Fußball Platz-Angst

Vor Kurzem zierten sich Garching und Pullach allein schon beim Gedanken an die Regionalliga. Nun erklären beide Klubs, dass sie den Aufstieg wagen würden. Weil Pullach aber kein taugliches Stadion hat, müsste der SV seine Heimspiele wohl auswärts austragen - in Neuried

Von Stefan Galler, Garching/Pullach

Man nimmt die Autobahnausfahrt Garching Süd, dann links das Bergerl hoch, wieder runter, einmal links rein, schon hat man das Sportgelände am See erreicht, wo der VfR zu Hause ist. Ein großer Parkplatz steht zur Verfügung, Mannschaftsbusse haben Platz zum Rangieren, Anlieger können sich auch bei lautstarken Fangesängen nicht gestört fühlen - hier wohnt nämlich niemand. Kurzum: Das Stadion ist zwar alt, aber regionalligatauglich. In der Saison 2014/15 haben die Garchinger ja schon mal in der vierthöchsten Fußballliga gespielt.

Ob das für Garching (li. Sebastian Loibl) oder Pullach (Marco Gröschel) überhaupt relevant wird, entscheidet sich nicht nur im direkten Duell.

(Foto: Claus Schunk)

Von einer Erfüllung der Regionalliga- Vorgaben kann 30 Kilometer südwestlich keine Rede sein: Der Pullacher Sportplatz an der Gistlstraße liegt mitten in einem Wohngebiet, selbst ein Geländewagen hätte Schwierigkeiten, hier zu wenden. Ein Mannschaftsbus? Undenkbar. Parkplätze gibt's auch keine, und 2500 Leute - die Mindestanforderung an eine Regionalliga-Spielstätte - würde man hier niemals unterbringen. Dazu kommen Nebensächlichkeiten wie fehlendes Flutlicht am Hauptplatz, ein nicht vorhandener zweiter Stadioneingang für Gäste-Fans und so weiter.

Die Isartaler prüfen derzeit einen Umzug nach Neuried.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im Frühjahr 2014 war all das schon einmal Thema im Isartal. Der Sportverein Pullach hatte sich eine glänzende Ausgangslage im Kampf um den Aufstieg erspielt, also prüften die Klubverantwortlichen, allen voran Manager Theo Liedl, welche Möglichkeiten es gäbe, den Platz an der Gistlstraße regionalligatauglich zu gestalten oder eine Ausweichspielstätte zu finden. Frustriert gaben sie auf - und beantragten keine Lizenz. Die Mannschaft brach sportlich ein, tief enttäuscht ob der verpassten Chance.

Das Fußballstadion des VfR Garching gilt als regionalligatauglich.

(Foto: Claus Schunk)

So etwas will Pullachs Trainer Frank Schmöller nie wieder erleben. Zu Beginn der laufenden Saison sah es so aus, als würden die Isartaler sowieso keine Chance haben, erneut in höhere Tabellenregionen vorzustoßen. Doch dann gelang es durch späte Verpflichtungen von Torwart Michael Hofmann und Stürmer Menelik Chaka Ngu'Ewodo, die Weggänge von Sandro Volz und Torjäger Orhan Akkurt aufzufangen. Und im Spätherbst 2015 - nach einer Serie von 14 Partien ohne Niederlage - war die Meisterschaft plötzlich wieder Thema. Und der Aufstieg, obwohl die Voraussetzungen zu diesem Zeitpunkt kaum anders waren als ein Dreivierteljahr zuvor.

Die Spielstätte des SV Pullach gilt als nicht geeignet.

(Foto: Claus Schunk)

An der Spitze der Tabelle stehen allerdings die Kollegen aus Garching. Und auch die hatten sich im Oktober und November so gar nicht überzeugt gezeigt, dass sie sich noch einmal für einen Aufstieg erwärmen könnten. "Wir wollen in dieser Saison oben dabei sein, aber ob wir noch einmal in Richtung Regionalliga angreifen, müssen wir erst mal sehen", sagte Trainer Daniel Weber damals dem Kicker.

Das Ganze sei durchaus ernst gemeint gewesen und nicht etwa Kokettiererei, versichert der Coach heute, dennoch klingt er wenige Wochen später deutlich anders: "Wir haben die Winterpause genutzt, um Gespräche zu führen", erläutert Weber und verrät die Marschroute des Klubs für den Fall eines neuerlichen Aufstiegs: "Wenn es die Mannschaft schafft - was sie absolut nicht muss, es ist kein Druck da -, dann hat sie es sportlich auch im Kreuz. Und dann geht der Verein den Weg mit."

Dass es ein heißer Kampf werden könnte, liegt auch am Konkurrenten Pullach, denn der Sportverein macht nun ebenfalls ernst: Nachdem beim ersten Anlauf weder das Grünwalder Stadion noch der Unterhachinger Sportpark oder das Dantestadion als Ausweichstätte infrage kamen, ist Manager Liedl nun im Würmtal fündig geworden: Beim Bezirksligisten TSV Neuried könnte der SVP eine neue Heimat finden. "Ich habe gehört, man ist auf einem guten Weg", sagt Trainer Frank Schmöller. Die Gemeinden hätten bereits miteinander geredet, das sei auch unabdingbar, denn: "Pullach muss den Löwenanteil der Kosten tragen, für uns als Verein ist das alleine nicht zu stemmen", sagt Schmöller. Er und Liedl betonen allerdings, dass dies ungelegte Eier seien, schließlich müsste zuerst die sportliche Qualifikation geschafft werden. Und die sei angesichts der breiten Bayernliga-Spitzengruppe alles andere als sicher: "Wir gehen das nur jetzt schon an, weil es einen rechtlichen Rahmen mit allerlei Fristen gibt", erläutert Liedl. "Das heißt keineswegs, dass wir fest mit Meisterschaft oder Relegation rechnen."

Bis April muss die Regionalligalizenz beantragt sein, deshalb ist es notwendig, jetzt die Weichen zu stellen. Auch Pullachs Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) braucht möglichst rasch Klarheit, schließlich ist ihr Gemeinderat gerade dabei, den Haushaltsplan für 2016 aufzustellen. "Ich würde mich freuen, wenn es klappt", sagt die Rathauschefin, die in permanentem Kontakt mit Vereinsvertretern steht und tatsächlich bereits mit ihrem Neurieder Pendant Harald Zipfel (SPD) gesprochen hat: "Der Kollege hat seine Bereitschaft signalisiert, sich dafür einzusetzen, aber letztlich geht es jetzt darum, dass sich die beiden Vereine einigen und uns als Gemeinde dann die entstehenden Kosten vorgelegt werden", sagt Tausendfreund.

Dass es noch einiges zu tun gäbe, sollte der Neurieder Sportpark tatsächlich eine Regionalliga-Spielstätte werden, wurde bei einem Ortstermin mit Vereinsvertretern und Verbandsfunktionären vor zwei Wochen deutlich: Die Anlage verfügt zwar über Flutlicht, es gibt auch ausreichend Parkplätze und Räumlichkeiten, um neben den Mannschaften auch Schiedsrichter, Einsatzkräfte, Dopingkontrolleure und Presse unterzubringen. Doch es hakt noch an grundlegenden Dingen: Es fehlen eine durchgehende Bande, ein mindestens zwei Meter hoher Zaun um den gesamten Sportpark und ein abgetrennter Gästeblock. Laut Theo Liedl alles machbar, fraglich sei nur, ob das Landratsamt die entscheidende Frage positiv bescheidet: "Wenn der TSV Neuried uns grünes Licht gibt, hängt alles daran, ob man die für die Regionalliga notwendige Kapazität von 2500 Besuchern bestätigt", sagt Pullachs Manager. Mehr als 1000 Zuschauer waren bislang noch nie in Neuried - das war bei einem Testspiel des FC Basel gegen den russischen Klub Terek Grosny im Juli 2014. In Pullach sind sie der Meinung, dass sich die Regionalliga mittelfristig zu einer Spielklasse entwickelt, in der sich vorwiegend die Reserven der Profiklubs und einige gut situierte ehemals höherklassige Vereine tummeln werden. Der finanzielle Aufwand dafür ist enorm, das bestätigt Garchings Trainer Weber: "Auch wenn man den Hut davor ziehen muss, was wir hier in den letzten Jahren geschafft haben, ist doch allen Verantwortlichen klar, dass wir noch eine Schippe drauflegen müssen, damit es eines Tages so ist, wie wir es uns vorstellen", sagt der Coach. Deshalb sei man beim VfR derzeit dabei, das Sponsoring erheblich auszuweiten. "Wenn du nicht jede Saison Spitz auf Knopf kalkulieren oder dir auch mal einen höherklassig erfahrenen Spieler leisten willst, geht es nur über diesen Weg", sagt Weber, der selbst einst als Torwart beim 1. FC Köln spielte. Und fügt lächelnd hinzu: "Was gibt es Schöneres, als sportlich erfolgreich zu sein und wirtschaftlich Schritt zu halten?"