Kommentar Einsamer Alleinherrscher

Die neuen Vorsitzenden des FC Pipinsried sollten einen Weg suchen, ihren Vorgänger einzubinden. Alles gefallen lassen müssen sie sich nicht.

Von Ralf Tögel

Kann es sein, dass 110 mal 70 Meter Rasen zwischen Übelmanna und Schmarrnzell ein Dorf spalten? Wohl gemerkt: Es handelt sich nicht um Bauland. Es geht um einen Fußballplatz im Dachauer Hinterland. Konrad Höß hat ihn mit großer Hingabe und auch Fachwissen als junger Mann gebaut, er hat vor 51 Jahren einen Fußballverein gegründet und ein kleines Stadion drumherum errichtet. Natürlich nicht alleine, aber er hat das alles mit ungeheurer Energie vorangetrieben, ist vielen Weggefährten mit seiner Beharrlichkeit auf die Nerven gegangen. Doch was er geschaffen hat, darf man - zumindest in Bayern - als einzigartig bezeichnen. Konrad Höß hat zusammen mit seiner Frau Katharina sein Leben diesem Klub verschrieben, er hat einen Herzinfarkt knapp überlebt, er hat seine Nachfolge geregelt und nun im Alter von 77 Jahren den wohl verdienten sportlichen Ruhestand angetreten. Eigentlich müsste man sich jetzt damit beschäftigen, das Gelände in Konrad-Höß-Stadion umzutaufen und eine riesige Abschiedsfeier, ach was, eine ganze Feier-Woche, zu organisieren. Anfang Mai kommen die Münchner Löwen zum Punktspiel (!!!) ins Nirgendwo, es wird eine Zusatztribüne geben, Platz für 7500 Zuschauer, der Ort wird abgesperrt. Konrad Höß sollte sich zurücklehnen und sein Vermächtnis genießen.

Böse Worte, üble Nachrede: Höß beschädigt sein Lebenswerk

Kann er nicht. Er sieht sein Lebenswerk in Gefahr, zuvorderst seine 10 000 Quadratmeter Wimbledon-Rasen. Warum? Weil sein Klub, dem Höß als eine Art Alleinherrscher vorstand, mittlerweile in der vierthöchsten Liga spielt, am Zusammenfluss von Amateur- und Profifußball. Und weil es sich dort auf Dauer mit zweimal Training pro Woche nicht überleben lässt, wird künftig dreimal trainiert. Zu oft, sagt Höß, der Rasen, die Anlage, der Klub würden zugrunde gerichtet.

Die Reaktion war zu erwarten. Für einen, der ein halbes Jahrhundert autark regiert hat, ist der Entzug aller Machtbefugnisse schwer zu verkraften. Der Furor, mit dem sich Höß nun gegen seine Nachfolger wendet, überrascht aber doch. Es gibt böse Worte, üble Nachrede, Verdächtigungen und Beschuldigungen. Dass Höß damit auch sein Lebenswerk beschädigt, übersieht er in seinem grenzenlosen Zorn. Die Übergabe an irgendwelche Nachfolger war ebenso wenig zu verhindern wie das Altern.

Es gab keine Mitsprache, keine ordentliche Hauptversammlung

Höß hat einen intakten Verein, ein Schmuckkästchen von Stadion und ein ordentliches Sümmchen übergeben, wie man hört im mittleren fünfstelligen Bereich. Das verdient große Anerkennung. Keiner der Beteiligten wäre ohne ihn dort, wo er jetzt ist. Er muss aber einsehen, dass niemand diesen Klub so führen kann - und will - wie er. Höß hat vom Trikotwaschen bis zum Kloputzen alles selbst organisiert und verantwortet, seine Frau hat Wurstsemmeln geschmiert. Dafür gab es weder ordentliche Hauptversammlungen noch Mitspracherecht.

Diese Zeiten sind vorbei. Höß muss seinen Nachfolgern keine böse Absicht unterstellen, weil sie den Verein ein Stück professionalisieren, weil sie gestalten wollen. Er spricht von Fremden, die ihm seinen Klub wegnehmen. Die sollten Verständnis für den Patron aufbringen, einen Weg suchen, ihn einzubinden. Das kann schon wegen seines Know-hows in Sachen Rasenpflege lohnend sein. Sie sollten sich Mühe geben, den Schulterschluss mit Höß zu versuchen. Aber sie müssen sich nicht alles gefallen lassen.