Unterwasser-Hockey Tauchen. Treffen. Luft holen

München stellt einen Großteil des Unterwasserhockey-Nationalteams. In einem Sport, der nur schwer zu durchschauen ist

Von Michael Fischer

Ruhig liegt es da, das Wasser im Becken des Poccibades. Keine Wellen stören den Blick auf den bläulich schimmernden Boden, auf dem ein kleiner, pink-oranger Puck liegt. Der ist freilich nur für den ersichtlich, der ihn sucht. Doch auf Kommando ist es mit der Stille, akustisch wie optisch gesehen, vorbei. Druckvoll stoßen sich von zwei Seiten je fünf Menschen mit Badekappen, Schnorcheln und Taucherbrillen vom Beckenrand ab. Ihr Ziel: Der kleine Puck in der Mitte. Die Wasseroberfläche wird unruhiger, es spritzt, immer wieder tauchen die Männer und Frauen auf, atmen kräftig durch und tauchen wieder hinab - in die Welt des Unterwasserhockeys, die für den Beobachter an der Oberfläche nur schwer durchschaubar ist.

Knapp 40 Sportler gehören dem 2010 gegründeten Verein "Unterwasserhockey München" an, zehn sind an diesem Abend beim Training. Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Sports in München begann schon im Jahr 2002. Damals brachte ein französischer Student das Spiel aus seiner Heimat mit und etablierte es als Teil des Hochschulsports. Lange Jahre bestand die deutsche Nationalmannschaft nur aus Spielern, die dem Uni-Angebot entstammten. Bis es 2009 der Weltverband zur Auflage machte, dass fortan nur noch Vereinsspieler an den Nationenvergleichen teilnehmen dürfen. "Die Entscheidung, einen eigenen Verein zu gründen und sich keinem bestehenden anzuschließen war im Nachhinein die richtige", sagt Marion Brandl, in Doppelfunktion Trainerin und Spielerin der Münchner. So sei der Klub selbständig und könne den kompletten Ablauf nach eigenen Interessen regeln.

Auch sei es nun möglich, Nicht-Studenten den Sport näher zu bringen. Der Großteil des Vereins komme aber weiterhin aus Kreisen der Universität. "In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass manche ausländische Studenten extra nach München kommen, weil sie hier Unterwasserhockey spielen können", sagt Brandl. Der beständige Austausch und die Fluktuation führen dazu, dass viele Anweisungen im Laufe des Abends in englischer Sprache vorgebracht werden. Und dazu, dass eine "sehr offene internationale Gemeinschaft" entstanden ist, in der alle voneinander lernen können.

"Man muss lernen, die Aktionen der anderen zu interpretieren": Die Spieler beim Unterwasserhockey brauchen taktisches Können - und einen langen Atem.

(Foto: Claus Schunk)

Da es in Deutschland erst seit kurzem einen zweiten Verein in Heidelberg gibt, ist an einen Ligabetrieb nicht zu denken. Stattdessen fahren die Münchner des Öfteren zu Turnieren ins europäische Ausland, wo der Sport populärer ist als in Deutschland, wo München noch immer einen Großteil der Nationalmannschaft stellt.

Neben den Reisekosten fallen bei Weltmeisterschaften enorm hohe Startgelder an. 3000 Euro waren es bei der letzten Veranstaltung 2013 in Ungarn, was die Frauen zwang, zu improvisieren. Für ein Crowdfunding-Projekt drehten sie einen Film, der auf die Sportart aufmerksam machte, traten im Radio auf oder posierten im Badeanzug auf dem Marienplatz. Ergebnis: Der erforderliche Betrag kam zusammen. Ansonsten ist die Suche nach Geldgebern mühsam. "Für Sponsoren ist unser Sport leider wenig lukrativ, weil man die meiste Zeit unter Wasser ist. Und Fernsehübertragungen sind deshalb genauso schwierig", sagt Johanna Haumann, die seit der Gründung zum Klub gehört. Sie beschreibt Probleme, mit denen viele exotische Randsportarten zu kämpfen haben. Und wie bei allen Nischenangeboten stellt sich die Frage: Was ist so besonders daran?

Johanna Haumann muss nicht lange überlegen. "Man kann nicht einfach miteinander kommunizieren und muss lernen, die Aktionen der anderen zu lesen und zu interpretieren", sagt die 25-jährige Studentin. Ein wahres Bündel an Besonderheiten zählt der Rest der Gruppe auf: Internationalität, Verlassen der "Komfortzone", insgesamt sei Unterwasserhockey ein "extrem fordernder Sport".

Zweimal 15 Minuten dauert eine Partie mit sechs Spielern pro Team, vier weitere stehen am Beckenrand zum Wechseln bereit. Zur Ausrüstung gehören neben einer Wasserballkappe mit speziellem Ohrenschutz, Schnorchel, Taucherbrille und einem nur etwa 30 Zentimeter langen Schläger aus Holz oder Kunststoff, Silikonhandschuhe an der Schlaghand sowie Schwimmflossen. Die Tore sind knapp drei Meter lange Edelstahlrinnen, jeder Kontakt wird als Punkt gewertet.

Im Wasser herrscht derweil dichtes Gedränge, nur das ist von außen zu sehen. Wo sich der Puck - mit etwa 1,5 Kilo zehn Mal so schwer wie beim Eishockey - befindet, ist nur zu erahnen. Plötzlich werden die Wellen vor einem der Tore stärker, Jubel brandet auf. Treffer. Danach: Luft holen. Und wieder hinabtauchen in diese ganz eigene Welt.