Pferdesport Ohne Scheu vor Hindernissen

„Unglaublich, großartig, unbeschreiblich“: Christian Feigl, hier auf Cassis S, war begeistert nach seinem Auftritt bei der Pferd International.

(Foto: Claus Schunk)

Christian Feigl ist Pionier des Para-Springreitens - und wirbt bei der Pferd International für seinen Nischensport.

Von Nico Horn

Eines vorweg: Für diesen durchaus erstaunlichen Namen seines Pferdes konnte Christian Feigl rein gar nichts. Denn Erotic Extasy, mit dem der Para-Springreiter am vergangenen Donnerstag und Samstag bei der Pferd International in München antrat, gehört eigentlich gar nicht Feigl, sondern Valeska Hilse, die ihm freundlicherweise das Ross für ein Wettkampf-Wochenende auslieh. "Das war natürlich super", sagte der gebürtige Starnberger hinterher, denn so musste er Cassis S, sein eigenes Pferd, nicht extra aus der englischen Wahlheimat mit ins alte Zuhause transportieren.

Sehr wohl verantwortlich ist Feigl für die Tatsache, dass er und insgesamt sechs weitere Springreiter mit Handicap erstmals beim Pferdefestival auf der Olympia-Reitanlage teilnehmen konnten. "Unglaublich, großartig, unbeschreiblich", umriss Feigl seine Gefühle hinterher.

Seit seiner Geburt lebt der 36-Jährige mit einer rechtsseitigen Hemiparese: Die Muskulatur in seinem rechten Unterschenkel ist unterentwickelt, die Motorik in seiner rechten Hand eingeschränkt. Früh fand er die Liebe zum Reiten. Und obwohl er nie das Pony bekommen habe, das er sich so oft zu Weihnachten gewünscht hatte, ist er mittlerweile zu so etwas wie dem Initiator des Para-Springreitens in Deutschland geworden.

Seit einigen Jahren versucht er den Sport voranzubringen. "Früher bin ich ein bisschen über Wald und Wiesen geritten", erzählt Feigl. Bald gab er sich damit nicht mehr zufrieden, auch weil er mit dem ein oder anderen Problem zu tun hatte: "Aufgrund meiner Behinderung habe ich immer den Steigbügel verloren." Feigl kann mit seinem rechten Bein nicht so viel Druck geben wie Reiter ohne Hemiparese. Also suchte er nach anderen Möglichkeiten - und sah die Para-Springreiter in Großbritannien. Das gefiel ihm.

Seitdem versucht er seine Leidenschaft in Deutschland und weltweit voranzutreiben, kommt aber immer nur ein kleines Stückchen voran: Im Gegensatz zum Para-Dressurreiten ist das Para-Springreiten vom Reit-Weltverband noch nicht als Sportart anerkannt. "Durch die Pferd International sind wir einen wesentlichen Schritt weitergekommen", sagt Feigl. Er glaubt, dass das riesige Pferdefestival dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit auf seine sonst nur am Rande wahrgenommene Sportart zu lenken. Das dürfte tatsächlich gelungen sein. Bei den Zuschauern kamen die Wettkämpfe gut an und auch die Veranstalter der Hippo GmbH waren zufrieden - sie versicherten, auch das Para-Springreiten auch für das nächste Jahr wieder ins Programm aufzunehmen.

Der Para-Springreit-Pionier weiß aber genauso um die Probleme der noch jungen Disziplin. In den beiden Springprüfungen für Reiter mit dem Handicap-Grad II - also Feigls Kategorie - war schon vor Beginn klar, dass es für alle Teilnehmer einen Podestplatz geben würde - am Start waren nur zwei Reiter. Im Wettbewerb für Reiter mit Behinderung des Grades III sah es nicht viel besser aus: Dort gingen fünf Teilnehmer an den Start, allein die beiden Engländerinnen Evie Toombes und Sarah Jo Gregory-Wicks ermöglichten es, überhaupt von einer internationalen Springprüfung zu reden. Überhaupt gebe es laut Feigl in Deutschland bisher nur drei nennenswerte Turniere für Para-Springreiter: neben der bayerischen Meisterschaft und dem Championat in Köln in Zukunft eben auch die Pferd International.

110 Euro Preisgeld bekommt er für die zwei Erfolge - aber darum geht es dem Starnberger nicht

Auch finanziell sind die Events für Reiter mit Behinderung noch eher unattraktiv. Gerade einmal 128 Euro wurden am Donnerstag im Para-Springreiten verteilt - wohlgemerkt an das gesamte Starterfeld. Am Samstag waren es dann immerhin 288. Für seine beiden Siege bekam Feigl zusammen 110 Euro. Zum Vergleich: Penelope Leprevost, Siegerin der großen Drei-Sterne-Springprüfung bei der Pferd International, sackte 12 500 Euro ein. "Es geht nicht ums Preisgeld", betont Feigl. "Wenn es uns ums Geld ginge, würden wir etwas anderes machen."

Dem mehrfachen bayerischen Meister ist aber auch klar, dass es nur mit Idealismus nicht vorangeht. Er freut sich deshalb, dass langsam Sponsoren auf ihn und seine Kollegen aufmerksam werden - vor allem weil ein solcher bei vielen Veranstaltern Grundvoraussetzung für eine Teilnahme ist. "Es ist wichtig, dass wir Unterstützung haben", sagt Feigl deshalb. In München kam diese von Michael Stoschek, Vorstand des Autozulieferers Brose und selbst zweimaliger bayerischer Springreitmeister.

Nun will Feigl alles dafür tun, sich auch international breiter aufzustellen, denn um das Para-Springreiten als offizielle Sportart etablieren zu können, braucht es mindestens sechs teilnehmende Nationen. Von acht Ländern habe er über die sozialen Medien erfahren, dass es die grundsätzliche Bereitschaft zur Teilnahme an Wettkämpfen gäbe. Der nächste Schritt sei ein einheitliches Regelwerk. In Deutschland dürften beispielsweise keine sehbehinderten Sportler starten, berichtet Feigl - in England schon. "Das ist wie mit dem Brexit: Wenn jeder sein eigenes System hat, kommt man nicht ans Ziel."