, Stubai - "das hat einen geprägt".

Angst kennt der 79-jährige Gunter Lang nicht. Darum kann er auch auf einem exponierten Platz wie diesem Felsvorsprung in Südafrika entspannt lächeln.

(Foto: Privat)

Ein Glücksfall für den Bergliebhaber, dass er als Biotechnologe in Tutzing Arbeit fand. Und in seiner Frau Gerda, der früheren Standesbeamtin im Tutzinger Rathaus, eine oftmalige Begleiterin in die Bergwelt, die auch beim Klettern im 5. Grad mithielt. Die Routen, die Lang als Hochtourenführer mit Gruppen gemacht hat, lassen Kennern die Ohren klingeln: die Piz-Palü-Überschreitung etwa, die Pallavicinirinne am Großglockner, die Badile-Nordostwand, damals eine der letzten großen Herausforderungen in den Westalpen, Eisklettern in der Habicht-Nordwand am Mischbachferner, die Überschreitung von vier Viertausendern am Nadelgrat im Wallis. Bei einer Anden-Tour erklomm er in Bolivien den 6450 Meter hohen Illimani. Skitouren führte Lang unter anderem am Großvenediger und Monte Rosa, er machte die Berner Alpen-Durchquerung und bewältigte die Extrem-Skiabfahrt "Neue Welt" vom Schneefernerkopf nach Ehrwald, bei der man sich 50 Meter abseilen muss.

Nicht immer ging es gut: Beim Klettertraining an der Falkenwand bei Ettal stürzte er sieben Meter bis zum Einstieg ab. "Blöd. Während des Sturzes hab' ich nach rechts geschaut, obwohl links doch die schönere Aussicht gewesen wäre." Mit gebrochenem Lendenwirbel musste er die gesamten 100 Höhenmeter bis zur Ammer auf allen Vieren hinunter kriechen.

Dramatisch verlief eine Rettung am Massiv Grand Combin in der Schweiz vor 20 Jahren. "Im Nebel haben wir die Abfahrt nicht gefunden. Mein Freund Max hat sich das Schien- und Wadenbein gebrochen. Und obwohl die Hütte nur sieben Kilometer Luftlinie entfernt war, hatten wir keine Chance hinzukommen. Wir mussten uns auf 4000 Meter in einer Gletscherspalte eingraben", erzählt Lang. Freunde verständigten zwar die Bergwacht samt Hubschrauber. Aber der Heli konnte auch am nächsten Tag wegen schlechter Sicht nicht fliegen. "Der Pilot war halt ein bissl wehleidig, hat lieber auf der Hütte übernachtet", frotzelt Lang. Die drei Bergsteiger mussten noch eine zweite Nacht im "Hotel de Glacier" überstehen. Erst dann konnte der Hubschrauber aufsetzen, nur schnell mit einer Kufe, Lang und seine Freunde wurden angeseilt und hineingezogen. 25 000 Franken kostete der Heli-Einsatz - nur gut, dass die Versicherung für DAV-Mitglieder derartige Bergungsrechnungen übernimmt.

Den Tutzinger Alpinist locken immer neue Herausforderungen, auch Klettertouren im 5. Schwierigkeitsgrad.

(Foto: Repro: Nila Thiel)

Stolz ist der Tutzinger auf zwei Erstbesteigungen. Vor sieben Jahren organisierte die Sektion, dessen stellvertretender Vorsitzender er mehrere Jahre war, eine Fahrt nach Südgrönland. "Lauter 35- bis 40-Jährige und die nahmen mich alten Sack mit", lacht Lang. Drei Wochen campten die Bergsteiger mit Zelten und Astronautennahrung auf der Insel Pamiagdluk. Völlig einsam, seit Jahrzehnten kein Mensch dagewesen. Bergsteigerisch eine Herausforderung: Direkt aus dem Meer ragen 1000 Meter hohe Pfeiler. "Klettern bis zum 5. Schwierigkeitsgrad, 30 Seillängen, Dauer 18 Stunden", umreißt Lang die Strapazen.

Einen Traum erfüllte er sich mit seiner 800 Kilometer langen Mountainbike-Tour von Lhasa nach Kathmandu. Auf dem Weg: Vier Pässe über 5000 Meter. Der 1,72 Meter große Mann sucht nicht nur neue Reize in der Höhe, sondern auch in Höhlen. Wie das Angerloch am Simetsberg bei Wallgau, wo Fledermäuse überwintern, und die 2,8 Kilometer lange Frickenhöhle bei Garmisch. Immer wieder begleitete er mit der Tutzinger Lehrerin Elisabeth Kiermair Schüler zum Abschluss von Geologiekursen auf Höhlen-Exkursionen. Vulkanbesteigungen oder Touren mit dem Zweier-Kanadier wie die 1000-Kilometer-Strecke auf dem Yukon in Kanada zählt Lang ebenfalls zu seinen Highlights, von denen in seinem Haus viele Fotos zu sehen sind. Er freut sich, dass er auch seine beiden Kinder und die vier Enkel für die Berge begeistern konnte.

Sein Leben lang wollte er Neues erleben, außergewöhnliche Landschaften sehen, den Körper in Bewegung spüren. Jetzt fühlt er: "Der Zahn der Zeit nagt an mir. Der Sauerstofftransport in meinem Blut ist eingeschränkt." Sein Zugeständnis, um sich den Aufstieg zu den Berghütten zu erleichtern, ist ein E-Bike. So kann man ihn immer noch auf der 3200 Meter hohen Hochstubaihütte treffen oder dem Padasterjochhaus im wenig bekannten österreichischen Gschnitztal.