Im Stadion an der Schleißheimer Straße haben der Wirt und seine Besucher ein Museum der Fanleidenschaft zusammengetragen.
Ach so, sagt Holger Britzius, er hat da noch diese Eckfahne. Ein halbe Stunde hat er schon erzählt, darüber, dass er seit 15 Jahren nur noch Fußballtrikots anzieht, woher er dieses Leibchen mit dem Autogramm von Ronaldinho hat, das da oben eingerahmt ist, rechts neben der Großleinwand, und wie es zu diesem Plakat am Ende des Raums kam: Die englische Nationalmannschaft bildet einen Jubelkreis auf 15 Quadratmetern, Terry ist zu erkennen, Lampard und Beckham. Eine halbe Stunde also, aber das mit der Eckfahne erzählt Britzius, 34, erst jetzt.
Wenn der FC Bayern spielt, ist es im Stadion an der Schleißheimer Straße immer voll. (© Foto: Getty)
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Dabei ist die Sache mit der Eckfahne eigentlich das Lustigste. Man muss sich das vorstellen, wie ein paar Jungs nach dem Abpfiff auf den Platz laufen und diese Eckfahne aus dem Rasen ziehen. Nicht irgendwo in der Kreisklasse, sondern bei der WM-Qualifikation. Die Iren hatten gewonnen, 5:0 in Liechtenstein. Britzius ist Fan der Iren, deshalb darf das England-Bild eigentlich gar nicht sein. Jedenfalls war er bei diesem Spiel 1996 in Liechtenstein, im Sportpark Eschen-Mauren.
"Man konnte da einfach auf den Platz", sagt er. In seiner Kneipe steht also auch eine Eckfahne aus Liechtenstein, roter Stoff, natürlich in der Ecke, aber ist das eine Kneipe? Irgendwie schon, aber irgendwie ist das Stadion an der Schleißheimer Straße auch ein Museum, es verfügt über mehr musealen Charakter als viele andere Fußballkneipen.
Jedes Stück hat eine Geschichte
Ungefähr 40 Trikots sind an den Wänden aufgehängt, wie viele genau, kann Britzius nicht sagen. Man könnte die jetzt zählen, aber das ist nicht ganz so einfach, denn einige Trikots sind übereinander in einen Rahmen gesteckt. Es ist auch egal, ob es 35 Trikots sind oder 45. Die Quantität allein ist verblüffend, die bloße Zahl an Trikots, Klubschals und Wimpeln, mit denen die Kneipe dekoriert ist. Zum Museum ausrufen lässt sich dieser Ort, weil es außergewöhnliche Stücke sind, die hier an den Wänden hängen. Oder in der Ecke stehen, wie die Eckfahne aus Liechtenstein.
Es ist Ladies Night im Stadion, aber so richtig funktioniert diese Kombination nicht an diesem Abend. Auf der Leinwand läuft Popstars, ohne Ton, auf den Tischen brennen Teelichter, auch wenn niemand an den Tischen sitzt. Alle fünf Minuten kommt die Kellnerin. "Jetzt ein Bier?", fragt sie. Für sie ist das kein guter Abend. Nur ein Gast ist da, und der sitzt schon eine Ewigkeit vor seinem Spezi.
Am Wochenende werde es richtig voll, sagt Holger Britzius, den alle nur Holle nennen. Am Wochenende läuft Fußball, und Fußball ist das Kerngeschäft. Dass an diesem Abend nichts los ist, ist gar nicht schlecht, so kann er in Ruhe die Geschichten erzählen, die sich hinter den Ausstellungsstücken verbergen. Zumindest hinter einigen. Die Eintrittskarte zum Spiel des Karlsruher SC gegen Valencia hat keine größere Geschichte, aber das Spiel war ein großes. Europapokal 1993, der KSC gewann 7:0. "Die Karte", sagt Britzius, "ist holy", heilig also, deshalb hat er sie eingerahmt. Der gebürtige Karlsruher ist KSC-Fan, ganz einfach.
Der Dortmund-Juventus-Schal über der Theke hat eine Geschichte, eine traurige. "Da kam mal einer und hat mir eine Tüte in die Hand gedrückt", erzählt Britzius. "Pass gut drauf auf", habe dieser Mann gesagt, "in der Tüte ist etwas Besonderes." Seine Tochter war bei diesem Spiel, Dortmund gegen Juventus Turin, Champions-League-Endspiel 1997. Vor einiger Zeit ist die Tochter gestorben. ",Ich würde mich freuen, den Schal bei euch zu sehen', meinte er", erzählt Britzius. Er findet, es ist eine Ehre, den Schal in seiner Kneipe aufhängen zu dürfen.
Es läuft oft so, dass irgendwer vorbeikommt und irgendwas da lässt. Das Ronaldinho-Trikot mit Autogramm etwa kommt von einem Sammler, der zufällig bei der WM im Stadion war, als die Brasilianer spielten. Im gleichen Rahmen ist ein Trikot von Olympique Marseille angebracht, auch unterschrieben. Abédi Pelé, sagt Britzius. Der hat später für 1860 gespielt, obwohl er zu Bayern wollte, und in Turin war ihm das gleiche passiert, da landete er beim AC statt bei Juve.
Ein kleiner Kreis von Leuten beteiligt sich regelmäßig daran, das Museum an der Schleißheimer Straße zu erweitern. Der griechische Autohändler um die Ecke gehört dazu, er ist Fan von Olympiakos Piräus, und vor ein paar Jahren war er im Trainingslager dabei. In der Kneipe hängt jetzt ein unterschriebenes Torwarttrikot von Olympiakos. Und, das sei auch super, sagt Britzius, neulich kam ein Kumpel vorbei und hat stolz diesen Wimpel abgeliefert: TSV 1860 München, E-Jugend-Meister 1986.
40 Euro für einen Eusébio
Doch die Sammlerei ist nicht einfacher geworden zuletzt. Früher gab es die alten Trikots im Second-Hand-Geschäft zu kaufen, für 20 Mark. Dieses Shirt des 1. FC Magdeburg etwa, rot-grün, lange Ärmel. Britzius sagt, es sei eins seiner liebsten. Für 20 Mark also, aber als das mit diesen Versteigerungsseiten im Internet losging, begann auch die Preistreiberei. Das Trikot mit dem Autogramm von Eusébio ließ sich noch für 40 Euro ersteigern, aber das Dortmund-Leibchen mit dem Klebstoff als Sponsor hat kurz danach schon 100 Euro gekostet.
Das Lustige an dieser Kneipe ist, dass hier alle neben allen hängen. Alle Länder und alle Ligen. Die Sportgemeinschaft Empor Sassnitz hat ihren Platz gefunden, auf dem Schal steht: We are the Champions. Der FC Augsburg, Leeds United, Galatasaray Istanbul, sogar Villabajo und Villariba aus der Spülmittelwerbung und der VfL Osnabrück. Die Kellnerin ist Fan des VfL Osnabrück, erzählt sie. Einzig für den VfB Stuttgart ist kein Platz. Britzius hat einen KSC-Fanklub mitgegründet, dessen Aufkleber auf dem Weg zur nahen U-Bahn-Station verteilt sind. Ein Stuttgart-Trikot in seiner Kneipe? Ein Trikot des schlimmsten Feindes der Badener? "Das geht nicht", sagt er, "ich könnte mich zu Hause nicht mehr sehen lassen."
Schleißheimer Straße 82, 80797 München, täglich ab 19 Uhr
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(SZ vom 17.10.2009/sonn)
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