Volleyball "Die Stadt hat es verpasst, attraktiven Sport an Land zu ziehen"

Thomas Krohne, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbands, über den Standort München, die Dominanz des Fußballs und fehlende Hallen

Interview Von Sebastian Winter

Nicht viele Menschen kennen Thomas Krohne, dabei ist der 52-jährige Sportökonom seit 2012 Chef eines der mitgliederstärksten Sportverbände im Land. Krohne ist Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes, in dem mehr als 5000 Vereine und 450 000 Mitglieder organisiert sind. Seit seinem Amtsantritt versucht er, den Sport aus der Nische zu holen. Im SZ-Interview schätzt er die Chancen für Volleyball in München ein - und schimpft auf seine Wahlheimat.

SZ: Herr Krohne, kurz vor Weihnachten hat der Stadtrat Zuschüsse im mittleren sechsstelligen Bereich für ein avisiertes Weltserien-Turnier der Beachvolleyballer abgeschmettert. Es wäre das bislang größte Turnier dieser Art in München gewesen. Schmerzt die Niederlage noch?

Thomas Krohne: Ich bin nach wie vor enttäuscht. München, wo ich ja auch lebe, hat es leider verpasst, eine hoch attraktive Sportart neben dem Fußball in die Stadt zu holen. Auch als Wirtschaftsstandort wäre die Stadt gut beraten gewesen, dieses Weltserien-Turnier an Land zu ziehen. Es ist in meinen Augen auch eine verlorene Chance für den Olympiapark.

Warum?

Ein solches Turnier, mit den Zuschauern, der Stimmung auf dem Coubertinplatz, würde den Olympiapark riesig aufwerten. Mit diesem Weltklasse-Event spricht man auch viele junge Menschen an und kann eine großartige Stimmung für München erzeugen. Dazu gäbe es auch noch einen investitionsbereiten Partner mit Red Bull, ich bedauere das auch deshalb. Wir sind in guten Gesprächen mit Hannes Jagerhofer gewesen, dem ausführenden Veranstalter des Red-Bull-Konzerns, aber das ist nun erst einmal hinfällig. Auch er ist enttäuscht, wie übrigens auch Red Bull selbst. Ich habe jedenfalls kein Verständnis dafür, dass die Bürgermeisterin (Münchens Sport-Bürgermeisterin Christine Strobl, d. Red.), die zugleich im Aufsichtsrat des Olympiaparks sitzt, so etwas ablehnt. Aber gut, sie wird wohl ihre Gründe haben.

Der Bremer Thomas Krohne, 52, war acht Jahre lang für die Vermarktung der Medienrechte der Fußball-Bundesliga verantwortlich.

(Foto: imago sportfotodienst)

Frau Strobl hat diese Entscheidung ja nicht alleine getroffen.

Alle großen Parteien haben die Zuschüsse erstaunlicherweise abgelehnt, alle kleinen waren dafür.

Sie wollen damit sagen, dass Sportarten wie Beachvolleyball die Lobby fehlt?

Bei allem Respekt, den ich für den Fußball hege, würde ich mir wünschen, dass man auch andere Sportarten fördert. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn eine Stadt wie München, der es nicht schlecht geht, bereit ist, einen zweistelligen Millionen-Betrag in wenige Fußballspiele für eine Europameisterschaft 2020 zu investieren, aber keine 500 000 Euro für ein Weltklasse-Beachvolleyballturnier freizugeben.

Wo soll das Turnier denn nun stattfinden?

Ganz ehrlich? Wir haben uns über einen anderen Standort noch keine Gedanken gemacht. Wir waren so zuversichtlich, dass es München werden würde. München ist ein toller Standort, schauen wir mal, ob wir nicht doch noch etwas bewegen können. Ich werde nochmals Gespräche führen und dafür plädieren, dass man diese Entscheidung überdenkt. Andererseits läuft uns die Zeit davon. Das muss in den nächsten vier, sechs Wochen entschieden werden.

Kein Beachvolleyball im Olympiapark, kein Hauptsponsor für Hachings Volleyballer: Täuscht der Eindruck, dass München Volleyball aus den Augen verliert?

Der Eindruck täuscht nicht. Aber die Situation von Haching war auch ein bisschen hausgemacht. Der sportliche Erfolg war da, aber man hat über die Jahre versäumt, ein entsprechendes Management und die notwendige Infrastruktur aufzubauen. Wir müssen uns da am deutschen Meister Berlin orientieren, der hat es vorgemacht. Basketball hat hingegen nur durch den FC Bayern an Popularität gewonnen, ohne Red Bull stünde der EHC München im Eishockey auch nicht so erfolgreich da. Ich werde immer wieder darauf angesprochen: "Kannst du nicht den FC Bayern oder Red Bull für Volleyball aktivieren?" Aber beide haben sich jetzt erst einmal auf diese Sportarten fokussiert.

Wahlmünchner mit Weitblick

Der Bremer Thomas Krohne, 52, war acht Jahre lang als Direktor Television bei der Sportrechteagentur ISPR, einem Joint Venture von Leo Kirch und dem Axel Springer Verlag, für die Vermarktung der Medienrechte der Fußball-Bundesliga verantwortlich. 2004 gründete der Sportökonom das Münchner Sportrechte-Unternehmen the sportsman media group, die unter anderem die Deutsche Eishockey-Liga vermarktet. 2012 sagte er seinem Lieblings-Klub Werder Bremen ab, der auf der Suche nach einem Vorstandsboss war. Krohne (foto: imago) lebt mit seiner Frau, drei Söhnen, einer Tochter und einem SV-Werder-Gartenzwerg im Münchner Osten. "Ich möchte hier auch nicht mehr weg", sagt Krohne, obwohl er das Meer liebt und die Weite des Nordens in der Stadt vermisst. Auch deshalb sind seine Lieblingsplätze das Dach des Olympiaparks, auf dem er Führungen mitmacht und die Fernsicht genießt, oder das Restaurant im Olympiaturm. sewi

Solchen Global Playern dürfte es aber auch schwerfallen, in eine Nischensportart wie (Beach-)Volleyball zu investieren, die kaum im Fernsehen übertragen wird.

Es wird leicht vergessen, dass Sky die nationale Beachvolleyball-Serie bis 2018 überträgt. Die Volleyballerinnen werden bei Sport1 gezeigt, auch von beiden Pokalfinals wird es Liveübertragungen geben. Und in der "Sport-Reportage" und der "Sportschau" am Sonntag bekommen wir künftig auch mehr Präsenz. Unsere Sportart hat sich also deutlich weiterentwickelt, bei der medialen Berichterstattung insgesamt. Aber wir sind nicht allein auf der Welt. Die Deutsche Eishockey Liga läuft auf Servus TV, die Basketball-Bundesliga auf T-Home. Wir brauchen dringend einen TV-Partner für die Volleyball-Bundesliga.

Auch Ihr Ziel, mehr Großsponsoren für die Nationalmannschaften und Massen-Events zu finden, ist längst nicht erreicht.

Wir sind da nach wie vor zu abhängig von der Finanzierung des Bundes und müssen uns mehr auf eigene Füße stellen. Sie sehen das ja jetzt am aktuellen Beispiel: Wenn wir die Unterstützung der Stadt München über 500 000 Euro nicht bekommen, sind wir nicht in der Lage, ein solch großes Beachvolleyball-Turnier durchzuführen. Und dann können wir natürlich auch keine Sponsoren finden. Eigentlich sollte es so sein, dass wir auf Herrn Hartung (Olympiaparkchef, d. Red.) zugehen und sagen: Wir würden gerne eine solche Veranstaltung bei Ihnen machen, was kostet das? Nur wir können es leider nicht.

Immerhin hat Herrsching den Aufstieg in die Volleyball-Bundesliga geschafft. Ist das ein kleiner Hoffnungsschimmer?

Ich will endlich einmal zu einem Ligaspiel von Herrsching. Aber leider habe ich es aus Zeitgründen bisher noch nicht geschafft. Der Sport ist hier in München und in ganz Bayern ja tief verankert. Auch deshalb wäre es für mich sehr wichtig gewesen, egal ob Hallen- oder Beachvolleyball, eine Spitzensportveranstaltung nach München zu holen, um die Fans und den Nachwuchs zu bedienen. Aber was dazu kommt, um das an dieser Stelle mal so deutlich zu sagen: Die Infrastruktur in München ist nicht ausreichend, auch was den Vereins-Volleyballsport angeht. Wir haben hier ganz klar ein Hallenproblem. Vielleicht wird aber bald eine Halle, nämlich der Audi-Dome, für Spitzensport frei. Sollte das, wenn die Basketballer in ihre neue Arena umziehen, tatsächlich passieren, wäre sie in meinen Augen ein idealer Standort für einen Volleyball-Bundesligisten. Ich halte es nämlich durchaus für möglich, dass hier in München dann im Schnitt 6000 bis 10 0000 Zuschauer zu etwaigen Bundesliga-Spielen kommen.

1860 München trug in dieser Halle schon Ende der siebziger Jahre mit seinem damaligen Spielertrainer Stelian Moculescu Europapokal-Partien aus. In Herrschings Halle passen dagegen nur 1000 Zuschauer, der Klub ist am Ammersee verankert. Kurzfristig wird es also keinen Volleyball-Bundesligisten in der Stadt geben.

Es kann ja auch erst mal eine WM-Qualifikation sein, eine Olympia-Qualifikation oder ein großes Vier-Nationen-Turnier. Ich werde den Standort München jedenfalls sicher nicht aus den Augen verlieren und hier weiter um Volleyball kämpfen.