Pferdesport Die Stange ist gefallen

Der Münchner Daniel Göhlen hat ein Programm entwickelt, mit dem er das Wertungssystem im Dressur-Reiten verständlich machen will. Nun interessiert sich sogar der Weltverband FEI dafür. Die Testphase läuft

Von Katalina Präkelt

Da tanzen Pferd und Reiter in der Kür also durch das Viereck, drehen Pirouetten, piaffieren, traversieren, wechseln Seiten und Gangarten bestenfalls wie im Schlaf. Und am Ende steht eine Note, wie in fast jedem Sport, bei dem es nicht um Höhe, Weite oder Schnelligkeit geht. Für Dressur-Reiter und Experten mag die Note verständlich sein, für Laien ist sie bestenfalls insofern nachvollziehbar, als dass eine hohe Note gut, eine niedrige weniger gut ist. Welche Passagen der Kür dem Richter gut gefallen haben, an welchen Stellen es Punktabzug gab, erschließt sich weder dem Reiter noch dem Zuschauer.

Nicht mehr lang, dann sollte Daniel Göhlens Arbeit Erfolg haben. Der Münchner entwickelt ein neues Bewertungssystem für Küren der Klasse S, in der Reiter ihr Können ungebunden an vorgeschriebene Aufgaben demonstrieren dürfen. Da trifft es sich, dass Göhlen nicht nur selbst erfolgreich bis zur schwersten Klasse reitet, sondern sich auch mit dem Programmieren auskennt: Der 26-Jährige studiert an der TU Informatik und Games Design, seine Firma programmiert Websites und Apps.

Eine ungewöhnliche Kombination. Daniel Göhlen verknüpft die Arbeit im Dressurviereck mühelos mit der am Computer. Viele Überschneidungen gibt es allerdings nicht. Während sich die Reitkollegen selten mit Algorithmen auseinandersetzen, finden sich die wenigsten Kommilitonen auf dem Turnierplatz ein. "Vielleicht auch", vermutet Göhlen, "weil die Dressur für viele eben nicht so spannend ist wie Springreiten, wo klar ist, ob die Stange fällt oder nicht." Das will der Student ändern.

Göhlen will die Bewertungen für Küren verständlicher gestalten, um den Sport attraktiver zu machen. Das größte Problem sieht Göhlen darin, dass die Richter subjektiv entscheiden über den Schwierigkeitsgrad einer Figur, sei es eine Pirouette oder eine Reihe von Galoppwechseln. Dabei orientieren sie sich an Richtlinien, bewerten aber letztlich nach eigener Einschätzung. "Nun ist es so, dass viel gleichzeitig passiert in einer Kür und die Richter nicht wissen, welche Figur als nächste kommt. Dementsprechend ist es schwierig, sich am Schluss noch einmal Gedanken darüber zu machen, was besonders schwer war, noch mal die ganzen Leitfäden durchzugehen und dann über die Note zu entscheiden."

Pferd und Computer im harmonischen Einklang: Informatik-Student Daniel Göhlen, 26, designt Webseiten, Spiele und Apps. Reiten will er weiterhin.

(Foto: Rainer Dill/oh)

Da bei einer Prüfung bis zu sieben Richter anwesend sind, kommt es zu unterschiedlichen Noten. "Beim Publikum stößt das auf Unverständnis. Insbesondere, wenn die Wertungen der Richter stark voneinander abweichen. Gerade an den höchsten Stellen sollte so etwas nicht passieren." Die Idee, mit der Göhlen die Bewertungssysteme umkrempeln will, ist simpel. Er hat ein Programm geschrieben, mit dem Reiter ihre Kür am Computer oder per App zusammenstellen können. Jeder Figur ist ein Schwierigkeitsgrad zugeordnet. Für die Reiter ist direkt ersichtlich, welche Punktzahl sie über den Schwierigkeitsgrad erreichen können. Dem Richter liegt der Bogen während der Prüfung vor, anhand dessen er die Figuren direkt bewerten kann. "Dadurch kommt mehr Ruhe in die Prüfung, die Richter können sich eher auf die Darbietung konzentrieren statt die ganze Zeit Notizen zu machen." Über Bildschirme können die Zuschauer die Benotungen verfolgen. Ein Punkt, den Göhlen immer wieder betont: "Der Zuschauer sieht, ob dem Richter die Pirouette gefallen hat, und kann direkt mit anderen Zuschauern darüber diskutieren." Er sieht quasi, ob die Stange gefallen ist oder nicht.

So simpel die Idee auch ist, leicht war die Umsetzung nicht. Am Leistungskatalog wurde lange gefeilt, um dem Schwierigkeitsgrad einzelner Lektionen gerecht zu werden. Viel Feedback von Reitern, Richtern und Trainern floss in die Arbeit ein. Maßgeblichen Anteil an dem Programm hatte die Dressurrichterin Katrina Wüst. Ihrer Feder entspringt der Katalog, an dessen Umsetzung sie seit Jahren arbeitet. Aber sie musste erst Daniel Göhlen treffen, der ihrer Idee letztlich eine Form gab.

Nun interessiert sich die FEI, der Dachverband der Reitvereine weltweit, für das Programm. Derzeit läuft die Testphase, das Programm soll demnächst auf Turnieren eingesetzt werden. Verlaufen die Tests erfolgreich, würde die FEI Daniel Göhlen das Programm abkaufen und weltweit einsetzen, bei hochdotierten internationalen Serien wie den World Dressage Masters bis hin zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Ein Einsatz, der sich für Göhlen auszahlen würde. Über den genauen Preis des Programms will er lieber nichts sagen. Aber er geht davon aus, dass es bei einer vernünftigen Planung seine Firma für ein paar Jahre finanzieren würde.

Reiten will er weiterhin. Schließlich kennt sich mit der Bewertung von Küren kaum einer besser aus als er.