Organisation ist alles Mister Kultur

Konstantin Fritz hat als Pressesprecher neun Festivals und Reihen unter seine Fittiche genommen, das größte davon ist Helwigs Fünf-Seen-Filmfest. Er selbst sieht sich in der Rolle eines Botschafters.

Von Gerhard Summer, Andechs

Diese Offenheit. Diese unkomplizierte Art. Dieses gewinnende Lachen. Wer Konstantin Fritz zum ersten Mal begegnet, dürfte schnell Zutrauen zu diesem ungewöhnlich freundlichen und klar wirkenden jungen Mann fassen. Zwei-Tage-Bart, dunkelbraun die Mähne, schlaksig die Figur. Mit ein bisschen Faschingsschminke würde der 36-Jährige, der acht Sprachen spricht, leichthin als Sohn eines Maharadschas durchgehen. Womöglich auch als Schiffskapitän. Oder als Abenteurer, was er im Grund seines Herzens auch ist, fast so wie der Opa, ein Bankangestellter aus dem rheinland-pfälzischen Kusel, der mit 28 kündigt und sich scheiden lässt, um seiner großen Leidenschaft nachgehen zu können: der Malerei.

Hannes Fritz, so heißt der Großvater, studiert in München, nennt sich Fritz-München und bereist die Welt. In den Dreißigerjahren avanciert er in Indien zum deutschen Hofmaler der Maharadschas. Er porträtiert die Herrscher, filmt mit einer 16-Millimeter-Kamera an den Fürstenhöfen, begegnet auch Mahatma Gandhi und lebt in Saus und Braus. Fünf Jahre später lässt er sich, wohlhabend geworden, am Starnberger See nieder, in Seeshaupt. Eine Geschichte wie aus 1001 Nacht.

Sich scheiden lassen, um sich seinen Vorlieben widmen zu können? Das würde Konstantin Fritz nie tun, dafür ist der junge Vater, der mit seiner ungarischen Frau Agi und der kleinen Tochter Luisa in Frieding bei Andechs lebt, zu sehr Familienmensch und zu bodenständig. Außerdem ist die Sache die: Ohne ihn stünden die Veranstalter im Fünfseenland ziemlich blöd da. Denn längst könnte, wenn es um Kultur geht, der Eindruck entstehen, dass dieser Mann allgegenwärtig ist, ja, dass es außer ihm keinen anderen Pressesprecher in diesem Landstrich gibt. Denn Fritz übernimmt inzwischen für neun Festivals und Reihen die Pressearbeit, das Marketing und teilweise auch die Suche nach Sponsoren und die Pflege der Homepages. Darunter sind die Brahmstage in Tutzing, die Oper in Starnberg, die Ammerseerenade und die Kunsträume am See. Neu dazu kommt Ende Juni "All that Jazz" in Starnberg. Sein größter Arbeitgeber: Matthias Helwigs Fünf-Seen-Filmfestival. Wie man das alles auf die Reihe bekommt? Der von Zuhause aus arbeitende Netzwerker sagt leichthin: "Man muss sich schon konzentrieren". Vormals habe er mit Robert Wilson auch 18 bis 20 verschiedene Projekte zugleich vorbereitet, "das lernt man dann schon".

Wilson, der große Theaternomade? Der schon Tom Waits und den "Freischütz" zusammengebracht hat, Lou Reed und "Lulu", Herbert Grönemeyer und "Faust". Ja, dieser Wilson. Nach dem Studium in Berlin, Praktika in Guatemala und Paraguay und nach einem Jahr in China, wo er an der Zhejiang-Universität in Hangzhou die Landessprache lernte, zog Fritz als persönlicher Assistent mit Wilson durch die Welt. "Vier Tage Tokio, sechs Tage Los Angeles, rüber nach New York, drei Wochen in Paris, zwei Wochen Taiwan", sagt er. Am Ende durchquerten die beiden auf ihrer Tour 25 Länder. Fritz' Aufgabe dabei: "Den Menschen durchorganisieren, Korrespondenzen schreiben, die Stimme nach außen sein, mit ihm zu Empfängen gehen, Koffer tragen". Zuweilen sei er sich auch wie ein Sparring-Partner des Regisseurs vorgekommen, der "ein genialer Künstler, aber schon auch herausfordernd" sei. Eine typische Fritz-Formulierung. Ende 2008 war der Job beendet, Wilson, groß auch im Verschleiß, holte sich den nächsten Assistenten. Und Fritz, der Künstler wie Marina Abramovic oder Rufus Wainwright kennengelernt hatte, war nicht traurig. Denn so imposant und glitzernd die Welt der Hochkultur nach außen hin wirken mag, so problematisch sei sie oft im Inneren. Fritz sagt dazu: "Es gibt unglückliche Persönlichkeiten, Alkohol, manchmal Drogen". Er kam zu dem Schluss: "So will ich nicht leben."

Jetzt also Frieding. Ein Leben auf dem Lande, in einer Gegend, "die ich liebe". Von der Terrasse geht der Blick auf einen Stadel, weite Wiesen und Felder. Wenn sich Fritz einen Künstlernamen zulegen würde, dann vielleicht: Fritz-Frieding. Oder Fritz-Seeshaupt. In dem kleinen Ort am Starnberger See ist er aufgewachsen, dort brachte ihn auch Walter Steffen, der Regisseur fürs Regionale, zum Kino. Fritz' Vater, der Rechtsanwalt Wolfdieter Fritz, hatte dem Filmemacher Steffen 2010 von den alten Filmrollen auf dem Speicher erzählt: drei Stunden Material aus den Dreißigerjahren, das der Maler Fritz-München an den Palästen der Maharadschas gedreht hatte. Steffen sei sofort hellhörig geworden, sagt Konstantin Fritz, am Ende machten sich er und der Filmemacher nach Indien auf, um den Spuren des Großvaters zu folgen. Heraus kam der Kinofilm "München in Indien". Fritz trat dabei nicht nur als Hauptdarsteller auf, sondern übernahm auch gleich noch die Pressearbeit, das Sponsoring und übersetzte die deutschen Untertitel ins Englische. Spanisch und Chinesisch wären für ihn auch kein Problem gewesen: Der gebürtige Münchner, der sich gern in "andere Denkweisen" hineinversetzt, spricht auch diese beiden Sprachen fließend.

Seitdem ist Fritz so etwas wie der persönliche Pressesprecher des Regisseurs Steffen. Und im Lauf der Jahre kam ein Angebot zum anderen. Kinochef Helwig sagte 2011 sogar einer Agentur ab und setzte auf den damaligen Anfänger, der seitdem in den turbulenten Filmfestival-Wochen im Sommer einen Zwölf-Stunden-Tag hat. Sieben Stunden davon verbringt er am Telefon, 2000 deutsche Medien stehen auf seiner Liste. Was Helwig an dem jungen Mann überzeugt hat? Sicherlich Fritz' Offenheit. Die unkomplizierte Art. Das gewinnende Lachen. Aber es kommt noch mehr dazu: Der 36-Jährige hat ein Händchen für Themen, er schafft es, den Kontakt mit Redaktionen zu halten, ohne lästig zu sein, er ist Diplomat durch und durch. Vor allem aber: Der "Kulturfreak" Fritz ist überzeugt von den Festivals und Reihen, die er vertritt, und er kann einen mit dieser Begeisterung anstecken. Manchmal ist er selbst davon überrascht, dass er diese Begabung hat; er komme sich dann vor wie ein Botschafter. Ja gut, klinge vielleicht zu hochtrabend. Jedenfalls: "Ich hätte nie gedacht, dass ich Pressesprecher werde."

Sein Opa schmiss alles hin, um seiner Vorliebe nachzugehen. Der Enkel, ein gläubiger Mensch, träumt nur davon. Die Musik ist seine Leidenschaft, er hatte früh Klavierunterricht und trat in seiner Berliner Studienzeit sogar als Solist in Beethovens 2. Klavierkonzert mit einem 80-Mann-Orchester der Freien und der Technischen Universität auf. Inzwischen hat er eine eigene Band, die "Goldrausch" heißt: Er singt und schreibt Songs mit deutschen Texten, die ein wenig in die Richtung der Liedermacher Konstantin Wecker oder Xavier Naidoo gehen. Demnächst tritt das Quartett im Asylbewerberheim im Mühltal auf, und zwar in der Reihe "Juni-Spiele schön jung" (Samstag, 4. Juli). Wer für die Öffentlichkeitsarbeit bei diesen Konzerten zuständig ist? Komische Frage.