Fußball Neue Schultern gesucht

So nah - und doch so fern: Gianluca Gaudino (Zweiter von li.) und Sinan Kurt (Mitte) sahen bei den Profis keine Perspektive. Sie verließen den Klub.

(Foto: mis/imago)

Der FC Bayern II hat in der Winterpause in Gianluca Gaudino und Sinan Kurt die beiden bekanntesten Spieler abgegeben. Trainer Heiko Vogel will das jedoch nicht als Schwächung verstehen - er vertraut ohnehin auf ein bisher unbekanntes Gemeinschaftsgefühl

Von Benedikt Warmbrunn

Die Fürsorge zählt Heiko Vogel zu seinen wichtigsten Aufgaben als Fußball-Trainer, daher weiß er natürlich auswendig, wie es Gianluca Gaudino und Sinan Kurt zurzeit geht, den beiden namhaftesten Spielern, die in dieser Saison bisher für Vogels Mannschaft, den FC Bayern München II, aufgelaufen sind. "Gianni", sagt Vogel also, "hat gerade erst 90 Minuten gespielt", der Trainer findet, dass das nur eins heißen kann: "Er fühlt sich wohl." Und Kurt, weiß Vogel, hat am Wochenende getroffen, "er hat einen Abpraller über die Linie gedrückt". Für den Trainer kann das nur eins heißen: "Es läuft gut bei ihm."

Dass zwei junge Spieler ihr Talent zeigen können, auch das zählt Vogel zu seinen wichtigsten Aufgaben als Fußballtrainer. Das Problem an diesen guten Entwicklungen ist daher nur, dass Gaudino und Kurt nicht mehr für die Mannschaft von Heiko Vogel spielen. Aber das weiß der Trainer natürlich, er ist ja sehr fürsorglich.

An diesem Sonntag (14 Uhr) steht für den FC Bayern II das erste Pflichtspiel des Jahres an, zu Hause gegen die SpVgg Bayreuth. Für die Mannschaft geht es von nun an um jeden möglichen Punkt, will sie noch einmal ins Aufstiegsrennen in der Regionalliga Bayern eingreifen; nach 20 Partien trennen sie neun Punkte von Tabellenführer Burghausen, sie hat allerdings auch noch ein Nachholspiel. Und es geht für sie darum zu zeigen, dass sie auch ohne die 19-jährigen Nachwuchsspieler Gaudino und Kurt funktionieren kann.

Gaudino, der für eineinhalb Jahre an den FC St. Gallen verliehen wurde, und Kurt, der zu Hertha BSC gewechselt ist, wurden gemeinsam mit Julian Green im vergangenen Sommer zur zweiten Mannschaft abkommandiert, sie sollten die Amateure nach all den gescheiterten Versuchen in die dritte Liga führen. Das funktionierte lange sehr gut, der FC Bayern II sammelte viele Punkte. Dann wurde es Oktober. Seitdem hat das Team in zehn Spielen nur noch einmal gewonnen und insgesamt nur neun Punkte gesammelt. Das Unverständnis darüber, dass die Erfolg ausblieb, konzentrierte sich dabei vor allem auf: Gianluca Gaudino und Sinan Kurt.

Gaudino, der im Sommer 2014 noch ganz besonders von Profi-Trainer Pep Guardiola gefördert worden war, bemühte sich, in der vierten Liga als derjenige gesehen zu werden, der das Spiel steuert, "er war eine Säule im Ballbesitz", lobt Vogel. Manchmal verkrampfte Gaudino aber unter dieser sich selbst auferlegten Last; doch vor Kritik schützt ihn Vogel weiterhin. "Gianni hat sich immer das hohe Ziel gesetzt, dass er besonders viel zeigen muss, dass er immer viel laufen muss, dass er sich immer anbieten muss, dass er immer in Ballnähe ist, das war für ihn nicht einfach", sagt Vogel. Er findet aber, dass Gaudino seine Aufgabe "im Großen und Ganzen gut gemacht hat". All das, das Laufen, das Anbieten, das Ballverteilen, sollen jetzt die verbliebenen Spieler gemeinsam übernehmen, "Gianni ist nicht zu ersetzen", sagt Vogel, "aber es ist doch schön, wenn sich die Last jetzt auf mehrere verteilt, wenn sich alle mehr zeigen müssen".

Sinan Kurt dagegen war nicht ganz so auffällig, gerade in den Wochen, in denen es nicht lief, wäre er gefragt gewesen, mit seiner Technik, mit seinen überraschenden Ideen. Er saß aber vor allem auf der Bank, gelegentlich kritisierte ihn Vogel gar dezent. Nun sagt der Trainer versöhnlich: "Natürlich fehlt auch Sinan Kurt mit seiner Fähigkeit, ein Spiel mit einer Aktion entscheiden zu können." Dass Kurt diese Fähigkeit zuletzt verheimlicht hat, verschweigt Vogel.

Der Trainer will nichts davon hören, dass das Fehlen der beiden die Mannschaft schwächen könnte. Er erzählt lieber, dass er ein neues System einstudiert habe, zusätzlich zum 4-1-4-1 beherrsche die Mannschaft nun auch ein 3-4-3, "die Spieler haben mir signalisiert, dass sie sich darin wohl fühlen". Überhaupt betont er, wie sehr sich die Struktur innerhalb der Mannschaft zuletzt verbessert habe. "Die Mannschaft zeigt sich jetzt als Mannschaft, sie funktioniert jetzt auch als Mannschaft", sagt Vogel. Was aber auch bedeutet, dass es ihr an diesem Gemeinschaftsgefühl in der Hinrunde gefehlt hat.

Der gravierendste Ausfall ist daher auch nicht der von Gaudino oder der von Kurt. Der gravierendste Ausfall ist der von Kapitän Karl-Heinz Lappe, der aufgrund eines Sehneneinrisses im Fuß mehrere Wochen lang fehlen wird. Der Angreifer ist vielleicht nicht ganz so talentiert wie die beiden Weggänge. Aber er hat eine andere wichtige Eigenschaft: Er kann kämpfen. Und zwar so, dass alle anderen ihm folgen.