Leichtathletik Rehe mit Rückenwind

Beim Ludwig-Jall-Sportfest im Dante-Stadion sind es vor allem die Münchner Leichtathleten, die in einem erlesenen Feld mit immerhin sieben Olympia-Startern besonders starke Ergebnisse erreichen.

Von Max Ferstl

Münchner Moment: Jonas Bonevit gewann das Speerwerfen.

(Foto: Claus Schunk)

Als Johannes Trefz auf die Zielgerade einbog, lief er ganz alleine. So fühlte es sich zumindest an. Der 400-Meter-Sprinter der LG Stadtwerke München nahm im Augenwinkel keinen Konkurrenten mehr war, was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Trotzdem hatte Trefz gemischte Gefühle, als er sich kurz darauf über die Ziellinie schob. Einerseits freute er sich, dass er soeben einem hochklassig besetzen Feld davon gespurtet war. Andererseits war da die Zeit: 46,39 Sekunden. "Das ist nicht das, wo ich hinwill", gab Trefz zu.

Sieben Meeting-Rekorde werden aufgestellt, Paralympics-Sieger Niko Kappel stößt Weltrekord

Er wollte eigentlich viel schneller laufen, endlich die bedeutsame Marke von 46 Sekunden unterbieten. Seine Bestzeit liegt derzeit bei 46,02. Am Samstagnachmittag, beim Ludwig-Jall-Sportfest, erschien die Gelegenheit zunächst günstig: gutes Wetter, ein Heimspiel, das Wissen um die gute Form, dazu zwei starke Konkurrenten. Die Briten Theo Campbell und Owen Smith sind schon ähnlich starke Zeiten gelaufen wie Trefz, der aktuelle deutsche Meister. Der 24-Jährige hatte also auf eine Treibjagd gehofft. Er als Jäger auf der Innenbahn, die Briten als fliehende Rehe weiter vorne auf den Außenbahnen. Doch stattdessen ergaben sich die Verfolgten recht kampflos. Schon nach 200 Metern hatte sich Trefz herangeschoben und war gleichauf vor der letzten Kurve. Mühelos zog er dann auf der schnelleren, weil kürzeren Innenbahn vorbei und gewann am Ende souverän mit einer halben Sekunde Vorsprung. "Es wäre schön gewesen, wenn ich mich mehr mit ihnen hätte batteln können", fand Trefz. Das direkte Duell hätte geholfen, sich auf ein neues Level zu heben.

Johannes Trefz (rechts) war zu schnell für Theo Campbell.

(Foto: Claus Schunk)

Bereits auf einem neuen Level angekommen ist hingegen das Ludwig-Jall-Sportfest bei seiner 32. Auflage. Sieben Olympiateilnehmer aus dem Vorjahr hatten sich für einen Start in München entschieden. Unter anderem Christina Hering, die Lokalmatadorin. Die 800-Meter-Spezialistin versuchte sich auf der ungewohnten 400-Meter-Distanz. Hering schlug sich wacker, musste sich jedoch der starken Portugiesin Catia Azevedo geschlagen geben. Trotzdem war Hering durchaus zufrieden mit ihrem Auftritt - bis auf die zweite Kurve, "da hab ich kurzzeitig den Druck verloren" - und so Zeit liegen lassen. Hering will nun beim nächsten Wettkampf in Dessau "endlich die WM-Norm über 800 Meter abhaken".

Wie sehr sich das Münchner Event inzwischen weiterentwickelt hat, belegt auch die Ergebnisliste: Sieben Meeting-Rekorde wurden aufgestellt, sogar ein Weltrekord war dabei: Paralympics-Sieger Niko Kappel (VfL Sindelfingen) stieß die Kugel auf 13,78 Metern, weiter als je zuvor in der Schadensklasse F41. "Die Qualität hat sich in diesem Jahr deutlich gesteigert", fand Christian Gadenne, der verantwortliche Geschäftsführer der LG Stadtwerke München. Was Gadenne besonders freute: Die Münchner Athleten rückten sich mit starken Leistungen ins Rampenlicht.

Paulina Huber zum Beispiel. Die 19-Jährige lief die 100-Meter Hürden in 13,48 Sekunden. Huber unterbot sowohl die schnellste im Münchner Meeting je gelaufene Zeit (13,50 Sekunden) als auch ihre persönliche Bestleistung (13,60). Sie näherte sich zudem bis auf acht Hundertstel der geforderten Qualifikationszeit für die U23-EM an, die im Juli in Polen stattfindet. Geholfen hat ihr zweifellos, dass während des Rennens ein kräftiger Wind von hinten blies. "Endlich hatte ich mal Rückenwind", freute sich Huber. Bisher habe sie in der Hinsicht eher Pech gehabt.

Christina Hering wurde Zweite auf der 400-Meter-Strecke.

(Foto: Claus Schunk)

Diesmal waren die günstigen Bedingungen kein Zufall, sondern einkalkuliert. Seit kurzem verfügt die Anlage im Dantestadion über neue Markierungen auf der Rennbahn. Die kurzen Sprintdistanzen können nun in zwei verschiedene Richtungen gelaufen werden - je nachdem, woher der Wind bläst. Und weil jeder Sprinter lieber mit als gegen den Wind läuft, ist die Rückenwind-Garantie ein triftiges Argument, um in München zu starten. "Es gab einen ordentlichen Zulauf", findet Gadenne, vor allem über die kurzen Distanzen: "In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Stadien, die Rückenwind garantieren können", glaubt Gadenne.

Der Wind beschäftigte später auch Johannes Trefz. Die neue Rückenwind-Garantie hilft ihm zwar nicht weiter, weil er die ganze Stadionrunde laufen muss. Aber das Thema könnte wenigstens eine Erklärung liefern, warum es nicht so schnell vorwärts ging wie erwartet: "Vielleicht war es doch windiger als gedacht", überlegte er. Andererseits: Schneller als Trefz am Samstag ist in diesem Jahr noch kein Deutscher die 400 Meter gelaufen.