Pferdesport Deadline in Daglfing

"Ziel ist es, gemeinsam mit dem Verein und der Stadt etwas zu entwickeln", sagt Peter Schrägle. Nur wie? Im Bild ein Traber auf der Rennbahn in Daglfing.

(Foto: Florian Peljak)

Im Rechtsstreit um den Verkauf seiner Rennbahn aus dem Jahr 2005 tritt der Münchner Trabrenn- und Zuchtverein auf der Stelle. Er hofft auf einen Vergleich, Investoren gibt es offenbar - doch dem defizitären Klub läuft die Zeit weg

Von Andreas Liebmann

Auf den Holztischen im Daglfinger Traberstüberl lagen hübsche bunte Ausdrucke. Jeder konnte sie am späteren Abend mit nach Hause nehmen, als Andenken daran, dass die Mitgliederversammlung des Münchner Trabrenn- und Zuchtvereins (MTZV) an jenem Donnerstag Anfang Dezember mal wieder völlig anders verlaufen war als geplant. Auf zwei DIN-A-4-Seiten war in farbig hinterlegten Textblöcken dargestellt, dass es zu Ende gehen werde mit dem Verein, unweigerlich - zumindest, sofern dieser sich dazu entschlösse, jenen Rechtsstreit fortzuführen, in dem er seit einigen Jahren versucht, den Verkauf seiner Rennbahn aus dem Jahr 2005 rückgängig zu machen. Dann nämlich drohe die Insolvenz, ganz egal, wie der Prozess ende, ob der Verein Recht bekäme oder doch der niederbayerische Bauunternehmer Günther Karl, der die Bahn 2005 erworben hatte. Der einzige Ausweg - so war es jedenfalls auf der bunten zweiten Seite dargestellt - wäre ein Vergleich mit Karl. Von diesem wollte der Vorstand die Mitglieder offensichtlich überzeugen.

Doch alles lief anders. Die Anwesenden interessierten sich viel mehr für die Darstellungen des Prozessanwalts Frederik Foitzik, demzufolge die Siegchancen in der zweiten Instanz deutlich besser stünden als in der ersten - Foitzik war überhaupt erst auf Drängen einiger Mitglieder eingeladen worden. Und dann warf Peter Schrägle, der ehemalige MTZV-Präsident, auch noch einen Investor in die Debatte, der angeblich bereit wäre, 65 Millionen Euro für das Vereinsgelände zu zahlen und den weiteren Rechtsstreit zu finanzieren. Die Versammlung staunte - und vertagte sich, um weitere Informationen zu sammeln. Bis zu einem neuen Termin im Januar würden sie finanziell schon noch durchhalten, sagte die Klubpräsidentin Angelika Gramüller seufzend. Der Inhalt der bunten Blätter kam gar nicht mehr richtig zur Sprache.

Der Januar ist vorbei, ein Termin für eine neue Versammlung noch nicht in Sicht - doch zumindest Schrägle kann offenbar neue Erkenntnisse präsentieren. Fünf interessierte Investoren gebe es inzwischen, berichtet er auf Nachfrage, drei davon hätten konkretere Angebote gemacht. Die gebotenen Summen bewegten sich zwischen 50 und knapp 80 Millionen Euro, jeweils mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen, so dass unter dem Strich in allen Fällen etwa dasselbe herauskomme. Zum Vergleich: Karl hatte seinerzeit 11,5 Millionen Euro bezahlt plus den Bau einer Ersatzrennbahn in Maisach für etwa 4,5 Millionen Euro, der aber bis heute nicht begonnen wurde - ein Preis, den die MTZV-Anwälte für sittenwidrig halten. Die aktuellen Interessenten, ein Münchner Bauträger, ein deutsches und ein ausländisches Unternehmen, operierten allesamt mit Zahlen, die auf einem Strukturkonzept der Stadt aus dem Jahr 2007 beruhten, so Schrägle. In jedem Fall sei die Finanzierung des weiteren Rechtsstreits vorgesehen, des laufenden, defizitären Rennbahnbetriebs in Daglfing und eine Vorfinanzierung einer Ersatzrennbahn. "Ziel ist es, gemeinsam mit dem Verein und der Stadt etwas zu entwickeln", sagt Schrägle. Hier im Münchner Nordosten soll ein riesiges Wohngebiet entstehen, das macht auch das 20 Hektar große Gelände des MTZV so begehrt. Mehrere "honorige Mitglieder" des Vereins hätten sich zuletzt in einer Art Interessensgemeinschaft zusammengetan, sagt Schrägle, in ihrem Namen handle er. Allerdings passiere alles unter erheblichem Zeitdruck.

Übersichtlicher ist die Lage nicht geworden. Schrägle hat kein wirkliches Mandat. Der Rechtsstreit war in erster Instanz verloren gegangen, und der aktuelle Vorstand um Gramüller präferierte zuletzt einen Vergleich - mehrere externe Anwälte hätten der Klage auch in zweiter Instanz wenig Chancen eingeräumt, sagt Gramüller. Für neue Investoren ist es schwierig, ihr Risiko abzuschätzen und zu wissen, mit wem genau sie eigentlich am Verhandlungstisch sitzen. Obendrein hat Ehrenmitglied Otto Stumpf, der den juristischen Feldzug des MTZV gegen Karl begonnen und lange finanziert hatte, sein Engagement inzwischen beendet und offenbar sein gesamtes Darlehen in Höhe von 3,7 Millionen Euro an Günther Karl veräußert. Laut Gramüller beinhaltet das auch ein Vorkaufsrecht, das der Großgrundbesitzer Stumpf sich einst für die Rennbahn hatte einräumen lassen. Trotz allem, sagt Schrägle, wollten die Investoren den Rechtsstreit jeweils auf eigenes Risiko weiterfinanzieren.

Gramüller lässt derweil alle weiteren Schritte ruhen. Auch ein Vergleich mit Karl sei nicht weiterverhandelt worden. Dessen bisherige Eckdaten sahen vor, dass der Unternehmer den Verein mit vier Millionen Euro über die nächsten sieben Jahre hinweg unterstützt, ihm sämtliche Verbindlichkeiten erlässt und ihm ein neues Rennbahngeläuf errichtet - bis zu zehn Jahre könnten in Daglfing weiter Rennen stattfinden. Mit welchem Geld der Verein dann umziehen und weiterwirtschaften sollte, ist allerdings fraglich. "Alles ruht, bis Herr Schrägle mit einem Angebot kommt, das man ernst nehmen kann", sagt Gramüller. Noch gebe es keine Letters of Intent, also keine rechtsverbindlichen Absichtserklärungen der Investoren. "Allmählich werde ich ungeduldig", sagt sie. Sie habe nun eine Deadline bis 24. Februar gezogen. Es störe sie, dass immer viel zu sehr die Immobilie im Vordergrund stehe und zu wenig die Perspektive des Pferderennsports. Doch mit wachsenden Schulden und ohne Eigentum ist es schwer, eine Perspektive zu schaffen.

Auf absehbare Zeit wird es in Daglfing also keine weitere Mitgliederversammlung geben, denn die Angebote müssten dann ja erst von Anwälten geprüft werden. Immerhin: "Finanziell halten wir auch noch bis April durch", sagt Gramüller - und seufzt nicht. Sondern lacht.