Ultimate Frisbee Der Geist der Scheibe

Die Woodchicas beim Flutlichttraining: Wer die Scheibe hat, darf damit nicht laufen. Umso mehr müssen die Mitspielerinnen in Bewegung sein.

(Foto: Stephan Rumpf)

In der Halle, auf Rasen oder Sand: Die Münchner Woodchicas sind mehrmalige deutsche Meister.

Von Marcel Bothe

Die Erde eine Scheibe? Spätestens an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit hing kaum noch jemand dieser Vorstellung an, auch wenn sich der Mythos hartnäckig hält und jene Epoche durchaus seltsame Ideen hervorbrachte wie Ablassbriefe oder Hexenjagd. Etwa 600 Jahre später hat der Slogan "Unsere Welt ist eine Scheibe" sowieso einen anderen Hintergrund, einen sportlichen. "Infraction", "Violation" oder "Stalling" lauten die dazugehörigen Fachtermini - wenn Ultimate-Frisbee-Spieler ihre Scheibe werfen, fallen viele Anglizismen.

2016 waren sie zuletzt deutsche Meister. Im Finalturnier 2017 lief es kürzlich nicht ganz so gut

Es ist ein junger Sport, den sie betreiben, Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA erfunden. Die Regeln erinnern an American Football. Ziel ist es, die Scheibe in einer Endzone zu fangen. Der Unterschied: Körperkontakt ist nicht erlaubt. Dass trotzdem mal was passieren kann, bekam kürzlich Hans Detsch zu spüren, ein körperlich robuster Eishockey-Stürmer der Augsburger Panther: Dem war ausgerechnet bei einem Zusammenprall während eines Ultimate-Frisbee-Spiels das Nasenbein zertrümmert worden.

Laufen, auch das ist ein Unterschied zum Football, darf man mit der Scheibe nicht. Umso wichtiger ist es, dass sich die Mitspieler freilaufen. "Das ist ein laufintensiver Sport", bekräftigt Stefanie Koch. Seit vielen Jahren spielt sie Ultimate Frisbee. Früher war sie Basketballerin, bis zu einer Schulterverletzung. "Die Laufwege sind ähnlich, von daher war das für mich interessant", erklärt sie den Wechsel. Nach ihrem Studium und der Auslandserfahrung Neuseeland zog sie 2012 nach München, arbeitet dort als Rechtsanwältin und spielt seither für den ESV München. Und das erfolgreich: 15 deutsche Meisterschaften gewannen die Woodchicas, wie sich die Frauen-Ultimate-Abteilung des ESV nennt, seit ihrer Gründung 2004: sechs in der Halle, neun auf Rasen, zuletzt 2016. Im jüngsten Finalturnier vor zwei Wochen lief es nicht ganz so gut. Mit etwas Pech schieden sie in der Vorrunde aus und wurden Sechste.

Es ist auch die Vielfalt des Untergrundes, die Ultimate Frisbee ausmacht: Im Winter spielen sie drinnen, im Sommer draußen, zwischendurch am Strand. "Es ist natürlich schön, am Strand zu sein", sagt Koch. "Beach ist im Kommen." Auf Sand zu laufen, sei zwar schwieriger, zudem herrsche teils starker Wind. "Wenn man danach auf Rasen spielt, ist man gefühlt super schnell", erzählt sie. Draußen seien völlig andere Würfe nötig, die Scheibe müsse mit viel Schnitt kommen, um dem Wind zu trotzen. In der Halle sei es "ein anderer Sport", kleineres Feld, kleinere Teams. Ein typischer Indoor-Wurf ist der Overhead, bei dem die Scheibe mit der Unterseite nach oben über dem Kopf abgespielt wird. In der Halle und auf Sand wird fünf gegen fünf gespielt, auf Rasen sind es sieben Spieler pro Team.

Wer groß ist, hat Vorteile. Vorausgesetzt, er hat seine "Gliedmaßen unter Kontrolle"

Das Ligasystem ist etwas komplexer. In der Open-Division spielen offiziell Frauen und Männer, in der Regel aber nur Letztere. Beim Mixed sind es wirklich Frauen und Männer, ebenso gibt es reine Frauenteams sowie die Junioren und die Masters, die eine Altersmindestgrenze von 33 Jahren für beide Geschlechter haben. Dazu gibt es noch die Damen Masters mit Spielerinnen, die mindestens 30 Jahre alt sind, sowie die Grandmasters mit gemischten Teams und einer Grenze von 43 Jahren. Der Reiz bestehe auch darin, "dass Ultimate Frisbee wohl eine der wenigen Sportarten ist, die man im Mixed spielen kann", findet Stefanie Koch. Eine weitere Besonderheit ist der "Spirit of the Game", der das Fairplay im Spiel, aber auch den Umgang mit dem eigenen Team betont. Gespielt wird ohne Schiedsrichter, strittige Szenen klären die Spieler im Dialog. Nach jedem Turnier wird auch ein Spirit-Sieger gekürt, die Spieler bewerten Regelkenntnis, Fouls, Fairplay und Kommunikation des Gegners.

"Das ist einzigartig", sagt Swenja Wagner, "trotzdem spielt man kompetitiv." Zusammen mit Isabella Spieler und Marie-Theres von Schickfus trainiert sie die Woodchicas, alle drei sind aber auch selbst an der Scheibe aktiv. Spielertrainerinnen sind üblich, "weil alle selber so gerne spielen", erklärt Wagner. In ihrer Mannschaft findet sich eine bunte Mischung, die Jüngste ist 18, die Älteste 48. Es komme auf "Körperstabilität, Geschwindigkeit, Wendigkeit und den Willen, Teamplayer zu sein" an, sagt Wagner. Und: "Wenn man groß ist, ist es ein Vorteil", weil man eine große Spannweite und Vorteile in der Luft habe - "wenn man seine Gliedmaßen unter Kontrolle hat".

Woher der Name Woodchicas kommt, weiß Wagner "nur vom Hörensagen": Damals habe es bei den Männern das Team der Woodies gegeben, erinnert sie sich, angelehnt an den Comic-Specht Woody Woodpecker mit blauen Federn und rotem Schopf. Die Frauen wollten dazu wohl eine Verbindung schaffen, und als dann eine Südamerikanerin im Team war, sei es wohl zu den Chicas gekommen. 2012 wurde anlässlich einer Fusion mit dem Hochschulteam Yrr München über den Namen abgestimmt. Offiziell heißen sie nun Chicas, "aber eigentlich treten wir als Woodchicas an", sagt Wagner. "Weil der Name für etwas steht." Schließlich haben sie damit in ihrer Scheibenwelt viele runde Erfolge gefeiert.