Fußball In Sack und Asche

"Die Platten stören mich nur selten": Johannes Schmitz verletzte sich auf Asche schwer im Gesicht.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Johannes Schmitz vom FC Hertha verletzte sich auf einem Rote-Erde-Platz schwer - und er ist kein Einzelfall. Die Stadt München hat die Gefahr erkannt, trotzdem fühlt sich mancher Klub im Stich gelassen.

Von Nico Horn

Johannes Schmitz wankt, er kann sich nicht auf den Beinen halten und stürzt auf den harten, staubigen Boden. Kurz zuvor ist er nach einem Zweikampf nahe der Mittellinie zu Fall gekommen. Eine Situation, wie sie in einem Fußballspiel Dutzende Male vorkommt - meist ohne schlimme Folgen. An jenem Novembertag im Jahr 2012 endet die gewöhnliche Spielszene für Schmitz aber in einem Münchner Krankenhaus. Der Grund: Sein Verein, der FC Hertha München, spielt damals nicht auf Rasen, sondern auf einem Aschenplatz. Was jahrelang für Fußballfolklore stand, ist für die Aktiven selten ein Spaß, vor allem wenn es seit Tagen nicht geregnet hat. "Die Rote Erde war staubtrocken, eigentlich hätte der Schiedsrichter gar nicht anpfeifen dürfen", sagt Schmitz, 23, heute. Bei dem Sturz prallt der damalige Schüler mit der linken Gesichtshälfte auf die Asche und erleidet unter anderem einen Bruch der Augenhöhle sowie einen doppelten Jochbeinbruch und ein Schädel-Hirn-Trauma.

"Es wurde so getan, als sei nichts gewesen. Dabei hat man gesehen, was passieren kann."

Trotz seiner schweren Verletzungen hat der junge Münchner Glück im Unglück. In einer Klinik wird er operiert, bekommt mehrere Platten eingesetzt. "Probleme habe ich eigentlich keine mehr, die Platten stören mich nur sehr selten", sagt Schmitz. Auch Fußball habe er noch eine Weile gespielt, die Kopfverletzungen irgendwann beiseite geschoben. Was den Studenten dennoch ärgert, ist der laxe Umgang mit seinem Unfall: "Es wurde so getan, als sei nichts gewesen. Dabei hat man doch gesehen, was auf der Asche passieren kann."

Die von Tennenplätzen, wie die Spielfelder mit dem roten Sand im Fachjargon heißen, ausgehende Gefahr hat man mittlerweile auch im Münchner Rathaus erkannt. Bereits im Jahr 2010 hat die Stadt deshalb beschlossen, "die noch bestehenden Tennenplätze durch Kunstrasenplätze zu ersetzen". Dass diese Maßnahme längst überfällig war, weiß man beim FC Hertha München nicht nur wegen der Causa Johannes Schmitz.

Die Herthaner teilen sich in Sendling die Bezirkssportanlage am Surheimer Weg mit dem FC Croatia. Drei Rasenspielfelder und eine Rote Erde gibt es dort bisher. Um die Spielfelder nicht nachhaltig zu beschädigen, müssen die Herrenmannschaften in den kalten Monaten von der Wiese auf die Asche umziehen. Bis in den März hinein sperrt die Stadt die Rasenplätze, auch bei frühlingshaften Temperaturen. "Die Rote Erde gleicht dann Beton", sagt Fabian Madeker, Spieler und stellvertretender Fußball-Abteilungsleiter beim FC Hertha. Werden die Tennenplätze nicht durch Wasser aufgeweicht oder sind sie zur kalten Jahreszeit gar gefroren, kommt es immer wieder zu Verletzungen von Schürfwunden bis Knochenbrüchen, wie Madeker bestätigt: "Allein letztes Jahr hatten wir eine Schultereckgelenksprengung und einen gebrochenen Arm."

Neun Aschenplätze gibt es aktuell noch in München - potenzielle Gefahren für Münchner Amateur-Fußballer. Bei der Stadt will man diese nun endgültig abschaffen. Seit 2015 wird der vor fast acht Jahren gefasste Beschluss, die Aschenplätze zu ersetzen, umgesetzt. In den letzten zwei Jahren wurde bereits die Hälfte der damals noch 18 Tennenplätze ausgetauscht. Zwischen 500 000 und 650 000 Euro kostet ein dafür gebauter Kunstrasenplatz. Glaubt man der Stadt, sollen die verbliebenen, in Ungnade gefallenen Spielfelder in den kommenden Jahren ebenso ausgetauscht werden.

Unterstützung hätte Hertha gut gebrauchen können, auch bei der Ersatzspielort-Suche

Auch für den FC Hertha findet die Zeit auf der Asche wohl ein baldiges Ende. Schon seit Anfang des Jahres wird fast das komplette Vereinsgelände umgebaut. Der Verein geht davon aus, dass im Oktober der Kunstrasenplatz bereitsteht, die Stadt kann für dieses Jahr aber lediglich die Fertigstellung der Kunstrasen auf den Bezirkssportanlagen Krehlebogen und Feldbergstraße bestätigen. Ein Kommunikations-Wirrwarr, das ins Bild passt.

"Wir als Verein mussten uns im Endeffekt um alles kümmern, Hilfe von der Stadt gab es keine", beklagt sich Herthas Vize-Abteilungsleiter Fabian Madeker. Dabei hätte man Unterstützung gut gebrauchen können, zum Beispiel bei der Suche nach einem Ersatzspielort. Seit Februar sei der Strom abgestellt, sagt Madeker. Man habe deshalb frühzeitig bei der Stadt angefragt, wohin man ausweichen könne. Laut dem Vereinsvertreter habe man als Antwort nur die Gegenfrage erhalten, warum man denn im Februar unbedingt spielen wolle. Dabei beginnt für die Herrenteams bereits im März die Rückrunde.

Jedenfalls haben die Bauarbeiten beim FC Hertha begonnen. Die Kabinen wurden bereits abgerissen. Dafür stehen jetzt Baucontainer mit Umkleide und Dusche bereit. In denen könnte es zukünftig eng werden, wenn die Erwachsenen auf die Bezirkssportanlage zurückkehren und sich zu den Jugendteams gesellen. Das nimmt der FC Hertha aber gerne in Kauf, wenn die Asche endlich verschwindet. Verfechter der Roten Erde müssen dann woanders hingehen, etwa ins Ruhrgebiet. Denn in München stirbt er aus, der Aschenplatz. Ein überfälliger Schritt: Johannes Schmitz und viele andere Spieler können das mit ihren Blessuren bezeugen.