Städtischer Begleitservice So werden behinderte Menschen in München mobiler

Aufmerksam: Zorica Cvetkovic mit der blinden Patricia Formisano-Schmitz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Die Stadt München bietet den Bus & Bahn Begleitservice im öffentlichen Nahverkehr kostenlos an.
  • 13 Mobilitätsbegleiter kümmern sich um Menschen, die Unterstützung oder Orientierungshilfe für die Fahrt benötigen.
  • Die Helfer sind Langzeitarbeitslose, die nun wieder einen sinnvollen Job gefunden haben.
Von Birgit Lotze

"Gute Reise!" schallt es durch die offenstehende Tür neben dem Ausgang des Bus & Bahn Begleitservices (BBS). Der Ruf gilt Zorica Cvetkovic, einer der Begleiterinnen. Sie hört den Gruß manchmal mehrmals am Tag - immer dann, wenn sie das Büro verlässt und sich aufmacht, einen Kunden abzuholen und mit ihm an das von ihm gewünschte Ziel zu fahren. "Gute Reise" - das sei so etwas wie der hausinterne Abschiedsgruß des Begleitservices, sagt sie. Und dann fühlt sie sich ein bisschen so, als ob es in den Urlaub geht.

Zorica Cvetkovics Reise beginnt immer am Hauptbahnhof. Auf der Nordseite, gleich am Anfang der Luisenstraße, sind die Räume des BBS. Cvetkovic trägt die knallrote BBS-Anorakjacke, unterm Arm eine Mappe mit dem Auftrag: Eine Mutter möchte mit ihrem Sohn vom Indoor-Spielplatz beim Olympia-Einkaufszentrum abgeholt und zum Kindergarten ihres zweiten Sohnes im Stadtteil Am Hart begleitet werden, Treffpunkt und Uhrzeit sind verabredet. Zorica Cvetkovic hat sich im Büro noch die möglichen Verbindungen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ausgedruckt und dabei auch Wünsche berücksichtigt. Denn ihre Kundin ist blind. Blinde Menschen fahren lieber Bus oder Tram als U-Bahn. Dort können sie sich besser zurechtfinden.

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Die Stadt München bietet diesen Dienst im öffentlichen Nahverkehr kostenlos an: für ältere Menschen, für Menschen im Rollstuhl, für alle, die mindestens 16 Jahre alt sind und Unterstützung oder Orientierungshilfe für die Fahrt benötigen. 422 Begleitungen haben Zorica Cvetkovic und ihre zwölf Kollegen vom Team für Mobilitätsbegleitung im November absolviert - das war bislang Rekord. Seit September 2015 gibt es den Begleitdienst, damals waren sie zu acht. Dem Katholischen Männerfürsorgeverein München (KMFV), der den Dienst organisiert, gelang es, das Team nach und nach zu vergrößern. Projektleiter Christoph Kellner ist immer auf der Suche nach neuen Fördermitteln und -töpfen. "Die Stadt stellt uns ein großzügiges Budget zur Verfügung", sagt der Sozialpädagoge, "wir müssen sehen, dass wir das Bestmögliche daraus machen."

Acht weitere Teilzeitkräfte sollen noch im Februar eingestellt werden. Sie durchlaufen derzeit eine einmonatige Schulung - Sicherheitstraining bei der Polizei, Ortskunde beim Partner MVG, Verhaltens- und Sicherheitskunde im Nahverkehr, Begleittechniken, Kommunikationstraining, Erste-Hilfe-Ausbildung. Sie lernen die Schutzräume unter den Bahnsteigkanten kennen und können in der Praxis testen, was passiert, wenn man die Notbremse aktiviert.

Zorica Cvetkovic nimmt die U-Bahn zum Olympia-Einkaufszentrum, das Integrative Musik-, Sport- und Spielezentrum Moosach (KIM) ist gleich um die Ecke. Patricia Formisano-Schmitz kommt in diesem Moment aus dem Spielbereich hoch, ihr zweijähriger Sohn Tiemo hängt geschafft vom vielen Spielen im Tragegurt auf ihrem Rücken. Das ist kein Ort, an dem Patricia Formisano-Schmitz sich auskennt, sie freut sich, als sie Zorica Cvetkovic trifft. An diesem Tag ist ihr die Begleitung besonders wichtig, der Eingang wurde wegen Bauarbeiten verlegt. Vielleicht hätte sie alleine hergefunden - je nachdem, ob Passanten ihr geholfen hätten, sagt Patricia Formisano-Schmitz, aber: "Mit Begleitung ist es wesentlich stressfreier und nicht so langwierig."

Für Behinderte gibt es viele Hürden bei Bus und Bahn

Viele Wege geht die junge Frau alleine, Wege, die sie kennt, an denen sich nicht zu viel ändern kann - zum Beispiel holt sie in der Regel ihren älteren Sohn vom Kindergarten ab. Schwierig und überaus stressig wird es für sie, wenn sie mit zwei kleinen Kindern mit Bus oder Bahn unterwegs ist. Es gibt für Blinde auch so schon Hürden im Verkehr: Wo ist die Bustür? Hoffentlich geht sie nicht zu, weil ich zu spät dran bin! Hoffentlich stolpere ich nicht beim Einstieg! Und wenn Schnee liegt, ist das sogenannte Aufmerksamkeitsfeld an der Bushaltestelle, eigens in den Bürgersteig eingelassene geriffelte Gehwegplatten, mit dem Blindenstock kaum wahrnehmbar.

In Richtung Kindergarten geht es per Bus. Zorica Cvetkovic hakt sich bei ihrer Klientin unter, nimmt sie am Arm für den Einstieg. Zunächst läuft alles reibungslos, 20 Minuten später passiert es: Beim Aussteigen schließen unerwartet die Bustüren - wenige Zentimeter vor beiden Frauen. Der Fahrer entschuldigt sich für den Schrecken und erzählt, dass es immer wieder Ärger gibt, weil die Türen so unvermittelt und schnell zufallen. Aber er habe keinen Einfluss darauf, es sei nun mal alles automatisiert.

Das Projekt ist eine "Win-win-Situation"

Früher hat Zorica Cvetkovic in der Altenhilfe gearbeitet, musste den Job wegen Rückenproblemen aufgeben. Wie auch die anderen Mobilitätsbegleiter war sie vor dem Job im BBS langzeitarbeitslos. Sie ist froh über das Projekt, ihre Aufgabe macht ihr Spaß. Die meisten ihrer Kundinnen kennt sie bereits länger. Da ist zum Beispiel die Klientin, die zweimal im Monat von Aubing nach Nürnberg und zurück reist. Cvetkovic holt sie an der Wohnungstür ab, bringt sie zum Zug am Münchner Hauptbahnhof, holt sie dort auch wieder ab.

Für die Stadt habe sich der Begleitservice, wie Projektleiter Christoph Kellner sagt, zur "Win-win-Situation" entwickelt. Der BBS sei einer von rund 30 sozialen Betrieben, die durch das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm gefördert werden. Zunehmend hat der Bus & Bahn Begleitservice doppelten Nutzen: Menschen, die sich sonst schwer damit tun, können dadurch Veranstaltungen und Termine wahrnehmen. Und ehemals Arbeitslose, die vorher über den Sozialhaushalt der Stadt oder Hartz IV unterstützt werden mussten, haben wieder einen sinnvollen Arbeitsplatz.

Bus & Bahn Begleitservice München: Auftragsannahme zwei bis sieben Tage vor dem gewünschten Termin Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr unter der Telefonnummer 544 918 920.

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