Leichtathletik Horizontalverschiebung

Die Spanierin Aauri Bokesa, zweimalige Olympia-Starterin über 400 Meter, kam nach München, um sich weiterzuentwickeln - und der Liebe wegen. Die sportliche Entwicklung stagniert. Die Liebe bleibt

Von Andreas Liebmann

Dies war wieder so ein Morgen. Sie wachte auf und bemerkte, dass sie das Falsche geträumt hatte. Auch sieben Jahre danach passiert ihr das noch oft. Bis sie die Augen aufschlug, tat Aauri Bokesa das, was sie "all my life" getan hat, wie sie sagt, ihr ganzes Leben lang: Sie spielte Basketball. "I played fantastic", erzählt sie und lacht. Dabei ist Bokesa gar keine Basketballerin. Nicht mehr. Sie ist 400-Meter-Läuferin, Mitglied der LG Stadtwerke München. Bei zwei Olympischen Spielen ist sie gestartet, in London und in Rio. Aber wer träumt schon 400-Meter-Läufe.

Aauri Bokesa, 28, ist in Madrid geboren, ihre Eltern kamen Anfang der Siebziger aus Guinea. Nach München zog sie im vergangenen September, zu ihrem Freund Pedro Garcia Fernandez, einem Hürdensprinter der LG Stadtwerke, der hier an der Technischen Universität Maschinenbau studiert und für die TU gerade wieder deutscher Hochschulmeister geworden ist. Nun sitzen beide in seinem Appartement im Olympischen Dorf, er auf einem Stuhl, sie auf der Kante des Betts, recht viel mehr passt nicht hinein in dieses Kämmerchen. Es wirkt für beide viel zu klein, auch für Bokesa, die 1,83 Meter groß ist, in grauen Joggingklamotten dasitzt, die schwarze Mähne nach hinten gebunden, die Füße in neongelben Sneakersocken. Die Enge hier passt so gar nicht zu dem, was sie gerade über sich erzählt. Denn sie kam her, um sich neue Horizonte zu erschließen, neue Einflüsse und Sichtweisen zu bekommen, sich im besten Falle neu zu erfinden.

Zehn spanische Meistertitel hat Aauri Bokesa gewonnen, ihre 400-Meter-Bestleistung im Freien liegt bei 51,66 Sekunden. Doch sie stammt aus dem Juli 2014. "Es ist hart für den Kopf, wenn die persönliche Bestzeit schon mehrere Jahre zurückliegt", erklärt Pedro Garcia Fernandez, 24. Er weiß das, ihm geht es ähnlich, bei ihm liegt es daran, dass er sich mehr auf sein Studium als auf den Sport konzentriert. Bei seiner Freundin Aauri hat es andere Gründe. Bis sie 20 war, hat sie Basketball gespielt, als Small Forward gewann sie mit dem spanischen Junioren-Nationalteam bei drei Europameisterschaften Medaillen. Ihr Traum, die Olympischen Spiele, schien dennoch weit weg. Dann habe sie der damalige Athletiktrainer ihres Teams über 400 Meter laufen sehen und gesagt: "In der Leichtathletik schaffen wir das." Zwei Jahre später startete sie in London.

Basketball spielt Aauri Bokesa seitdem nur noch in ihren Träumen, die Verletzungsgefahr ist zu groß. Als Sprinterin entwickelte sie sich rasant - anfangs. "In zwei Jahren von null bis Olympia", erzählt sie, "da war keine Zeit für die Basics", für technische Grundlagen also. Ohne die komme sie nun aber nicht weiter. Ein Quereinstieg mit Anfang 20 ist im Langsprint nicht völlig ungewöhnlich, bleibt aber schwierig: "Vieles lernt man als Kind leichter." In Tokio 2020 will Bokesa ihre dritten Olympischen Spiele erleben, dazwischen gibt es zwei Europameisterschaften (2018 und 2020), die sie sogar motivierender empfinde, weil sie mit Finalchancen starte. Achte, Neunte und Zehnte war sie schon bei Europameisterschaften. Nun, in diesem nacholympischen Jahr, habe sie die Möglichkeit, einiges auszuprobieren, neue Trainer und Methoden kennenzulernen, irgendetwas zu finden, was ihr weiterhilft. Das hat sie nach München gebracht, wo sie für die LG bereits an den südbayerischen Meisterschaften und am Munich Indoor teilnahm. Das, und ihr Freund Pedro natürlich. Seit fast zweieinhalb Jahren sind sie ein Paar.

So recht gefunden hat sie bisher nicht, was sie suchte. Die Münchner Leichtathletik-Gemeinschaft hat eine starke Trainingsgruppe um die 800-Meter-Spezialistinnen Christina Hering und Fabienne Kohlmann, doch die hat die nacholympische Hallensaison nahezu ignoriert. "Wir haben vor allem ausdauerorientiert trainiert und waren kaum auf der Bahn", erläutert Trainer Daniel Stoll. "Im Herbst hatten wir uns mit Aauri ausgetauscht, aber zu wenige Überschneidungen gefunden, deshalb kam das nicht zusammen." Vielleicht passe es in diesem Sommer besser.

Aauri Bokesa wirkt etwas enttäuscht. Sie hat nun weitgehend nach den Plänen ihres spanischen Coaches trainiert, sich bisweilen den Langsprintern von André Naumann angeschlossen, Trainer beim München Road Runners Club, der sie als "tolle Inspiration für die Gruppe" lobt. Und nun hat sich auch schon Abschiedsstimmung breit gemacht in dem kleinen Zimmer. An diesem Wochenende starten sie und Pedro Garcia Fernandez bei den spanischen Hallenmeisterschaften - Bokesa wird danach erst einmal in Spanien bleiben. Sie tritt dort ein Leistungssportstipendium an.

An diesem Wochenende finden auch die deutschen Hallenmeisterschaften statt, bei denen Garcia Fernandez im Vorjahr in Leipzig Siebter war. In diesem Jahr darf er nicht teilnehmen, ebenso wenig wie Bokesa, weil der Deutsche Leichtathletik-Verband seine Regularien geändert hat und nur noch deutsche Staatsbürger zulässt. Das ist einer der Gründe, wieso die LG Stadtwerke nicht mal eine Pressemitteilung verschickte, als die zweimalige Olympiastarterin Bokesa Mitglied wurde. "Das ist uns medial durchgerutscht", entschuldigt Geschäftsführer Christian Gadenne, weist aber auch gleich auf die neuen Regeln hin. Denn die bedeuten: Mit Bokesa ist bei nationalen Meisterschaften nicht mal für die Staffel etwas anzufangen.

Die Regeländerung ist umstritten. Pedro Garcia Fernandez findet sie gut. Im vergangenen Jahr hätten ihn spanische Journalisten gefragt, wieso er an deutschen Meisterschaften teilnehme. "Weil ich es darf", habe er geantwortet. "Aber ich fand es falsch. Wenn ich ein Finale erreiche, heißt das doch, dass ein Deutscher es verpasst." Künftig dürfe er nur noch bis zum DM-Halbfinale mitlaufen, so werde das auch in Spanien gehandhabt. Dort, wo er ein ganz anderes Problem hat: Nur eine nationale Medaille hat er gewonnen, Silber 2013 - fünf oder sechs hätten es sein können, würde sein Heimatverband nicht immer wieder Kubaner oder Ecuadorianer einbürgern. Er findet es richtig, wenn ein Verband seine eigenen Talente stärkt. Die Kehrseite: Auch in Deutschland lebende Kinder und Jugendliche mit anderen Staatsbürgerschaften fallen unter die Neuregelung, sie dürfen künftig nicht mehr mitmachen. "Das ist für sie und die Vereine schwierig", weiß Trainer Stoll. Eine Reihe LG-Athleten sind davon betroffen.

Aauri Bokesa ist sicher kein Härtefall. Noch spricht sie kein Wort Deutsch, ihr Freund übersetzt für sie. Sie bleibt weiter auf der Suche nach neuen Einflüssen und Trainingspartnern, künftig wird sie diese vielleicht eher in Frankfurt suchen oder in der Schweiz. Spanien hat für 400-Meter-Läuferinnen nicht viel zu bieten. Nach München will sie natürlich auch zurückkehren, schon wegen ihres Freundes, der hier im Anschluss an sein Studium einige Jahre lang arbeiten will. Dann wird sie nachts in diesem kleinen Zimmerchen auch wieder Traumbasketball spielen.

Deutscher Hochschulmeister: Pedro Garcia Fernandez.

(Foto: Claus Schunk)