Volleyball Ein leichtes Flattern

Allein gegen Friedrichshafen: Im Playoff-Viertelfinale gegen den Meister hängt für Herrsching viel von Diagonalspieler Daniel Malescha (links) ab.

(Foto: Oryk Haist/Imago)

Herrsching baut im Viertelfinal-Rückspiel auf den Heimvorteil - und eine wunde Stelle bei Meister Friedrichshafen

Von Julian Ignatowitsch, Herrsching

Ganz ohne Stichelei ging der Auftritt der Herrschinger Volleyballer in Friedrichshafen dann doch nicht über die Bühne. Die rosa Trachtentrikots, in denen das Team vom Ammersee auflief, seien schon ein "Gruß ans Publikum" gewesen, sagt Trainer Max Hauser und lacht. Friedrichshafen hatte zuletzt selbst in pinkfarbenen Leibchen gespielt. Anders als Herrsching aber unfreiwillig. Was als Marketing-Gag gedacht war (und die Halle am Bodensee füllen sollte), geriet zum peinlichen Dauerthema. Erst als ein Sponsor mit Freikarten nachhalf, durfte der schwäbische Rekordmeister den rosa Fummel wieder ablegen. Erfolg allein macht eben nicht sexy. In Herrsching, beim selbsternannten "Geilsten Club der Welt", würde so etwas nicht passieren. "Unsere Halle ist immer voll", sagt Hauser - trotz oder gerade wegen der geschmacklosen Trikots.

Sportlich sind die Rollen anders verteilt. Beim 1:3 (15:25, 17:25, 25:20, 14:25) am Samstag gewannen die Oberbayern zwar immerhin mal einen Satz gegen den übermächtigen Gegner, allerdings waren sie insgesamt doch eher chancenlos. Alles wie gewohnt, könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Es ist Playoff-Viertelfinale. Entsprechend erinnert Hauser vor dem zweiten Duell am Donnerstag (20 Uhr, Nikolaushalle) noch einmal daran, "über was wir hier sprechen", das "größte Spiel in der Vereinsgeschichte" nämlich, und betont: "Ich habe noch nicht aufgegeben."

Spielerisch allerdings muss sich einiges ändern, soll die Saison am Donnerstag noch nicht enden. "Ganz ordentlich", wie Hauser die Vorstellung seiner Mannschaft nannte, reicht gegen den 13-maligen Meister Friedrichshafen nicht. Die schnellen Kombinationen und variablen Angriffe des Gegners stellten die Herrschinger Verteidigung fast durchgehend vor Probleme. Der Block mit Peter Ondrovic und Roy Friedrich war phasenweise überfordert. Auch beim Aufschlag und im eigenen Offensivspiel besteht Verbesserungsbedarf. Viel hängt nach wie vor von Diagonalspieler Daniel Malescha ab, dazu ist Zuspieler Patrick Steuerwald (Finger) verletzt, Alternativen sind rar. Wie es laufen kann, wenn Herrsching selbst schnell und konsequent angreift, zeigte immerhin der dritte Satz, als die Erfolgsquote bei mehr als 50 Prozent lag. Plötzlich schien auch Friedrichshafen verwundbar - und überraschend anfällig für Herrschings Flatteraufschläge. "Das haben wir bemerkt, da werden wir am Donnerstag anknüpfen", sagt Hauser.

Dazu baut er ganz auf den Heimvorteil. In der Nikolaushalle hat sein Team in dieser Saison acht von zwölf Spielen gewonnen (gegenüber nur zwei Siegen auswärts) und dabei auch Favoriten wie Rüsselsheim oder Bühl geschlagen. Friedrichshafen macht kein Geheimnis daraus, dass man die Bedingungen in der kleinen Halle am Ammersee nicht gutheißt. Die tiefe Decke, die kurzen Auslaufzonen, der "Turnhallen-Mief", wie VfB-Trainer Stelian Moculescu einmal schimpfte - all das widerspricht nicht nur dem guten Volleyball-Geschmack, sondern ist normalerweise auch regelwidrig. Herrsching darf nur mit Ausnahmegenehmigung hier spielen.

Und dann ist wieder mit ohrenbetäubendem Lärm zu rechnen. Schon in Friedrichshafen waren die 50 mitgereisten Herrschinger Fans mit Pauken, Rasseln und Ratschen lautstärkemäßig im Vorteil. Der Geräuschpegel beim Satzgewinn der Gäste war weitaus größer als nach dem Sieg der Gastgeber. Wenn nun am Donnerstag 20-mal so viele Anhänger klatschen, brüllen und jubeln und außerdem der Hallensprecher fernab jeder Neutralität Punkt für Punkt hüpfend am Spielfeldrand feiert, wird sich mancher Gäste-Fan die Ohren zuhalten müssen.

Der Außenseiter freut sich auf diesen Wahnsinn. Selbst am freien Ostersonntag waren Trainer Hauser und der eine oder andere Spieler in sportlicher Mission - allerdings eher zufällig - auf dem Seepromenadenfest in Herrsching unterwegs. "Wir haben gleich wieder alle Fans getroffen und sind ins Plaudern gekommen", sagt Hauser. In der 10 000 Einwohner kleinen Gemeinde gehört Volleyball zum Alltag. Die Stimmung sei natürlich "optimistisch". In welchen Trikots denn die Mannschaft zu Hause auflaufen werde? "Das entscheiden die Spieler, da mische ich mich nicht ein", sagt Hauser. Gut möglich, dass die Wahl wieder auf Rosa fällt. "Mittlerweile gefallen mir die Trikots sogar", verrät der Coach. Es wird nicht der einzige Hingucker an diesem Tag sein.