Berg Der fleißige Vagabund

Der Sänger Fred Bertelmann trägt sich ins Goldene Buch von Berg ein. Der 87-Jährige ist noch immer viel unterwegs.

Von Sebastian Lang

Mit Gitarre und Hut als "lachenden Vagabunden" kennt man ihn: Fred Bertelmann trägt sich in Anwesenheit von Bürgermeister Rupert Monn ins Goldene Buch von Berg ein.Foto: Georgine Treybal

(Foto: Georgine Treybal)

- Es ist ein freundlicher Novembertag. Die Sonne scheint, ein paar Wolkenfetzen ziehen über einen blauen Himmel und eine leichte Brise lässt Laub durch die Straße purzeln. An einer unauffälligen Kreuzung steht ein ebenso unauffälliges Haus. Das Weiß der Wände ist mit einer feinen Schmutzschicht überzogen und es bahnt sich an manchen Stellen eine Kletterpflanze ihren Weg in Richtung Dach. Eine große Hecke versperrt den Blick in den Garten. Die kleine Tür am Zaun ist nur angelehnt, dahinter verläuft ein schmaler Weg aus Steinplatten hin zu einer hölzernen Haustür. Kein Namensschild, keine Hausnummer. Es ist still. Kein "DingDong", wenn man die Klingel betätigt, aber trotzdem scheint der Knopfdruck etwas im Inneren des Hauses zu bewirken, auch wenn ein paar Augenblicke lang nichts passiert. Dann, kurz vor dem nächsten Versuch, öffnet sich die Tür. Fred Bertelmann steht auf der Schwelle, bittet mit seiner markanten Stimme herein.

Hier in Berg lebt er nun schon seit 55 Jahren mit seiner Frau, der Fernsehansagerin und Schauspielerin Ruth Kappelsberger. Am gestrigen Freitag trug er sich nun ins Goldene Buch der Gemeinde ein, "wahrscheinlich, weil ich schon so lange hier lebe", scherzt er. Berg, das Dorf am Starnberger See, hat es ihm angetan. Hier fühlt er sich wohl, hier ist seine Heimat. Doch, obwohl Bertelmann schon 87 Jahre alt ist, ist er noch immer viel unterwegs. Erst vor kurzem stand er elf Mal in Berlin auf der Bühne. Er berichtet von Standing Ovations und Leuten, die ihn auf der Straße erkennen, meistens an seiner Stimme, "das hat mir gut getan in meiner Seele", gesteht er ein.

Auch in der nächsten Zeit steht außerordentlich viel auf seinem Programm. "Ich bin wie ein Räderwerk", sagt Bertelmann "ein Rad greift ins andere" und noch scheint nichts zu rosten. Er weiß aber auch: "Die Stimme ist kein Instrument", irgendwann werde sie ihm signalisieren, dass nun Schluss ist. Aber bis dahin will Bertelmann aktiv sein und seine Arbeit, die er als sein Hobby ansieht, ausüben. Eine Tatsache, die veranschaulicht, wie viel Spaß er an dem hat, was er tut. "Ich bin ein echtes Arbeitsviech", meint er.

Hier und da braucht er aber etwas Erholung, ein wenig Ruhe. Auch weil seine Frau schwer krank ist und er sich um den Haushalt kümmern muss. So kam es, dass er sich eine weitere Kunst aneignete, die Kunst des Kochens. "Ich bin die Minna", sagt er über sich und lacht. Zudem beschäftigt ihn zunehmend die Malerei. Bertelmann hat sich ein kleines Arbeitszimmer mit Blick auf den Garten eingerichtet. Da steht ein an die Wand geschobenes Klavier, ein paar große und kleine Holzschränke und eine Staffelei in der Mitte des Raumes, auf der sein neuestes Gemälde ruht: ein orangefarbener Blumenstrauß. Die Farbe ist noch frisch und glänzt im hereinfallenden Sonnenlicht. Ein schönes Kunstwerk. An der Wand im Wohnzimmer hat er einige seiner Gemälde hängen. Eines davon zeigt Edvard Munchs "Madonna", gewelltes dunkelbraunes Haar fällt auf einen nackten weiblichen Oberkörper. Der Kopf ist geneigt und die Augen geschlossen. Die Gesichtszüge wirken friedlich und entspannt. Der Hintergrund verschwimmt in ausdrucksstarken Rottönen. Als Bertelmann das Originalbild in Oslo sah, prägte er es sich genau ein. Zu Hause angekommen, malte er es nach, ohne es nochmals studiert zu haben. Dieses Nachmalen steht sinnbildlich für eine seiner ganz großen Lebensphilosophien - die Augen offen zu halten. "Ich habe alles aufgefressen mit den Augen", verrät Bertelmann.

Mit dem Hit "Der lachende Vagabund" begann 1957 seine Karriere. Doch bei der Musik allein blieb es nicht. Es folgten Auftritte im Fernsehen, Theater und Musicals. Zudem wirkte er als Schauspieler in 16 Spielfilmen mit - darunter "Das blaue Meer und du", "Gitarren klingen leise durch die Nacht" und "Geliebte Bestie". Nun steht sein Name neben Dietrich Fischer-Dieskau, Julia Varady und Heinz Rühmann im Goldenen Buch. In Berg kennen ihn die Leute als fleißigen Spaziergänger, der gerne lächelt und nennen ihn schon deshalb den "lachenden Vagabunden".