Ausstellung Kehrseite der Idylle

Zeigt den ästhetischen Totalschaden: Christoph Ramm.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Christoph Ramm stellt seine Fotos im Bosco aus

Von Blanche Mamer, Gauting

Auf den ersten Blick wirken die riesigen "Ansichtskarten" extrem bunt und seltsam kitschig. Doch beim näheren Hinsehen entpuppen sie sich als hässliche Rückseiten der Postkartenidyllen und als "urbane Scheußlichkeiten", wie der Fotograf Christoph Ramm aus Gauting selbst sagt. Seine Fotoserien sind derzeit im Bosco in Gauting ausgestellt. Die ursprünglichen Bilder hat er vergrößert, digital nachbearbeitet, koloriert und verfremdet, jedenfalls überfrachtet mit Farben und Publikum.

Da ist beispielsweise gleich auf halber Höhe der Treppe die Aufnahme "Top of Germany". Das Bild zeigt den höchsten Berg Deutschlands, die Zugspitze. Deren typische Silhouette ist nicht mehr zu sehen, sie ist unter einer Ankunft- und Aussichtsplattform verschwunden, völlig zubetoniert und mit riesigen Glasscheiben verunziert. Dahinter sind viele bunte Figuren zu sehen, die durch das Glas auf die Bergwelt starren. Er wolle den Blick des Publikums schärfen. Die Betrachter sollen die von Menschen geschaffene Hässlichkeit wahrnehmen, sagt Ramm. Wer "diese ökologische Verantwortungslosigkeit und den ästhetischen Totalschaden"erkenne, der könne einfach nicht mehr auf die Zugspitze hinauffahren.

Christoph Ramm, der im realen Leben Onlinemarketingberater in München ist und seit zehn Jahren mit seiner Familie in Gauting lebt, ist ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf, der viel Zeit und Energie in seine Liebhaberei investiert. Er laufe oft stundenlang durch Gegenden und Landschaften, bis ihn plötzlich so ein Anti-Postkartenmotiv anspringe, sagt er. Von der heilen Welt der üblichen Ansichtskarten bleibt nach seiner Bearbeitung nichts mehr übrig, selbst wenn ein königsblauer Himmel und weißen Wolkentürme zunächst dem Klischee entsprechen.

Ramm will indes nicht nur Kritik daran üben, dass die Menschen so hässliche Orte schaffen, er beanstandet vor allem, dass sie sich von den hochgestylten Werbebildern täuschen lassen. Ein wenig versteckt an einer Säule hängt eine Ansicht von Berlin: die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Ruine aus dem Zweiten Weltkrieg, davor der moderne achteckige Kirchenbau von Egon Eiermann aus den 1960er Jahren aus vorwiegend blauen Glasbausteinen - und im Vordergrund ein buntes Jahrmarktstreiben mit einer ans Moulin Rouge erinnernden Windmühle. Dieses Sammelsurium habe ihn extrem irritiert, sagt Ramm. Die Ansicht habe ihn gefunden. Die meiste Zeit koste das Sichten und Aussortieren der Bilder, unter 800 Fotos sei vielleicht eins, das ihm gefalle und das er weiter bearbeite.

Ganz andern als die bunten Ansichtskarten wirken die Fotos aus der Serie "Reflexionen". Die in trübem Grau gehaltenen Aufnahmen hinter Glas hängen gleich gegenüber von dem Eingang zum Großen Saal und verblüffen durch ihre Doppelungen. Je nach Lichteinfall spiegeln sie zusätzlich den Betrachter, der als Schatten zu erkennen ist. Doppelbelichtungen oder digitale Bearbeitung meint man zu erkennen, doch das Geheimnis versteckt sich in Glasscheiben, wie Ramm erklärt.

Die Spiegelungen seien echt, er habe die Fotos durch reale Fenster aufgenommen, so dass aus zwei Räumen einer entstehe. Der trompe l'oeil-Effekt wird besonders deutlich in einem Foto von zwei hintereinander stehenden Zugabteilen. Die Passagiere bewegen sich in einem einzigen, so nicht existierenden Raum. Oder die Aufnahme "Stairway to hell", in der sich zwei Rolltreppen zu einer verbinden, aber so auseinanderdriften, dass die abgebildeten Menschen durch die Luft gehen und so eine im wirklichen Leben unüberwindbare Barriere passieren.

Viele Bilder entstehen auf Dienstreisen. Jedes Blatt ist auf sieben Exemplare limitiert, 50 Prozent vom Erlös gehen an den Bund Naturschutz, berichtet Ramm. Und ist voll des Lobes für seine Wahlheimat Gauting. Der Schlosspark und die Würm haben es ihm angetan. Er hofft nun darauf, dass das neue Schlosscafé wieder so erfolgreich und spannend wird wie das ehemalige Café im Schloss. Das Bosco sei eine "tolle Sache".

Imponierend findet er auch das Engagement der Bürger. "Als ich mich beim Helferkreis Asyl gemeldet habe, hatte ich Schwierigkeiten, eine Aufgabe zu finden. Alles, was für mich in Frage kam, war schon besetzt", sagt er und lacht.

Die Ausstellung ist bis Freitag, 16. Dezember, zu den Öffnungszeiten des Büros im Bosco und vor den Vorstellungen zu sehen.