Sportschießen Mit einem Schuss Euphorie

Die HSG München hat die Hauptrunde der Luftpistolen-Bundesliga als Tabellenerster beendet. Vor dem Finale gilt sie als großer Favorit

Von Julian Ignatowitsch

Nach dem dritten Wettkampf im Oktober korrigierte Detlef Polter, Trainer der HSG München, das Saisonziel nach oben. "Wir wollen die Hauptrunde als Tabellenerster beenden", teilte Polter seinen Schützen mit. Sein Team hatte gerade den Meister Kehlheim-Gmünd besiegt, der Saisonstart war gelungen, die Euphorie groß. Und nein, dies ist keine Geschichte von zu hohen Ansprüchen und dem grandiosen Fall einer Mannschaft. Ganz im Gegenteil.

Polters Ankündigung löste bei seinen Athleten den zusätzlichen Schub aus: Seit besagtem Tag haben die Münchner keine Partie mehr in der Luftpistolen-Bundesliga verloren. "Diese Besprechung war ein Schlüsselmoment", glaubt Polter. "Alle haben verstanden, was wir erreichen wollen, und ziehen seitdem mit 100 Prozent an einem Strang." Acht Siege in Serie, davon sechs Mal das maximale Ergebnis von 5:0, schier unglaubliche 37 von 40 Einzelduellen gewannen die HSG-Schützen . Die reguläre Saison ist nun vorbei und München hat sein Ziel erreicht: Platz eins.

Damit startet die Mannschaft aus bestmöglicher Position in die Finalrunde am 13./14. Februar in Rotenburg an der Fulda und ist Topfavorit auf den Titel. Doch was hat die Münchner - im vergangenen Jahr Vierter - plötzlich so stark gemacht?

Erstens sind da die drei Neuen, allen voran die ukrainische Olympiasiegerin Olena Kostevych. "Jeder im Schießsport kennt sie", sagt Polter. "Absolute Weltklasse. Und sie hat unsere Erwartungen voll erfüllt." Kostevych führte das Team mit einem Bestwert von 386 Ringen im Schnitt an und verlor lediglich eins ihrer sechs Duelle. Sie wirkt mit ihrer ruhigen Art positiv auf die Stimmung im Team und ist Vorbild für die Jüngeren, etwa die Zwillinge Michael und Andreas Heise, die zwei anderen Neuen. Beide haben sich nach mehrjährigem Hin und Her endgültig für die HSG entschieden, das tat ihrer Leistung gut. "Der Zusammenhalt ist groß wie nie", sagen sie. Nach Schwierigkeiten in den vergangenen zwei Jahren kamen die Heises zuletzt in Form.

"Außerdem", so Polter - das ist Punkt zwei - "geben die Neuen dem Team mehr Tiefe". Wenn die HSG in Bestbesetzung auflief, wechselten sich die Zwillinge, beide Profischützen, auf der hintersten Position ab. Einen solchen Luxus hat kaum eine andere Mannschaft. Mit sieben international erprobten Schützen für fünf zu besetzende Positionen ist die HSG stark aufgestellt. In der auf zwölf Vereine vergrößerten Bundesliga ist die qualitative Breite doppelt wichtig. Dazu haben, drittens, zwei alteingesessene Athleten ihre Priorität verschoben und sind deshalb so gut wie nie in der Bundesliga: Die 46-jährige Munkhbayar Dorjsuren (381 Ringe im Schnitt) und der 48-jährige Arben Kucana (380 Ringe) lieferten jeweils ihre bisher beste Saison ab, was auch daran liegt, dass sich beide mittlerweile weniger auf internationale und mehr auf die nationalen Wettkämpfe konzentrieren.

Schließlich spielten auch die Faktoren Nervenstärke und Glück eine Rolle: Zweimal war die HSG im Stechen erfolgreich, krankheitsbedingte oder kurzfristige Ausfälle blieben aus. Polter konnte immer rechtzeitig planen und auf terminliche Engpässe seiner Sportler, wie Bundeswehrfortbildungen, Nationalkaderaufenthalte oder internationale Turniere, entsprechend reagieren. "In einem Einzelsport wie unserem, wo der Zeitplan oft eng ist und individuell abgestimmt werden muss, ist Organisation entscheidend", sagt Polter.

Alles in allem also "eine nahezu perfekte Saison", resümiert er - "bisher!" Die Einschränkung kommt mit Bestimmtheit. "Noch sind wir nicht am Ziel", sagt der Trainer. Fürs Finale hat er eine Medaille als Ziel ausgegeben, mehr nicht. "Ich habe großen Respekt vor der Konkurrenz", erklärt er, wieso er nicht gleich die Meisterschaft fordert - obwohl hohe Ziele doch zuletzt nicht geschadet hatten. Aus dem Norden stoßen starke Rivalen in die Endrunde, und im K.-o.-Modus entscheiden eben auch Kleinigkeiten und Glück. Dass die anderen Vereine längst alle die HSG für den Favoriten halten, haben aber auch Polter und sein Team bemerkt.