Stadtmuseum Juden im Exil: Umgeben von einer Mauer der Fremdheit

Jährlich wird in München am 9. November an die Reichspogromnacht gedacht. (Archiv)

(Foto: Catherina Hess)

Münchens Geschichte ist auch eine Geschichte von Zu- und Abwanderung: Ein Buch beschreibt Schicksale von Juden - und was sie in der Fremde erwartet hat.

Von Jakob Wetzel

Die Flucht führte übers Meer, auf einem Schiff. 800 Flüchtlinge waren an Bord, viele junge Männer, aber auch Frauen, einige von ihnen schwanger, zudem Alte und Kinder. Die Heimat war unsicher geworden, es herrschten Terror und Gewalt; die Zukunft war unbekannt. "Wir alle waren aus einer fürchterlichen Situation geflohen; wir hatten alle unsere Lieben - Verwandte und Freunde - zurückgelassen. Wir hatten alle das Land, in dem wir geboren wurden und das wir als unser Vaterland betrachteten, verlassen", erinnerte sich später eine der Geflohenen.

Die Älteren auf dem Schiff hätten alles aufgegeben, was sie besessen hatten, alles, was ihre bürgerliche Existenz ausgemacht hatte. Die Jüngeren hätten ihre Träume zurückgelassen. Und doch sei die Stimmung geradezu euphorisch gewesen: Es gab endlich wieder Hoffnung.

Es ist keine Asylbewerberin aus Syrien gewesen, die diesen Bericht verfasst hat, auch nicht eine aus Eritrea oder aus dem Irak. Es war eine Münchnerin, Erika Gabai. Der Großvater hatte mit Antiquitäten gehandelt, der Vater mit Schuhpflegemitteln. Erika selbst war 1918 in München geboren worden, sie hatte die Hohenzollernschule im Westen von Schwabing besucht und am Städtischen Mädchenlyzeum an der Luisenstraße Abitur gemacht. Dann, im November 1939, floh sie vor dem Terror der Nationalsozialisten ins Ausland. Mit ihren Eltern stieg sie auf ein Schiff, das sie von Genua nach Südamerika bringen sollte.

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Wenig beleuchteter Aspekt der Judenverfolgung

Erika Gabai ist eine von mehr als 6000 jüdischen Münchnern, die zwischen 1933 und 1942 aus ihrer Heimat geflohen sind. Nur wenige haben ihre Geschichte aufgeschrieben so wie sie. 55 dieser Berichte sind im Münchner Stadtarchiv überliefert. Und 24 von diesen haben die Historiker Andrea Sinn und Andreas Heusler nun zu einem Buch gebündelt: einem Band, der sich ein "Münchner Lesebuch" nennt, dessen Geschichten aber an vielen Orten auf der ganzen Welt spielen.

Es ist ein Buch, in dem anstelle von Forschern und Historikern die Betroffenen selbst zu Wort kommen, und das einen Aspekt der Judenverfolgung im Nationalsozialismus beleuchtet, der noch immer wenig präsent ist. Dabei ist er gerade heute wieder allgegenwärtig, auch in München: das Schicksal von Flüchtlingen und ihr Leben im Exil, fern der Heimat.

Es sind deshalb eigentümlich aktuelle Berichte, die sich hier finden, auch wenn die beschriebenen Ereignisse mehr als 70 Jahre zurückliegen - und auch wenn es nicht um Flüchtlinge in München geht, sondern umgekehrt um Münchner Flüchtlinge in der Ferne. Die Exilanten erzählen von restriktiven Einreisebestimmungen in den Zielländern; nur selten konnten sich die Fliehenden aussuchen, wohin sie gingen. Die meisten landeten in den USA, in Palästina oder in Großbritannien.

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Die Juden wollten sie loswerden, nicht aber ihren Besitz

Die ehemaligen Münchner erzählen auch vom Misstrauen der Behörden, die unter den Flüchtlingen argwöhnisch nach Spionen, Aufrührern und Kriminellen suchten. Und sie berichten von den bürokratischen Hindernissen, die sie überwinden mussten, um ihre Heimat überhaupt erst verlassen zu dürfen, und von den fordernden Händen, die sie mit Geld füllen mussten - nicht die von Schleusern, sondern die des nationalsozialistischen Regimes, das zwar die jüdischen Bürger loswerden wollte, aber nicht deren Besitz. Und dabei geraten die Fliehenden nirgends zu anonymen Bestandteilen einer Welle, Krise oder Flut, auch wenn Flüchtlinge damals ebenso wie heute unter pauschalen Vorurteilen und rassistischen Vorbehalten zu leiden hatten. Sie bleiben Individuen mit Gesichtern und Familien, mit Sorgen und Ängsten, aber auch mit Hoffnung und Mut - und mit Problemen, sich auf die neue Heimat einzulassen.

"Jeden von uns umgab eine Mauer der Fremdheit": So beschrieb es der Münchner Psychiater Karl Stern, der 1936 nach England emigriert und später nach Kanada gegangen war, wo er lebte, bis er 1975 in Montreal starb. Da waren sprachliche Probleme und kulturelle Missverständnisse, aber da war auch Misstrauen. Schon in München hatten sich die Flüchtlinge schließlich lange angenommen und zu Hause gefühlt: Sie hatten etablierte Geschäfte geführt, waren gesellschaftlich eingebunden und stolz gewesen auf ihre Hauptsynagoge an prominenter Stelle am Lenbachplatz, ein Münchner Postkartenmotiv - um dann zu erleben, wie fremd sie den anderen Münchnern doch geblieben waren.