Fechten Mit Stierblut ins Gefecht

Kopfmensch, Einserschüler, Bewegungstalent: Anton Ziegon.

(Foto: Robert Haas)

Anton Ziegon vom KTF Luitpold hat sich mit dem Florett für die Europameisterschaft der Kadetten qualifiziert. Er zählt zu den Außenseitern, doch der 16-Jährige will versuchen frech zu sein

Von Andreas Liebmann

Der Lichthof des Münchner Luitpold-Gymnasiums strahlt die Tradition dieser Schule aus. Ein Wandgemälde zeigt eine griechische Göttin, über den Türen stehen lateinische Sprüche, übersetzt heißen sie etwa: "Wer begonnen hat, hat schon zur Hälfte gehandelt." Kinder haben sperrige Sporttaschen eine lange Treppe hinaufgeschleppt. Im ersten Stock befindet sich eine kleine Turnhalle mit Holzboden, dort piept und klirrt es nun unentwegt. Anton Ziegon huscht ein Lächeln über das sonst eher nachdenkliche Gesicht. Er sitzt auf einem Mattenwagen im Geräteraum, dort ist es ruhiger, und er erzählt, wie er mal irgendwelchen Eltern am Rande eines Turniers berichtet habe, dass er in einer alten Schulturnhalle trainiert. "Die haben ganz schön blöd geguckt."

Anton Ziegon ist Florettfechter, einer der besten seines Alters in Deutschland. Seine Konkurrenten trainieren nicht in Schulturnhallen. Fast alle sind in Kadern, kommen von Sportinternaten, aus großen Fechtzentren, Bonn, Weinheim, Tauberbischofsheim. Sie können sich vermutlich kaum vorstellen, wie ein Training hier aussieht: Eine Gruppe von etwa 20 Kindern hat sich in einer Reihe aufgestellt, Jungen und Mädchen zwischen sechs und 15 Jahren, einige mit Säbel, andere mit Florett. Sie üben Fechtschritte, vor, zurück. Trainer Istvan Takats gibt einem Achtjährigen eine Einzellektion. Dann werden Kabel aus blauen Plastikboxen ausgerollt, für die Anlagen, die die Treffer anzeigen. Hier hat Anton Ziegon gelernt, hier hilft er auch, Jüngere zu unterrichten, um sich etwas dazuzuverdienen. 100 Euro kostet eine Waffe, er hat fünf davon. Eine Klinge kostet 70 Euro, sechs sind ihm in dieser Saison bereits abgebrochen. Auch wenn man dem 16-Jährigen solche Aussagen etwas herauskitzeln muss: Ja, er ist schon stolz. Er ist nun einer von vier Deutschen, die an diesem Montag bei der Europameisterschaft der Kadetten in Novi Sad antreten, das sei "cool"; er ist also besser als viele aus den Internaten, einer der 100 Besten Europas, wenn man so will, auch wenn dieser Vergleich schief ist: Jede Nation darf nur vier Athleten zur EM schicken, "aber der 20. Italiener ist so gut wie der beste Deutsche", schätzt Takats.

Vor einem Jahr, erzählt der Gymnasiast, wäre ein solcher Leistungssprung bei ihm noch nicht zu erwarten gewesen. Mit zehn hat er hier angefangen, recht spät also. Damals war er Fußballer und Sportkletterer, nur zum Spaß habe er seine ältere Schwester Laura zum Fechten begleitet. Dann habe Trainer Takats gesagt, er solle ruhig öfter kommen. Die anderen Sportarten hat er bald aufgegeben. Vor vier Jahren war er Dritter der deutschen B-Jugendmeisterschaften, auch das überraschend. Die Qualifikation für die EM war eine enge Sache. Mit dem 24. Rang bei einem internationalen Turnier in Cabries, Südfrankreich, hat er im Dezember den Grundstein für die Nominierung gelegt, doch noch vor sechs Wochen in Bad Cannstadt hätten ihn zwei Rivalen abfangen können. "Da habe ich ein bisschen meine Nerven verloren", sagt er, "ich war angespannt, habe die Tipps meiner Trainer nicht umsetzen können und einen Kampf verloren, den ich nicht verlieren darf." Es reichte dennoch. Seither läuft die Vorbereitung, mit fast täglichem Training, auch sonntags. Da durften sie - wie sonst donnerstags - im Landesleistungszentrum beim MTV München üben, dort gibt es feste Bahnen. Das sei wichtig für das Distanzgefühl, sagt Silke Weltzien, die Vereinsvorsitzende des KTF Luitpold.

Säbel, Florett, Degen. Diese drei Waffen gibt es im Fechtsport, Weltzien hat sie zur Ansicht mitgebracht. Wer groß sei und eher defensiv, ängstlich, der sei für Degen geeignet, erläutert sie. Beim KTF werden nur die schnelleren Säbel und Florett unterrichtet. Für den Säbel, eine Hieb- und Stichwaffe, müsse man "draufgängerischer" sein als Ziegon, sagt Takats. "In manchen Situationen bewahrt er die Ruhe, in manchen ist er ängstlich. Er könnte noch etwas Stierblut trinken." Außerdem, fügt er grinsend an, unterrichte er nun mal vorrangig Florett - "Anton hatte keine große Wahl".

Der viermalige ungarische Meister ist ein strenger Lehrer, aber er ist doch stolz auf Ziegon. "Dass er so weit gekommen ist, hat er sich mit viel Fleiß und Einsatz erarbeitet, das freut mich besonders." Fleiß sei das größte Talent, findet Takats, denn: "Man kann alles lernen. Und die sportlich Hochbegabten vergessen oft das Arbeiten." Er traut seinem Schüler im Einzel durchaus zu, ins Finale der besten Acht zu kommen, "wenn es optimal läuft, wenn er frech ist und versucht, die anderen zu ärgern. Es kann aber auch schief gehen".

Anton Ziegon weiß das. Sein Ziel hat er entsprechend niedrig gesetzt: "Unter die besten 32 zu kommen, wäre cool", sagt er. Obwohl er fast alle Gegner kenne und für schlagbar halte. Er ist ein Kopfmensch, am Gymnasium ein Einserschüler, einer, dem das überlegte Vorgehen beim Fechten mit dem Florett entgegenkommt. Mit 1,73 Meter eher klein und quirlig, mit Vorteilen in der Schnelligkeit. Richard Breutner wird ihn in Serbien betreuen, sein zweiter Trainer beim KTF; ein Takats-Schüler, der bei den Olympischen Spielen von Sydney Siebter war. Takats ist mehr für die Akribie und Technik zuständig, Breutner für Kopf und Taktik. "Richie sagt immer, es gibt Instinktfechter und solche, die immer überlegen, die genau wissen müssen, was zu tun ist", erläutert Ziegon. Er gehört zur zweiten Kategorie. "Ich weiß, gegen wen ich angreifen und gegen wen ich abwarten muss."

Viele 16-Jährige würden nun anfangen zu träumen, es könnte ja der Anfang einer großen Erfolgsgeschichte sein. Anton Ziegon glaubt eher, dass seine Geschichte gerade auf eins der letzten, spannendsten Kapitel zusteuert, den Höhepunkt. "Ich glaube nicht, dass ich in der nächsten Altersklasse noch mal so erfolgreich sein kann", sagt er nüchtern. Hier fehlten eben doch die Mittel, die Trainingspartner, die Konkurrenz werde stärker. Und er fühle sich wohl in München, nächstes Jahr beginnt er mit dem Abitur. Selbst wenn eins der Fechtzentren anfragen würde, er glaube nicht, dass er dorthin wechseln würde. "Das wäre zu spät", meint er. Er könne sich auch nicht vorstellen, nach einer Fechtkarriere mit Anfang 30 ohne Beruf dazustehen. Am Donnerstag sind Mannschaftswettkämpfe in Novi Sad, vielleicht hat Deutschland da sogar die Chance auf eine EM-Medaille. Selbst wenn nicht: Er hat es geschafft, dabei zu sein. Und er wird die Tage bei der EM genießen.