Contergan-Skandal "Meine Mutter hatte Angst, dass mir jemand die Hände abhackt"

Sein Vater war als Forscher in den Contergan-Skandal verwickelt, Albrecht von Schrader-Beielstein lebt als Arzt in Wörthsee. Nun spricht er über die Angst seiner Familie vor Racheakten und das fehlende Schuldbewusstsein seines Vaters.

Interview: Dietrich Mittler

Der Vater von Albrecht von Schrader-Beielstein war einer der Angeklagten des Contergan-Prozesses, der 1970 im Vergleich endete. Der heute 57-jährige Sohn lebt als Arzt in Wörthsee.

Albrecht Schrader-Beielstein, 57, arbeitet als Arzt in Wörthsee im Landkreis Starnberg.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

SZ: Wann in Ihrem Leben hörten Sie zum ersten Mal das Wort Contergan?

Albrecht von Schrader-Beielstein: Da war ich sechs Jahre alt. Mir fiel damals auf, dass mein Vater immer so lange im Büro war. Als ich meine Mutter fragte, warum das so ist, da sagte sie mir, es gäbe Schwierigkeiten mit einem Medikament. Und das heiße Contergan.

SZ: Wie wirkten Ihre Eltern auf Sie - nervös, angespannt?

Schrader-Beielstein: Ja, doch. Mehr als einmal sah ich meine Mutter weinen. Richtig bewusst wurde mir der Ernst der Lage aber erst 1963. Da war ich neun Jahre alt. In dieser Zeit sah ich meinen Vater nur noch in Begleitung - heute würde man sagen "der grauen Männer" - also von Rechtsanwälten. Unser Wohnzimmer war jeden Abend zugesperrt, weil dort die Vorbereitung auf den Prozess stattfand.

SZ: Empfanden Sie das als spannend, oder eher doch als belastend?

Schrader-Beielstein: Wir mussten immer den Mund halten, wenn die "grauen Männer" da waren. Meine Mutter hat uns bedeutet, dass der Prozess in die entscheidende Phase geht, und dass es jetzt darum geht: Kommt Papa ins Gefängnis - oder nicht? Ich habe immer noch die Worte meiner Mutter im Ohr: "Ihr müsst jetzt ruhig sein, sonst kommt Papa ins Gefängnis!"

SZ: Ihre Familie war also traumatisiert?

Schrader-Beielstein: Insbesondere meine Mutter. Sie lebte in ständiger Angst, dass mich Eltern von Contergan-Kindern auf dem Schulweg abfangen könnten und mir aus Rache für ihr behindertes Kind die Hände abhacken. So wurden wir immer zur Schule gefahren, was damals eher unüblich war.

SZ: Welche Rolle spielte Ihr Vater in der Contergan-Affäre?

Schrader-Beielstein: Als stellvertretender Forschungsleiter war er mit verantwortlich für die Vortestung des Medikaments. Es war zwar damals unüblich, die Auswirkungen der Substanzen auf Embryos zu untersuchen. Aber der Knackpunkt war ja der: Zum Zeitpunkt der ersten Meldungen über verendete Embryos und missgebildete Neugeborene wurde nicht früh genug reagiert. Das Medikament war wirtschaftlich gesehen ein Renner, wurde vermarktet als gutes Schlafmittel und als Mittel gegen Übelkeit bei Schwangeren.

SZ: Aus heutiger Sicht war das eine fatale Fehlentscheidung.

Schrader-Beielstein: Man muss auch fairerweise sagen: Die meisten Frauen, bei deren Kindern es zu Schädigungen kam, hatten eine Überdosis von Contergan genommen. Das war früher üblich, man kennt das noch von Marilyn Monroe: Die hat sich zwei, drei Schlaftabletten reingehauen - und noch einen Whisky obendrauf. Das wird in der heutigen Diskussion oft vergessen.

SZ: Wollen Sie damit etwa sagen, die Frauen waren selber schuld?

Schrader-Beielstein: Nein, nein, nein, nein, nein! Das Mittel hat die Embryonen geschädigt - eindeutig. Aber viele Leute haben früher einfach nicht den Beipackzettel gelesen. Die haben gesagt: "Das Zeug wirkt, da nehme ich lieber gleich zwei Tabletten von."

SZ: Das Medikament ist bis heute auf dem Markt - unter welchem Namen?

Schrader-Beielstein: Das heißt jetzt Thalidomid. Es wird auch bei uns eingesetzt: bei besonderen Formen von Blutkrebs. In Israel und in Afrika wird es auch hergenommen bei Lepra, und da hat es eine hervorragende Wirkung. Aber das Medikament wird auch weiterhin als Schlafmittel verkauft - nicht bei uns, aber in Südamerika oder in Afrika. Man muss allerdings hinzufügen, dass sich die Firma Grünenthal von diesem Produkt getrennt hat, es wird nun von anderen hergestellt.

SZ: Es ist also davon auszugehen, dass in Südamerika und in Afrika weiterhin Contergan-geschädigte Kinder auf die Welt kommen?

Schrader-Beielstein: Das ist sehr wahrscheinlich, aber keiner schaut danach. Wir haben dafür nur Belege aus Brasilien und Uruguay.

SZ: Wie haben Sie Ihren Vater als Mensch in Erinnerung?

Schrader-Beielstein: Er war gewissenhaft, sehr genau. Ich hörte mehrfach, dass er wohl zu erreichen versucht hatte, dass die Firma Grünenthal Contergan vom Markt nimmt. Aber da konnte er sich nicht durchsetzen. Nach Ende des Contergan-Prozesses hat er Grünenthal umgehend verlassen, weil er der Auffassung war, dass das nicht fair und korrekt abgelaufen war. Er hätte es gerne früher getan, doch er brauchte während des Prozesses den Rechtsschutz der Firma - es ging ja um Unsummen von Geld.

SZ: Haben Sie als Erwachsener mit Ihrem Vater noch darüber gesprochen?

Schrader-Beielstein: Ja, natürlich. Er hatte - auch noch, als er dann hier in Bayern lebte - sämtliche Prozessakten als Kopien aufbewahrt.

SZ: Hat er sich Vorwürfe gemacht?

Schrader-Beielstein: Nein, ein Schuldbewusstsein im klassischen Sinne hatte er sicherlich nicht. Er sagte sich stets, dass er als Forscher alles gemacht hatte, was damals üblich war. Doch er war sehr glücklich, als nach dem Contergan-Skandal ein neues Arzneimittelgesetz beschlossen wurde, das für solche Katastrophen gar keinen Raum mehr lässt.

SZ: Was empfinden Sie beim Anblick von Contergan-Opfern?

Schrader-Beielstein: Es betrübt mich, dass sie keinen größeren finanziellen Ausgleich bekommen. Viele sind letztlich auf Hartz-IV angewiesen. Das ist sehr traurig.