Pferdesport Wie die Galopprennbahn in Riem verfällt

Marode Pferdeställe und renovierungsbedürftige Wohnungen: Das Gelände der Galopprennbahn in Riem.

(Foto: Catherina Hess)

Hinter der mondänen Fassade pfeift der Wind durch die Spalten. Hastig wurden die Gebäude vor Olympia 1972 errichtet. Heute sind sie zum Teil unbewohnbar, der Neubau kostet Millionen.

Von Andreas Liebmann

Das Ende der Welt ist nicht zu erkennen. Kein Krater, keine Mauer, kein Stacheldraht unterbricht den langen Weg über das Gelände des Münchener Rennvereins (MRV). Man stapft einfach geradeaus durch Pfützen, in die es unentwegt weiterregnet, ohne zu merken, wann genau man die eine Welt verlässt und die andere, die düstere, verstörende, betritt. Kein Fremder verirrt sich hierher.

Die Vorderwelt kennen viele. Sie ist für Sonnenschein gemacht. Wenn an großen Renntagen das Wetter passt, strömen Zehntausende Münchner zur Galopprennbahn nach Riem. Dann ist es laut hier. Die drei Tribünenhäuser entlang der Strecke sind voller Menschen, Familien breiten ihre Picknickdecken aus.

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Am Haupteingang steht ein Hochglanz-Übersichtsplan, er zeigt die neue Alm, in der seit drei Jahren Besucher verköstigt werden, den Parcours fürs Ponyreiten, den Kinderspielplatz im Schatten alter Bäume. Doch etwa dort, wo dieser Plan endet, endet auch die Welt, wie sie die Besucher der Rennbahn kennen. In der anderen, der Hinterwelt, arbeiten Menschen wie der Ire John Hillis.

Mit grüner Kappe, blauer Arbeitsjacke, die Füße in Gummistiefeln, steht er am Eingang seines Stalls. Bereit, einen Einblick zu geben. "John Hillis macht viel", sagt John Hillis, 52, lachend und mit breitem Akzent auf dem Weg nach innen. Was er meint: Es gibt eine Handvoll großer Stallgebäude hier auf der Anlage in Riem; seines sei noch eines der besseren.

Knapp 30 Pferde trainiert Hillis hier. Die Fassade links und rechts vom Eingangstor ist in den irischen Nationalfarben orange, weiß und grün bemalt, verziert mit Kleeblatt, Pferdelogo und der Aufschrift: "Hillis Racing". Auch drinnen, wo zwei Hengste aus ihren Boxen blicken, ein kleiner, gescheckter Hund zur Begrüßung heranwackelt und sich zwei Kätzchen balgen, bemüht Hillis sich um Sauberkeit. 365 Tage im Jahr sei er hier, "ab und zu hätte ich gern mal frei". Die Plastikfenster der großen Halle sind im Lauf der Jahrzehnte dunkelbraun angelaufen. Stockflecken an der Decke zeigen, dass das Dach undicht ist. Doch den Pferden geht es gut.

Die Besichtigungstour führt über eine Außentreppe in den ersten Stock, zu den Mitarbeiterwohnungen. Die erste Tür: ein heruntergekommenes Gemeinschaftsklo. Die zweite: ein leer stehendes Einzimmer-Appartement, wie überall ohne eigenes Bad, an der Decke eine altmodische Lampe. Als wäre in diesem Schattenreich die Zeit stehen geblieben.

Die Seiten der Rennkalender sind vergilbt

Der kahle Raum ist winzig, die Fenster undicht, der Betonboden hat Risse. Der Flur ist endlos, eng und düster. Durch die Fenster könnte man in den Stall blicken, doch die Scheiben sind dunkel bemalt oder abgeklebt, um nachts die Pferde nicht zu stören. Es ist schwer zu glauben, dass hier Menschen leben.

1989 kam Hillis hierher, ein erfolgreicher Jockey aus einem professionell geführten irischen Gestüt. Damals war der Münchner Flughafen noch in Riem. Die erste Nacht habe er im Haus von Trainer Wolfgang Figge verbracht. Dann sei er auf der Rennbahn angekommen mit seinen Koffern, die Außentreppe hoch gegangen, habe sein Kämmerchen inspiziert - und gefragt, wie er am schnellsten zurück zum Flughafen komme.

Hillis wohnte weitere neun Monate bei Figge, irgendwann lernte er seine Frau kennen und bezog mit ihr ein Haus in Dornach. Die Wohnungen sind in den darauffolgenden 28 Jahren weiter verfallen.

Kernstück der Vorderwelt, neben der Rennbahn mit dem dichten, perfekten Rasen, in deren Inneren ein Golfplatz mit zwei kleinen Teichen liegt, ist das malerische, denkmalgeschützte Sekretariatsgebäude, Baujahr 1897. Weiß getünchte Holzfassade, große Fenster mit grünen Rahmen, Efeu. Hier residiert Geschäftsführer Horst Lappe. "Mir wird oft gesagt: ,Du hast das schönste Büro Münchens'", erzählt er. Im Eck neben dem Schreibtisch steht eine Golftasche.

Der Anbau im gleichen Stil entstand hundert Jahre später. Grüne Polsterstühle stehen um einen Konferenztisch aus dunklem Holz, an den Wänden hängen alte Fotos und Zeichnungen von Rennpferden, an einer Seite ein niedriges Regal voller alter Bücher. Rennkalender aus dem 19. Jahrhundert. Wer wissen will, wer den Prix de la Ville de Havre 1889 gewann - auf diesen vergilbten Seiten wird er fündig.

49 Wohneinheiten sind auf die Stallgebäude verteilt, "nicht alle belegt, teilweise auch nicht bewohnbar", erzählt Lappe. 35 Mitarbeiter leben darin, die meisten Trainer wohnen außerhalb. Die Mieter hätten ihre Räume so gut es geht hergerichtet, "aber das ändert natürlich nichts daran, wenn die Heizung nicht funktioniert und die Isolierung fehlt". In Wintermonaten kämen schon mal Stromrechnungen von 18 000 Euro auf den Rennverein zu, weil die Bewohner elektrische Heizlüfter bräuchten. Die Heizanlage ist marode.