Münchner Schwimmer knacken WM-Norm Letzter Schliff

Auf Münchens Schwimmer prasselt bei der deutschen Meisterschaft in Berlin ein Medaillenregen nieder. Die Erfolge von Alexandra Wenk, Johanna Roas und Florian Vogel zeigen, dass sich die Landeshauptstadt zu einem bedeutenden Nachwuchsbassin entwickelt hat.

Von Sebastian Winter, München/Hohenbrunn

Johanna Roas saß am Montag schon wieder im Flieger Richtung Denver, die meisten anderen Münchner machten sich in drei Kleinbussen von Berlin aus auf den langen Heimweg. Am Vorabend waren sie noch ein wenig ausgegangen mit Kollegen aus Dortmund und der Hauptstadt, lange hielten sie die Kneipentour aber nicht mehr durch, "denn wir waren alle ziemlich müde vom Wettkampf", wie Alexandra Wenk gestand. Doch mit ihrer Müdigkeit konnten die Schwimmer der SG Stadtwerke gut leben, nach diesem Medaillenregen, der bei der deutschen Meisterschaft auf sie niedergeprasselt war.

Wenk hatte über 50 und 100 Meter Schmetterling den Titel gewonnen, Johanna Roas, die extra aus ihrer Wahlheimat USA angereist war, schwamm über 50 Meter Rücken allen Konkurrentinnen davon. Florian Vogel dominierte die Rennen über 400 und 800 Meter Freistil fast nach Belieben. Aufgefüllt wurde die Edelmetall-Sammlung der SG durch Silber für Wenk, zweimal Bronze für Roas und Marius Kusch sowie insgesamt acht Staffelmedaillen - fünf silbern, drei golden. Kurzum: Es war die bislang erfolgreichste DM für die SG Stadtwerke München.

Doch Wenk war nicht einmal glücklich mit ihrer Leistung: "Es war schon okay, aber ich bin noch nicht zu 100 Prozent zufrieden." Vor allem der knapp verpasste deutsche Rekord über 100 Meter Schmetterling ärgerte die Münchnerin, die seit Herbst ein Fernstudium an der FH Erding macht und sich noch mehr als zu Schulzeiten auf den Leistungssport fokussiert. Nur 28 Hundertstel fehlten der 20-Jährigen zur Bestzeit von 2009. "Aber Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden", sagte Wenk, die in 58,18 Sekunden immerhin die Norm für die Weltmeisterschaft im Sommer in Kasan geknackt hat. Bis Anfang Juli müssen Wenk, Roas und Vogel, die beide ebenfalls die Richtzeit unterboten haben, die Norm noch ein weiteres Mal brechen, um bei der WM zu schwimmen.

Münchens Stützpunkttrainer Olaf Bünde, der seine Schwimmer in einem der drei Kleinbusse nach Hause chauffierte, war naturgemäß sehr angetan von der Leistung seiner Mannschaft, die ohne Antonia Baerens (Virusinfekt), aber mit ihrer Schwester Teresa angetreten war. Das Geschwister-Paar hatte in den Wochen zuvor Unruhe entfacht, weil es vom TSV Hohenbrunn-Riemerling zur SG gewechselt war - was nicht allen gefallen hat. "Das ist eine tolle Ausbeute und eine phänomenale Mannschaftsleistung. Das kommt nicht einfach so. Da muss man über Jahre hinweg strukturell etwas aufbauen", sagte Bünde.

Von Roas' Leistung war aber selbst Bünde etwas überrascht. Die Münchnerin studiert und trainiert seit 2013 an der Universität in Denver/Colorado, "dort habe ich mir den letzten Schliff geholt", sagt die 21-Jährige - und fügt dennoch erstaunt hinzu: "Die Zeit ist der Hammer, ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell schwimmen kann." Roas ist jedenfalls ein weiteres großes SG-Talent, das nun endgültig in die deutsche Spitze vorgestoßen ist.

Aber es haben nicht nur die SG-Schwimmer in Berlin fast ausnahmslos überzeugt, sondern auch jene des TSV Hohenbrunn-Riemerling - trotz des schmerzhaften Wechsels der Baerens-Schwestern zum Konkurrenzklub aus München. Aus dem kleinen, neun Schwimmer umfassenden TSV-Aufgebot stachen zwei junge Frauen besonders hervor: Emily Siebrecht und Helen Scholtissek. Siebrecht gewann gleich am ersten Wettkampftag knapp hinter der WM-Teilnehmerin Franziska Hentke aus Magdeburg Silber in ihrer Paradedisziplin 400 Meter Lagen. In 4:43,41 Minuten schwamm die 18-Jährige nur ein paar Zehntelsekunden an der WM-Normzeit vorbei, verbesserte aber den bayerischen Altersklassenrekord. Scholtissek, die im vergangenen Jahr lange Zeit wegen einer Herzmuskelentzündung ausgefallen war, wurde - drei Zehntel hinter der Zweitplatzierten Wenk - starke Dritte über 100 Meter Freistil.

"Wir haben unsere Ziele übertroffen", sagte Claudia Breunig, die Leistungssport-Verantwortliche des TSV. Möglicherweise hat Scholtissek sogar noch eine Chance, an der WM im Sommer teilzunehmen. Bei einem Test der Lagenstaffel im Rahmen der Wettkämpfe in Berlin überzeugte die 17-Jährige auf der Kraulstrecke die Trainer mit einer sehr starken Zeit. Zunächst einmal konzentrieren sich Scholtissek und Siebrecht aber in den nächsten Wochen auf ihre Abiturprüfungen. Alexandra Wenk ist froh, die Prüfungen längst hinter sich zu haben. So hat sie mehr Zeit, ihre Baupläne für Kasan noch umzusetzen.