Wintersport Klappmesser am Königssee

Der Fürstenfeldbrucker Dennis Pihale, 22, war als 11,77-Sprinter zu langsam für die Spitze. Als Bobpilot rechnet sich der Mathematik-Student bessere Chancen aus. Die Grundausbildung hat er hinter sich - und die ersten Stürze

Von Dietrich Mauersberg

Dennis Pihale war vorgewarnt: die erste Fahrt als Hintermann in einem Zweierbob sei heftig. Und das bekam der Mathematik-Student im Eiskanal am Königssee auch bestätigt: "Wie ein Klappmesser" habe er sich gefühlt. Immer wieder sei sein Körper von den physikalischen Kräften, die da teilweise mit fünffacher Erdbeschleunigung wirken, bis zum Bodenblech in den Schlitten gepresst worden. "Achterbahnfahren ist überhaupt nichts dagegen, das ist Adrenalin pur", sagt der 22-Jährige aus Alling (Landkreis Fürstenfeldbruck).

Pihale war von seiner Jungfernfahrt vergangenen Oktober so beeindruckt, dass ihn nichts mehr abhalten konnte, sein Vorhaben zu realisieren: selber einen Schlitten durch den Eiskanal zu lenken. Auf diese auf den ersten Blick waghalsige Idee hatte ihn im Frühsommer sein Leichtathletik-Trainer Korbinian Mayr gebracht. Nicht zuletzt aufgrund der Perspektivlosigkeit Pihales im Sprint. Mit einer 100-Meter-Bestzeit von 11,77 Sekunden war Pihale der Konkurrenz stets hinterher gelaufen. Doch dank seines athletischen Körperbaus - 88 Kilogramm verteilen sich auf 1,75 Meter - und beachtlicher Werte beim Gewichtheben erschien Pihale dem Coach wie geschaffen fürs Bobfahren. Eine E-Mail an Landestrainer Karl Angerer führte zu einer Einladung zum Probeanschieben auf die Sommertrainingsbahn in Strub bei Berchtesgaden. Angerer sagt: "Da hat er sich technisch ganz ordentlich geschlagen. Ich habe sofort erkannt, dass die körperlichen Voraussetzungen stimmen. Nur Piloten mit sehr guten Schnellkraftwerten haben heutzutage noch eine Chance, ganz nach oben zu kommen." Dass Pihale zudem ambitionierter Motorradfahrer ist, gefiel Angerer ebenfalls: "Er weiß also, wie sich Geschwindigkeit anfühlt."

"Achterbahnfahren ist überhaupt nichts dagegen", sagt Dennis Pihale über das Bobfahren.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Angerer vermittelte Pihale zum BRC Ohlstadt. Dessen Spartenchef, der ehemalige Junioren-Weltmeister Christoph Gaisreiter, Sohn von Stefan Gaisreiter, dem Viererbob-Weltmeister von 1979, bereitete das neue Vereinsmitglied dann akribisch auf den Winter vor.

Es begann mit einem Anfängerlehrgang am Königssee - ein Bob-Novize fährt nicht gleich von ganz oben los. Im sogenannten Monobob, also einem Schlitten für eine Person, unternahm Pihale seine ersten Fahren vom Jugendstart S1 an, also ungefähr ab der Mitte der Strecke. Die Probanden sollen zunächst vorsichtig den Umgang mit der sensiblen Seilsteuerung des Schlittens lernen. Nach einem halben Dutzend erfolgreich absolvierter Versuche durfte Pihale schließlich vom Bobstart aus in die Rinne einfahren - in einem richtigen Zweierschlitten, allerdings im Sitzen und ohne Anschub eines Hintermanns. "Da ist man schon richtig aufgeregt, wenn es von Fahrt zu Fahrt immer schneller wird", berichtet Pihale.

Mittlerweile ist er in der Lage, das Gefährt zusammen mit einem Anschieber vom ersten Meter an auf Speed zu bringen und dann mit gut 110 Stundenkilometern Geschwindigkeit durch die Kurven zu manövrieren. Mehr als 50 Mal ist das in Königsee und Winterberg bislang gut gegangen. Zwei Stürze im Hochsauerland ("Ich habe bei der Einfahrt in Kurve neun zu spät gelenkt. Hätte nicht sein müssen.") haben ihm den Spaß an seinem neuen rasanten Hobby nicht nehmen können. Bobfahrer müssen eben hart sein. "Stürze gehören zu diesem Sport", meint Landestrainer Angerer, der ehemalige Olympia-Teilnehmer, "da müssen alle irgendwann durch."

Pihale (vorne re.) mit seinem Königsseer Kreis: Betreuer Florian Schablitzky, Anschieber Paul Straub und Abteilungsleiter Christoph Gaisreiter (v.l.).

(Foto: oh)

Bis zum Saisonende will Pihale weitere Lehrgänge in Königssee, Winterberg und Altenberg absolvieren, um dann Anfang März an der deutschen Juniorenmeisterschaft teilzunehmen. Dass ihm dort kein vorderer Platz winkt, weiß Pihale, zumal etliche der teilweise vier Jahre älteren Konkurrenten schon mehrere hundert Mal an den Start gegangen sind. Bobsportler gehören laut Regularien bis zum 26. Lebensjahr der Nachwuchsklasse an. Zudem ist Pihale im Gegensatz zu vielen Rivalen, die bei der Bundeswehr oder Polizei angestellt sind, als Student im fünften Semester zeitlich eingeschränkt.

Finanziert wird die Ausbildung von Nachwuchspiloten größtenteils durch den Bayerischen Bob- und Schlittensportverband, der in der Regel auch das Material samt Kufen stellt. Seit Angerers Amtsantritt vor gut einem Jahr läuft quasi der Neuaufbau. Zuvor hatten gleich mehrere Piloten ihre Karrieren beendet. Die Zahl der bayerischen Aktiven ist auch jetzt noch gering: Bei den nationalen Titelkämpfen im November war nur jeweils ein Männer- und Frauenteam am Start. Eine erschreckende Bilanz für einen Verband mit zahlreichen Olympiasiegern. Auch in Pihales Klub beim BRC Ohlstadt hatte es jahrelang keine Aktiven mehr gegeben, die beiden Münchner Vereine Schwarz-Gelb und BC Unterhaching sind noch länger von der Bildfläche verschwunden. Die Formationen aus dem Osten der Republik dominieren den Bob-Sport mittlerweile nahezu komplett.

Pihale ist ehrgeizig und hofft, "irgendwann mal international für Deutschland" starten zu dürfen. Angerer wäre es allerdings sehr recht, wenn er schon jetzt die Zahl der kritischen Situationen stark reduzieren könnte. Pihale bezeichnet es noch immer als "Schockmoment", als er in Winterberg beim Einsteigen kurz mit dem Fuß in der Seilsteuerung hängen blieb. Da schlug sein Herz ähnlich schnell wie bei seinem ersten Mal als Beifahrer auf dem Hintersitz.