Leichtathletik Am Schneideweg

Die Saison 2017 beginnt verheißungsvoll und endet „verkorkst“. Hier wird Paulina Huber Zweite der deutschen U23-Meisterschaft.

(Foto: Christian Deutzmann/imago/Agentur 54 Grad)

Seit Jahren kämpft die Münchner Hürdensprinterin Paulina Huber mit Schmerzen im Fuß. Nur eine riskante Operation kann der 20-Jährigen noch helfen. Diese könnte aber auch ihr Karriereende bedeuten.

Von Andreas Liebmann

Paulina Huber blickte verkrampft zu Boden. Mit schnellen Schritten versuchte sie sich an allen Zuschauern vorbeizumogeln. Bloß nicht angesprochen werden. Die 20-Jährige arbeitet gelegentlich als Model, auf Fotos blickt sie die Betrachter mit ausdrucksstarken blauen Augen an. Nun konnte man allenfalls erahnen, wie sie ihre Tränen unterdrückte.

Es hätte ein ganz besonderer Tag für die junge Leichtathletin werden sollen. Zum 33. Ludwig-Jall-Sportfest, dem Münchner Pfingstmeeting, hatte ihre LG Stadtwerke die Hürdensprinterin Olimpia Barbosa eingeladen. Seit Jahren verpflichtet die LG für jene Disziplinen, in denen ihre Besten starten, internationale Konkurrenz - und Paulina Huber gehört zu den Besten. Doch die Portugiesin Barbosa war dann nicht am Flughafen aufgetaucht. Huber gewann ihren 100-Meter-Hürdenlauf, in 14,05 Sekunden, es gab Applaus. Seit einem Jahr hält sie hier den Meeting-Rekord, 13,48 Sekunden. Ihre Bestleistung ist noch eine Zehntelsekunde schneller. Nun aber ließ sie sich frustriert auf einem Mäuerchen vor den Zuschauerrängen des Münchner Dantestadions nieder und starrte ins Leere.

Gleich als Huber im Zielraum zu Boden ging, hatte der Stadionsprecher einen Physiotherapeuten gerufen. Huber war behandelt worden. Nun, auf dem Mäuerchen, holte sie tief Luft und begann sich den Frust von der Seele zu reden. Von Schmerzen im Fuß, die sie seit Jahren spüre und immer schlimmer würden. Von Ärzten, die das fälschlicherweise für einen Ermüdungsbruch hielten, auch eine Knochenhautentzündung war vermutet worden. Von der niederschmetternden Diagnose, die sie inzwischen kennt. "Es ist ein bisschen aussichtslos, was eine Heilung angeht", erzählte sie. "Supergravierend."

Es geht um einen Nervenengpass, eine seltene Form eines so genannten Tarsaltunnelsyndroms. Dem Nerv fehlt Platz, er müsste in einer komplizierten Operation verlegt werden. Die Entzündung hat inzwischen den ganzen Fuß erfasst. Doch der Eingriff sei hoch riskant, die Erfolgschancen stünden bei 50 Prozent. "Es kann auch total daneben gehen", erzählte sie. "Eigentlich sollte man es nicht machen mit einem normalen Menschen." Ständig werde ihr geraten, "aufzuhören mit Leistungssport".

14,05 Sekunden, das war keine vernichtend schlechte Zeit für einen Saisoneinstieg. Sonderlich gut aber auch nicht. "Wenn man das ganze Jahr über so hart trainiert, will man natürlich eine Zeit sehen, mit der man zufrieden ist", erklärte Huber. Nur reiche es eben nicht, einfach die Zähne zusammenzubeißen und loszusprinten. "Wenn der Kopf weiß, dass der Fuß schmerzt, läuft man automatisch auf Sparflamme." Das sei eben langsam. Sie will unbedingt wieder rankommen an das, was sie "meine eigentliche Zeit" nennt.

Als noch deprimierender empfand sie, dass die Schmerzen nun gleich zum Saisonbeginn auftraten, anders als in den Jahren zuvor, wo sie erst allmählich stärker wurden. Wie vergangene Saison, die sie "verkorkst" nennt, obwohl sie doch so gut angefangen hatte; die sie dann irgendwie durchstand, mit Spritzen und Ibuprofen. Im Juni war sie Zweite der deutschen Meisterschaften der Altersklasse U23 (13,52 sec), sie qualifizierte sich für die U-23-Europameisterschaft in Polen. Dort schied sie im Vorlauf aus. Mit 13,86 Sekunden. Und mit Schmerzen. Eigentlich solle man doch besser werden im Lauf einer Saison, nicht schlechter.

Vor fünf Jahren schon fing das an mit ihrem Fuß. Nun, Pfingsten 2018, sagte sie: "Ich weiß nicht, wie ich diese Saison durchhalten will." Sie werde es probieren, "ich habe ja keine Wahl". Dann fügte sie fast entschuldigend hinzu: "Ich hätte so gern etwas Positiveres erzählt."

Vier Wochen später, Spaziergang durch den Englischen Garten. Paulina Huber hat keinen Wettkampf mehr bestritten seit Pfingsten. Nur Krafttraining gemacht. Am Dienstag verschickte die LG Stadtwerke eine Pressemitteilung über Hubers Saison-Aus und einen bevorstehenden operativen Eingriff. "Ich tendiere dazu, das machen zu lassen", erzählt sie. Eigentlich ist sie längst fest entschlossen, doch tags zuvor habe sie der Chirurg noch einmal vor den Risiken gewarnt. "Entweder es klappt, oder es heißt Karriereende": So brutal klingt das jetzt. Dann wäre das Jall-Sportfest ihr letzter Wettkampf gewesen. Doch so soll es nicht enden, auch wenn es ihr das Herz breche, diese Saison nicht laufen zu können; und auch wenn eine solche Pause - vermutlich sechs Wochen auf Krücken und drei Monate, bis sie wieder laufen könne - Auswirkungen auf ihren Kaderstatus und die Förderung habe. "Wer verletzt ist, hat einfach Pech", so sei das eben in diesem Leistungssport. Ohne die Unterstützung der Familie gehe es ohnehin nicht.

Natürlich hätte sie eine andere Wahl: Einfach aufhören. Doch ihr Sport ist ein zu großer Teil von ihr

Paulina Huber blickt nachdenklich, aber nicht niedergeschlagen. Natürlich hätte sie eine andere Wahl: Einfach aufhören, sich auf ihr BWL-Studium konzentrieren. Sie hätte mehr Zeit zu modeln, würde sich vielleicht auf Musik konzentrieren. Sie hat eine Gesangsausbildung, hat 13 Jahre Klavier gespielt. Doch so weit will sie nicht denken. Leichtathletik sei ihre Leidenschaft. So vieles habe sie diesem Sport untergeordnet, Familienfeiern, Studentenleben. "Dieser Sport ist so ein großer Teil von mir, da gibt man nicht kampflos auf." Ihren Trainer Balthasar Bischlager hat sie seit zehn Jahren. Ihr Freund ist der Münchner Speerwerfer Jonas Bonewit. Es helfe, jemanden an seiner Seite zu haben, der Ähnliches erlebe und sich einfühlen könne in solche Situationen. "Anders ginge es nicht." Ein Karriereende wäre ein Abschied von allem, was ihr Leben bisher bestimmt hat.

Das aktuelle Jahr hätte keine großen Höhepunkte bereitgehalten, die nächste U-23-EM findet erst 2019 in der Ukraine statt. Es ist eine Übergangssaison, doch den Begriff mag Paulina Huber nicht. Das klinge so, als wäre alles gerade gar nicht so wichtig. "Dabei probiert man doch immer alles zu geben, um besser zu werden."

Bestärkt hat sie eine Erfahrung aus dem vorigen Herbst. Sie hatte die Saison vorzeitig beendet, wochenlang pausiert. Dann habe sie für einen Test, der letztlich zu ihrer Diagnose führte, wieder Hürdenlaufen müssen. Sie sollte den Schmerz bewusst herbeiführen. Und stellte fest: "Obwohl es tierisch wehgetan hat, habe ich es geliebt."

Als sie auf dem Mäuerchen im Dantestadion hockte vor einigen Wochen, saß wenige Meter hinter ihr im Publikum Guido Müller. Ein Münchner Senioren-Leichtathlet, der Weltrekord um Weltrekord anhäuft, weil er auch mit inzwischen 80 fast nie verletzt ist. Paulina Huber konnte ihn nicht sehen. Sie blickte nur hinunter zu ihren Füßen. Am linken die Tape-Verbände. Sie flüsterte fast: "Vielleicht ist mein Körper einfach nicht für Leistungssport gemacht." Aber sie will es herausfinden.