Von Christian Mayer

Die Ausstellung im Stadtmuseum will zeigen, wie die "lebendigste Popularkultur" Fußball in unterschiedlichen Ländern gespielt und gefeiert wird.

Der Fußball wird München im Sommer 2006 fest im Griff haben, das ist sicher. Großleinwände in Biergärten und im Olympiapark, Fifa-Beflaggung vom Zentrum bis zum Fröttmaninger Stadion; WM-Partys in Hinterhöfen und Kneipen; Biermeilen, Kinder-Turniere, Sponsoren-Feste - die Stadt verwandelt sich in eine riesige Spielfläche für Fans aus der ganzen Welt. Eigentlich könnte man ja Museen, Theater und Kinos der Stadt während des Turniers gleich schließen, weil sich die Aufmerksamkeit sowieso nur auf eine Sache konzentriert.

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Aber das Gegenteil ist der Fall: Gefördert von der DFB-Kulturstiftung, wird auch München von Fußball-Dramatikern, Fußball-Künstlern, Fußball-Komponisten und Fußball-Welterklärern heimgesucht - eine wahre Welle von kulturellen Nebenprodukten rollt da aus der Tiefe des Raums auf uns zu. "Ein Herz ist kein Fußball" heißt etwa ein Gastspiel der integrativen Berliner Theatergruppe RambaZamba in den Kammerspielen. Das Literaturhaus am Salvatorplatz wird spielerischer Lyrik viel Platz einräumen, die Pinakothek der Moderne eine architektonische Stadion-Ausstellung bieten, und im Volkstheater beginnt am 26. Juni eine Theatersport-WM, die ihren Champion im Improvisieren ermittelt.

Das Münchner Stadtmuseum will beim Kulturspektakel rund um den Ball nicht zurückstehen. Dort wird gerade die Schau "Fußball: Ein Spiel - Viele Welten" vorbereitet, die vom 19. Mai bis zum 3. September zu sehen sein wird. "Wir haben uns entschlossen, eine Ausstellung anzusetzen, die auf das Thema des Sommers eingeht", schreibt Direktor Wolfgang Till im Vorwort eines Kalenders, den das Museum im WM-Jahr herausgegeben hat - ein mit Archivbildern und Kuriositäten geschmücktes Druckwerk für Nostalgiker der guten, alten, sponsorenfreien Fußballzeit.

Der Kalender zeigt exemplarisch, was die Ausstellungsmacher bezwecken. "Fußball ist eine der lebendigsten Popularkulturen. Wir wollen herausfinden, wie dieser Sport in unterschiedlichen Ländern gespielt und gefeiert wird", sagt Kuratorin Karin Guggeis. Die Völkerkundlerin hat gemeinsam mit fünf Kollegen und in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat ein Konzept erstellt, um auf tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche das Gesellschaftsphänomen Fußball zu präsentieren. Es geht dabei auch bildlich um Helden und Ikonen: Vom japanischen Shinto-Fan-Schrein bis zu lateinamerikanischen Fußball-Gottheiten oder afrikanischen Fetischen soll das Spektrum der Objekte reichen.

"Die Idee zu dieser Ausstellung ist am Küchentisch entstanden", erzählt Guggeis. In ihrem kleinen Büro im Ignaz-Günther-Haus am St.-Jakobs-Platz hat sie bereits einige Fundstücke gehortet: Eine mexikanische Praktikantin brachte die Figur einer Jungfrau von Guadelupe mit, zu der die dortigen Fans beten. Eine Kontaktperson entdeckte in Kamerun junge Kicker, die mit einem Kautschuk-Ball auf selbst gebastelte Tore schossen - das ungewöhnlich kleine Spielgerät erfüllt zwar keine Fifa-Norm, trägt aber zur technischen Finesse der Kameruner bei. Auch von der indonesischen Insel Java sind bereits archaische Naturfaser-Bälle eingetroffen. Aus Ghana stammt die farbige Holzfigur des französischen Nationaltorhüters Fabian Barthez: ein Magier im Fünfmeterraum, der in Afrika als Idol verehrt wird.

Es sind aber nicht nur fremde Kulturen und exotische Rituale, die bei der Fußball-Schau im Stadtmuseum zur Geltung kommen. Direktor Till machte auf einen lokalen Helden aufmerksam. Vor mehr als 100 Jahren zählte er zu den sagenumwobenen Gründerfiguren des Münchner Fußballs: Stürmerstar Anton Hübel, genannt der Haxentoni. Auf einem Foto des Stadtarchivs sieht man, wie der Athlet, bekleidet mit hohen Schnürschuhen, knielangen Sporthosen und dem geknöpften Vereinshemd des 1. MFC, einen riesigen Lederball tanzen lässt. Damals wurde auf der Theresienwiese gespielt, bis Vereine wie der FC Bayern eigene Sportplätze zugewiesen bekamen.

Eleganter als der Haxentoni beherrschte in München wohl nur einer den Ball: Franz Beckenbauer. Auch vom Giesinger Weltfußballer erhoffen sich die Ethnologen aufschlussreiche Fundstücke. Der junge Beckenbauer mit Elvis-Frisur als Barbie-Puppe liegt schon auf dem Tisch der Kuratorin. "Viele Fanartikel haben wir über Ebay ersteigert", berichtet Guggeis. Und so dürfte sich die Heldenabteilung im Stadtmuseum schnell füllen: Mit Oliver-Kahn-Devotionalien, Pelé-Statuen oder einem Maradona-Altar aus Neapel. Fotos, Graffiti, Maskottchen, Postkarten und Videos sollen die Vielfalt des Weltfußballs vermitteln. Vielleicht besuchen ja auch ein paar Fans im Sommer das Stadtmuseum, um vor dem Spiel den nationalen Fußballgöttern zu huldigen.

Der Kalender "Münchner Museums Memo 2006" ist im Stadtmuseum am St. Jakobsplatz erhältlich. (14,50 Euro).

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(SZ vom 2.1.2006)