Leichtathletik Die Selbstzweifel sind wegrasiert

Mit Kampffrisur und neuer Zuversicht: Paul Walschburger holt in Sindelfingen seinen ersten deutschen Titel.

(Foto: Imago Sportfotodienst)

Dreisprung-Neuling Paul Walschburger wird deutscher Meister

Von Andreas Liebmann

Er hatte sich noch gar nicht ganz aus dem Sand erhoben, da ballte Paul Walschburger schon beide Fäuste. Den Brustkorb voraus schritt er zum Absprungbalken, ein prüfender Blick, dann streckte er die rechte Faust Richtung Tribüne. Schließlich posierte er für ein Foto vor der Ergebnistafel. "Ein kurzer Ausbruch", kommentiert der neue deutsche U-20-Hallenmeister im Dreisprung diese Szene.

Wer den 19-Jährigen von der LG Stadtwerke München zwei Wochen zuvor erlebt hatte, bei den südbayerischen Meisterschaften in München, der konnte ihn in Sindelfingen am vergangenen Wochenende unmöglich wiedererkennen - nicht nur, weil er sich die blonden Haare abrasiert hatte. "Das war ein Aufreger", erzählt er über seine neue Kampffrisur, "überall bin ich darauf angesprochen worden. Für mich war das eine Art, meinen Willen, meine Überzeugung und meine Fokussierung irgendwie auch nach außen zu tragen."

14 Tage zuvor hatte er nichts, aber auch gar nichts zustande gebracht. Schon die bayerischen Männer- und die bayerischen U-20-Meisterschaften Ende Januar hatte er als Dritter (14,28 m) und Zweiter (13,23 m) verkorkst, in München steigerte sich das zu "sechs katastrophalen Versuchen", wie sein Münchner Landestrainer Richard Kick zusammenfasste. "Er ist dann verzweifelt da gesessen, und ich habe ihm gesagt: ,Du gehst jetzt nicht von dieser Anlage weg!'" Kick trug Walschburger auf, gleich im Anschluss ein paar Übungssprünge mit verkürztem Anlauf zu machen, erst mit neun, dann mit elf Schritten. "Jeder war zwischen 14,5 und 15 Meter weit - als wäre nichts gewesen." Kicks Trainerkollegen Sebastian Kneifel und Gerhard Neubauer seien daneben gestanden und hätten ungläubig ihre Köpfe geschüttelt.

Noch nicht mal ein Jahr ist es her, dass Walschburger vom Weit- zum Dreisprung gewechselt ist, fast aus dem Nichts hatte er Bronze bei den deutschen Freiluftmeisterschaften geholt, mit 15,36 Meter. "Jetzt bin ich die Nummer eins in meinem Alter und überall, wo ich antrete, Topfavorit", erzählt er. "Da verkopft man schon etwas, man verkrampft." Erst im Sommer wird der LG-Neuling nach München ziehen, er macht an einer Eliteschule des Sports in Nürnberg gerade sein Abitur; nebenbei hat er ein Album als Singer-Songwriter herausgebracht und musste sich um seine Aufnahme in der Sportfördergruppe der Polizei in Dachau bemühen. Einiges kam da zusammen im Leben des Teenagers, und als es dann sportlich nicht recht lief, habe sich schon etwas aufgebaut in seinem Inneren, sagt er. Die nachträglichen Sprünge bei den südbayerischen Meisterschaften seien auch für ihn "ein Schlüsselmoment" gewesen: "Ich wollte sie erst gar nicht machen, aber es war gut so. Danach war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass es wirklich nur an meiner Verkrampftheit lag."

Richard Kick, 69, war selbst mehrmals deutscher Meister im Dreisprung. Er kann sehr anschaulich erklären, was in dieser komplexen Sportart mit dem Körper eines Athleten passiert, der im Kopf verkrampft. "Er ist schon beim ersten Sprung in Rücklage geraten, dann kommt der Unterschenkel vorne raus." Bei einem 15-Meter-Sprung wirkten Kräfte von mehr als 500 Kilogramm, die seien dann nicht mehr zu kontrollieren. Kicks Diagnose: "Paul stand sich selbst im Weg." Also habe er versucht, ihm durch Zureden und einfache Übungen wieder Lockerheit zu geben.

An der Diskuswerferin Amelie Döbler hat man in Sindelfingen recht anschaulich studieren können, was Druck im Sport auslösen kann. Auch sie war als Mitfavoritin angetreten, doch dann erzielte die Konkurrenz gleich beachtliche Weiten. Sie selbst übertrat, die zweite Scheibe rutschte aus dem Sektor, sie wurde nervös. Der dritte Versuch brachte mit 36,19 Meter das vorzeitige Aus. An guten Tagen erzielt Döbler eine solche Weite vermutlich auch mit Medizinbällen und kleineren Möbelstücken.

Döbler hat mit 17 schon genügend Erfolge, um sich von derartigen Rückschlägen schnell zu erholen. Bei Walschburger ist das anders. In seiner Disziplin ist er ein Neuling, und im Weitsprung hatte er als ehemalige Nummer eins seines Alters den Anschluss verpasst. Da kommen leicht Zweifel auf. Außerdem ist er ein nachdenklicher Typ. "Ein gescheiter Kerl", sagt Kick, "er schaut sich viele Videos an und macht sich seinen eigenen Reim darauf. Er ist keiner, der nur wartet, was der Trainer sagt."

Umso mehr hätte das auch am Wochenende schief gehen können, denn sein Stuttgarter Konkurrent Benjamin Gassioui legte gleich mal 15,08 Meter vor, eine Verbesserung seiner Bestleistung um einen halben Meter. "Da hatte ich mir schon Sorgen gemacht", gibt Kick zu. Doch auch Walschburger kam gut rein in den Wettkampf 15,03 Meter, und bald beschloss Kick, sein Schützling sei stabil genug, um von 13 auf 15 Anlaufschritte zu erhöhen. Im fünften Versuch brachte ihm das die Siegweite von 15,26 Meter. "Das war der erste Streich", sagt nun Kick, der mit dem Münchner U-18-Weitspringer Yannick Wolf (7,08 m, Rang fünf in der Altersklasse U20) in Sindelfingen noch einen Erfolg feierte. Der zweite Streich wäre die Freiluft-DM, der dritte die Qualifikation zur U-20-Europameisterschaft in Grosseto. Er traut ihm das zu, sowieso. Ob Walschburger auf seinem Kopf dann wieder Haare trägt oder nicht - darunter dürfte sich Entscheidendes verändert haben.