Engagement für eine bessere Nahversorgung Von der Seine an den Wörthsee

Johannes Englmeier eröffnet den Dorfladen in Steinebach, stellt das Sortiment auf bio und regional um und betreibt auch den Kiosk in der Maistraße. Der 51-Jährige wuchs in Frankreich auf und lernte bei renommierten Köchen.

Von Astrid Becker, Wörthsee

Vielleicht wohnt dem Heimweh eine schöpferische Kraft inne. So soll es Menschen geben, die daraus künstlerische Inspiration gewinnen. Etwa dann, wenn sie Gedichte schreiben, musizieren oder sich sonstigen kreativen Tätigkeiten widmen, um die Sehnsucht nach dem Zuhause irgendwie einzudämmen. Auch bei Johannes Englmeier könnte sich Heimweh recht positiv ausgewirkt haben. Der 51-Jährige hat jedenfalls ein recht probates Rezept gefunden, um seiner Wehmut gerecht zu werden: Er engagiert sich in Steinebach. Ehrenamtlich wie beruflich. So hat er am Donnerstag zusammen mit seinen Mitstreitern den Dorfladen eröffnet, er betreibt neuerdings den Kiosk in der Maistraße und am Dienstag wird er zusammen mit dem Produktdesigner Andreas Huber seine Idee von einem Skulpturenweg in der Gemeinde realisieren.

Johannes Englmeier und seine ehrenamtlichen Mitstreiter haben mit dem Dorfladen ein ambitioniertes Projekt realisiert, das sich aus Genossenschaftsanteilen vorfinanziert hat. Das Geschäft soll montags bis freitags von 8 bis 20 Uhr und samstags von 8 bis 16 Uhr geöffnet sein.

(Foto: Nila Thiel)

Englmeiers Heimweh resultiert aus seiner Vita. Zwar ist er 1967 in München geboren worden. Aber kurz danach wanderten seine Eltern nach Frankreich aus, genauer nach Fontainebleau, einer knapp 15 000 Einwohner zählenden Stadt an der Seine, südlich von Paris. Eine Gegend, die wie dazu geschaffen ist, kreative Menschen hervorzubringen. So birgt sie Schloss Fontainebleau, das als erster Renaissancebau Frankreichs gilt und mittlerweile den Status eines Unesco-Weltkulturerbes innehat. Der Komponist Giuseppe Verdi ließ hier den ersten Akt seiner Oper "Don Carlos" spielen, Théodore Rousseau begründete dort die Malereigattung des Paysage intime, die als Vorläufer des Impressionismus gilt. Für Englmeiers Familie bot sie aber auch noch viele Möglichkeiten, gut zu essen und zu trinken: "Eine Leidenschaft meiner Eltern. Sie haben mich von einem Sternelokal zum nächsten geschleppt", erzählt er. Diese ersten Auseinandersetzungen mit der Kulinarik hätten ihn auch dazu gebracht, selbst Koch zu lernen. Und zwar im gehobeneren Segment. Er arbeitete in diversen Sternelokalen in der Gegend von Fontainebleau, in Paris oder auch in London. Mit 22 Jahren hätte es ihn wieder nach Deutschland verschlagen, erzählt er. Genauer gesagt nach München. Für Karl Ederer habe er damals im "Glockenbach" gearbeitet und später die Mitarbeiter einer führenden Kanzlei in München bekocht, ehe er sich als Caterer unter dem Firmennamen "art culinaire" selbständig machte.

Vor gut drei Wochen hat Englmeier auch noch den Kiosk an der Maistraße übernommen. Hier gibt es bei schönem Wetter Getränke, frisch zubereitete Wraps und Eis.

(Foto: Nila Thiel)

Die Liebe, so sagt er, habe ihn dann nach Steinebach gebracht. Seine Lebensgefährtin Sandra Bäumler habe hier einst ein Ferienhaus besessen, seit acht Jahren jedoch wohnten beide mit ihren fünf Kindern im Ortsteil Walchstadt. Von Anfang an sei für beide klar gewesen, sich für ihre neue Heimat zu engagieren. Über die Gruppierung "Wörthsee aktiv", in der beide vertreten sind, sei er zu der Idee mit dem Dorfladen gekommen. Viele Jahre wurde darum in Steinebach gerungen - bis sich mit Johannes Englmeier ein echter Profi in Sachen Lebensmittel gefunden hatte. Er stellte das Konzept von "konventionell" auf "bio und regional" um. Von Donnerstag an sollen die Wörthseer nun in den Regalen im ehemaligen Sparkassengebäude in der Etterschlager Straße alles finden, was sie für den täglichen Bedarf benötigen: Wurstwaren etwa von der Seefelder Metzgerei Ruf, Backwaren von der Bäckerei Cramer in Gauting, Bioweine, Pasta, Molkereiprodukte vom Ökoring und sogar ein Bistro, in dem Suppen und Eintöpfe, Antipasti und wechselnde Hauptgerichte serviert werden. Seit gut drei Wochen ist er nun auch der Pächter des Kiosks Maistraße. Sein Traum, dort einen kleinen französischen Foodtruck aufzustellen, hat sich zwar noch nicht erfüllt, soll aber noch kommen.

Zunächst aber will er erst einmal die Anwohner von sich überzeugen. Sie hatten sich über Englmeiers Vorgänger, den Herrschinger Fischhändler Mato beschwert, weil der angeblich bis tief in die Nacht geöffnet hatte. Bei Englmeier ist daher nun allerspätestens um 21 Uhr Schluss. Als nächstes steht für ihn der Skulpturenweg an, für den am Dienstag der Startpunkt am Rathaus eröffnet wird. Auch daran arbeitet er derzeit hart. Doch dieses Engagement hat einen positiven Nebeneffekt: Englmeier hat nicht viel Zeit für anderes. Schon gar nicht für Heimweh.