Stadtplanung Streit um Münchens Straßen und Plätze

Der Viktualienmarkt ist eigentlich Fußgängerzone. Trotzdem fahren hier Busse und in eine Richtung Taxis.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Grünen wollen die Radler fördern, die SPD die Spaziergänger und die CSU hält weitgehend am Auto fest. Vielleicht würde ein Blick in die Schweiz helfen.

Von Thomas Anlauf

Mitten auf der gepflasterten Straße hat ein Kind das Spielfeld mit Kreide aufgemalt: Himmel und Hölle. Zwei Buben laufen die Straße entlang, ein Auto kommt ihnen entgegen und bleibt stehen, um die beiden durchzulassen. In der Haidhauser Preysingstraße, ganz hinten zwischen dem alten Kriechbaumhof und der Wirtschaft "Zum Kloster", geht es beschaulich zu.

Ein großes blaues Schild an der Straßeneinfahrt signalisiert, dass hier Kinder auf der Straße spielen dürfen. Seit 35 Jahren gibt es in Deutschland sogenannte verkehrsberuhigte Bereiche, im Volksmund auch Spielstraßen genannt. Eine Einrichtung, die sich bewährt hat. Anders als in Fußgängerzonen dürfen hier Autos fahren, wenn auch nur in Schrittgeschwindigkeit. Doch eine Spielstraße wie in Haidhausen funktioniert natürlich nur, wenn wenige Autos die Straße nutzen. Die Sendlinger Straße als Spielstraße wäre natürlich undenkbar. Dafür soll sie nun ganz für den Verkehr gesperrt werden, was bei einigen Anwohnern und Geschäftsleuten auf heftige Kritik stößt.

Marienplatz wird komplett zur Fußgängerzone

Busse, Taxen und Fahrräder werden vom Februar 2016 an vom Marienplatz verbannt. Ein Freie-Wähler-Stadtrat kritisiert das als einen "Schildbürgerstreich hoch drei". mehr ...

Die Stadt tut sich erstaunlich schwer damit, neue verkehrsberuhigte Bereiche auszuweisen. Außer der Sendlinger Straße und dem Marienplatz, wo künftig auch Radler nicht mehr fahren dürfen, gibt es derzeit keine offiziellen Pläne für Fußgängerzonen oder verkehrsberuhigte Bereiche, wie das Planungsreferat mitteilt. Dabei wirbt ausgerechnet Stadtplanerin Elisabeth Merk seit geraumer Zeit dafür, deutlich mehr Raum für Fußgänger zu schaffen. Denn angesichts des rasanten Einwohnerwachstums - in 15 Jahren soll München fast 300 000 Bewohner mehr haben als die derzeit 1,5 Millionen Menschen - wächst auch der Bedarf an Aufenthaltsflächen. In den vergangenen Jahren ist es bereits merklich voller auf den Straßen und Plätzen der Stadt geworden.

Warum mehr Aufenthaltsflächen benötigt werden

Das liegt nicht nur an der steigenden Einwohnerzahl. Noch nie waren so viele Touristen in der Stadt wie in diesem Jahr, allein die Zahl der Übernachtungen in Hotels stieg um 5,4 Prozent auf 10,6 Millionen. Hinzu kommt, dass immer mehr Münchner das Auto stehen lassen. Oder sie haben gar keinen Pkw mehr.

Neue Freiflächen für Flaneure können aber nicht einfach herbeigezaubert werden. Es müssten Straßen umgewidmet werden - in klassische Fußgängerzonen oder verkehrsberuhigte Bereiche. Nicht überall funktioniert das so gut wie am Weißenburger Platz und in der Weißenburger Straße. Dort sitzen schon morgens viele Menschen vor den Cafés, im Sommer ist abends vor den zwei italienischen Restaurants meist kein Platz mehr zu finden.

Zum Christkindlmarkt strömen derzeit schon mittags viele Haidhauser, um Freunde oder Kollegen zu treffen oder durch die Budengassen zu schlendern. Gleich um die Ecke bietet sich jedoch ein ganz anderes Bild: Die Steinstraße ist auf etwa 100 Metern zwischen Sedan- und Kellerstraße eigentlich eine Fußgängerzone, nur Trambahnen rumpeln dort regelmäßig vorbei. Doch die wenigen Fußgänger, die dort durch die dunkle Häuserschlucht laufen, gehen am Straßenrand, statt mitten auf der Fahrbahn zu flanieren. Aber warum?