Aggressive Kunden Ausraster im Jobcenter

Starnberger Mitarbeiter werden angegriffen, angespuckt und bedroht. Längere Öffnungszeiten sollen die Lage entschärfen.

Von Christine Setzwein, Starnberg

Wenn einem der Nachbar zu sehr auf den Leib rückt, wenn die Luft schlecht, die Verständigung schwierig und die Wartezeit lang ist, wenn Menschen generell unzufrieden sind mit ihrer Lage, dann kann es schnell zu Aggressionen kommen. Die Mitarbeiter des Starnberger Jobcenters wissen das. Sie werden schon mal angespuckt, verbal bedroht oder sogar tätlich angegriffen. Zusätzliche Öffnungszeiten sollen die Lage entschärfen.

Bisher gab es nur eine Nachmittagsöffnung am Donnerstag. "Es war so überlaufen, dass es nicht mehr zumutbar war", sagt Geschäftsführer Gerhart Schindler. Die Menschen standen bis ins Treppenhaus. Jetzt hat das Jobcenter auch Dienstagnachmittag geöffnet.

Auch Geschäftsführer Gerhart Schindler wurde bereits von einem unzufriedenen Kunden angegriffen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Gerhart Schindler ist Sozialarbeiter durch und durch. Seit 1991 arbeitet er im Landratsamt Starnberg, zunächst im Sozialamt und in der Heimaufsicht, dann als Geschäftsführer der Starnberger Arbeitsgemeinschaft zur Grundsicherung für Arbeitssuchende und nun als Chef des Jobcenters. Seine Arbeit ist immer schwieriger geworden - und gefährlicher. Wie gefährlich, zeigt ein Plakat am Eingang zum Jobcenter. Darauf ist unter anderem zu lesen, dass im Jobcenter weder Waffen noch Sachbeschädigungen, Belästigungen oder Beleidigungen akzeptiert werden. "Ich habe null Toleranz gegenüber Aggressionen und Gewalt", sagt Schindler. Er selbst sei einmal von einem Angetrunkenen an die Wand geworfen worden, eine Mitarbeiterin sei bespuckt worden, und ein anderer Kunde habe gedroht, das nächste Mal mit einer Pistole zu kommen. In solchen Fällen sind der Security-Mann, der seit einiger Zeit Dienst tut im Jobcenter, und die Polizei schnell zur Stelle. Schindler: "Und ich erlaube mir, Hausverbote zu erteilen." Heißt: Der Übeltäter wird nur hereingelassen, wenn er einen Termin hat.

Ein Plakat am Eingang zum Jobcenter Starnberg weist darauf hin, dass Gewalt nicht geduldet wird.

(Foto: Arlet Ulfers)

1550 Bedarfsgemeinschaften werden derzeit vom Jobcenter betreut. Eine Bedarfsgemeinschaft kann aus einer Person oder aus einer mehrköpfigen Familie bestehen. Sie teilen sich laut Schindler auf in etwa 1800 Hartz-IV-Empfänger und 695 Langzeitarbeitslose. 2006, erinnert er sich, waren das noch 1200. "Wir haben in Starnberg quasi Vollbeschäftigung." Schindler ist der festen Überzeugung, dass jeder, "der qualifiziert und motiviert ist und keine gesundheitlichen Probleme hat", eine Arbeit findet. Mittlerweile sind 33 Prozent der Jobcenter-Kunden - um die 600 - anerkannte Flüchtlinge. Vor einem Jahr waren es noch 15 Prozent. "Das sind aber nicht die, die ausfällig werden", sagt Gerhart Schindler. Die Flüchtlinge hätten zwar oft falsche Vorstellungen von der hiesigen Arbeitswelt, aber sie seien freundlich und geduldig. Wer in seiner Heimat an Fahrrädern herumgebastelt habe, kann hier nicht gleich Kfz-Mechatroniker werden. Trotzdem, sagt Schindler, "haben wir eine gute Integrationsquote".

Hartz IV

Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten können, werden gemeinhin Hartz IV-Empfänger genannt. Im Sozialgesetzbuch II (SGB) ist von der Grundsicherung für erwerbsfähige Hilfebedürftige die Rede, dem Arbeitslosengeld II. Früher gab es Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, beide wurden 2005 zusammengelegt. Wer früher von der "Stütze" leben musste, war genauso wenig angesehen wie heute "Hartz IVler". Der Regalsatz für Alleinstehende liegt jetzt bei 416 Euro im Monat, für den Partner bei 374 Euro. Kinder bekommen, je nach Alter, von 240 bis 316 Euro. Dieses Geld soll Leistungsberechtigten ein Leben ermöglichen, das "der Würde des Menschen entspricht". Der neue Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will eine Erhöhung der Sätze prüfen. Wer vereinbarte Termine im Jobcenter nicht einhält, Fortbildungsmaßnahmen oder zumutbare Arbeit ablehnt oder die gegen die Meldepflicht verstößt, muss mit einer Kürzung der Regelleistungen rechnen. Der Landkreis Starnberg gab 2017 für die Soziale Sicherung 57,8 Millionen Euro aus. Die Arbeitslosenquote lag im März bei 2,7 Prozent. CSN

Ausrasten würden deutsche Kunden, weil sie angetrunken seien, sich schlecht behandelt fühlten oder zu lange auf ihr Geld warten müssten. "Wenn alle Unterlagen vorliegen, muss ein Antrag innerhalb von 15 Tagen bearbeitet sein, und das halten wir ein", sagt der 62-Jährige. Wobei die Betonung auf "allen" Unterlagen liegt. Dazu gehören außer dem Ausweis zum Beispiel die Kontoauszüge der letzten drei Monate. "Die Hilfsbedürftigkeit muss plausibel sein." Jeder einzelne Antrag braucht eine sorgfältige Prüfung, denn nach dem Gesetz "dürfen wir nur denjenigen Geld geben, die wirklich nichts haben und es brauchen". Freilich ist im Sozialgesetzbuch II auch das Wort "Ermessen" zu finden. Dazu braucht es wiederum geschultes Personal. Auch wenn Schindler derzeit über "49 Köpfe" verfügt - einige Mitarbeiter waren oder sind über Wochen krank. "Dann wird es schwierig." Weniger Personal bedeutet eine längere Bearbeitungszeit im Leistungsbereich. Neues Personal zu finden, ist auch nicht einfach, denn "die Arbeit in einem Jobcenter ist nicht ganz so attraktiv", weiß der Geschäftsführer.

Dabei hält Gerhart Schindler die Arbeit im Jobcenter für sehr wichtig, und sie macht ihm nach all den Jahren immer noch Freude. Er will helfen, Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, eine Perspektive zu geben. "Jeder kann mal hinfallen", sagt Schindler, "aber er muss auch wieder aufstehen." Getragen wird er vom Jobcenter nicht, "aber wir helfen ihm beim Gehen".

Jobcenter Starnberg, Moosstr.5, Offnungszeiten: Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag von 8 bis 12 Uhr, Dienstag und Donnrstag 13.30 bis 16 Uhr.