Eistanz Sildojas Grimassen

Ramona Grimm und Markus König können von Bedingungen, wie sie zum Beispiel russische Eistanz-Paare haben, nur träumen.

(Foto: Matthias Kreitmeier)

Ramona Grimm und Markus König, die deutschen Nachwuchsmeister im Eistanz, wollen bei den Bavarian Open auf das Treppchen. Den jüngsten Aufschwung verdankt das Paar des Münchener Eislauf-Vereins auch seinem Trainer - der es mit Strenge und Witz anleitet

Von Patrick Dirrigl

Ein kalter Mittwochabend in der Eis-Trainingshalle im Münchner Olympiapark: Ein paar Zuschauer haben es sich auf den engen, braunen Plastik-Klappstühlen bequem gemacht. Ramona Grimm, 13, und ihr Tanzpartner Markus König, 16, stehen sich auf dem Eis gegenüber. Ihre Blicke sind auf den Trainer Dmitri Sildoja gerichtet. Mit einem Nicken, mit dem er auf die Eisfläche hinter ihnen deutet, beendet er seine kleine Ansprache und gibt ihnen das Zeichen zum Anfangen: Ein "Starlight Waltz" soll es werden.

Sildoja sieht sich die Schrittfolge eine kurze Zeit an, dann unterbricht er die beiden. Er wedelt mit seinen Armen in der Luft, macht kleine Hüpfer und verzieht dabei sein Gesicht zu einer Grimasse. Das Tanzpaar beginnt leicht zu lachen. "Ich bin ein strenger Trainer und sehr ungeduldig", sagt der mehrmalige Eistanz-Meister Estlands, der seit mehr als zwei Jahren mit den beiden Teenagern arbeitet.

Kurz vor einem Wettkampf, wie den Bavarian Open in Oberstdorf, die an diesem Freitag beginnen, ist der Trainer noch einen Tick ungeduldiger. Dann ahmt er gerne mal das Gesehene seiner Schützlinge nach - und überzeichnet es dabei. Für Sildoja ist das "ganz normale Trainerarbeit", er will mit Strenge und Witz alles aus den beiden herauskitzeln.

Und in dieser Saison war das ziemlich viel: Im vergangenen November gewannen die beiden den renommierten Berliner Bär und belegten beim internationalen Pavel Memorial Cup in Olmütz, Tschechien, den zweiten Platz. Im Dezember wurden sie in Oberstdorf bayerischer Meister. Der vorläufige Saisonhöhepunkt waren jedoch die deutschen Nachwuchsmeisterschaften in Berlin Mitte Januar: Das Paar des Münchener Eislauf-Vereins wurde überraschend Erster. "Das mit dem Titel konnte ich am Anfang gar nicht fassen, das habe ich erst am nächsten Tag wirklich gecheckt", sagt Grimm.

Ihr Trainer Sildoja sagt: "Am Anfang war es sehr schwierig mit den beiden, jetzt sind sie viel besser. Sie haben einen richtig großen Schritt nach vorne gemacht." Dann schiebt er bekräftigend hinterher: "Der deutsche Meistertitel war mehr als verdient. Sie sind sehr fleißig."

Selbstbewusst sind sie auch: Als Ziel für die Bavarian Open geben sie unisono einen Platz auf dem Treppchen an. Ihr Trainer weiß allerdings, dass das nicht einfach werden wird. "Bei den Bavarian Open gibt es große, internationale Konkurrenz: Auch russische Paare werden an den Start gehen." Die russischen Athleten verbringen laut Sildoja bis zu fünf Stunden pro Tag auf dem Eis. Wenn sie nicht sowieso eine Sportschule besuchten, bekämen sie für das Training einfach schulfrei. "Die leben auf dem Eis. Hier in Deutschland haben wir nicht so viel Zeit", sagt Coach Sildoja.

Grimm und König trainieren sechsmal pro Woche, zwischen zwei und drei Stunden dauert eine Einheit, die sich aus Trockentraining - Ballett, Modern Dance und Athletiktraining - und den Einheiten auf Eis zusammensetzt. "Mehr geht nicht", sagt Sildoja, "schließlich haben die Kinder oft bis vier Uhr nachmittags Schule". Die Zeit für weitere Hobbys ist da begrenzt.

Da Sildoja noch zwei weitere Eistanzpaare trainiert, schickt er ein Paar oft für einzelne Trainingstage nach Oberstdorf. "Wenn alle drei im Training sind, kann man sich nicht auf alle gleichzeitig konzentrieren - man will ja jeden optimal fördern." Die Mütter der Nachwuchsmeister, Andrea Grimm und Ursula König, fahren ihre Kinder dann zum Training.

Ohnehin müssen die Eltern viel für den Sport ihrer Kinder leisten. "Die Kosten will man gar nicht hochrechnen", sagt Andrea Grimm und lacht. "Die Anfahrten zu Wettkämpfen, Unterkünfte, Kostüme: Das muss man alles selbst bezahlen." Für die vier bis sechs Pflichttänze pro Wettkampf, die das Paar können muss, zum Beispiel den "Starlight Waltz", brauchen die beiden für jeden Tanz ein anderes Kostüm. "Pro Monat sind das bestimmt 400 bis 500 Euro", schätzt Ursula König.

Andrea Grimm bewundert, mit wie viel Liebe zum Eistanz ihre Tochter und Markus König den Sport betreiben. "Wenn man auf dem Eis steht, denkt man einfach an gar nichts: Klar, man hält sich an die Schritte, aber man macht einfach, was man in dem Moment zum Lied fühlt. Zuschauer, den ganzen Rest außerhalb vom Eis: Das blendet man alles aus, da gibt es nur uns zwei", sagt ihre Tochter Ramona.

Mit dieser Hingabe werden sie auch ihr Niveau halten können, ist sich ihr Trainer sicher. "Und zwar unabhängig von der Altersklasse. Es ist mein Job, dass sie das auch schaffen." Die Mischung aus Strenge und Charme, mit der der Este das Training leitet, finden Grimm und König gut. "Danach tanzt man ganz anders, besser", sagt Markus König.

So auch an diesem Mittwochabend in der Münchner Trainingshalle: Nach Sildojas Hampel-Einlage wiederholen Grimm und König den "Starlight Waltz" von C.S. Brainard. Das Paar zeigt seinem Trainer und den Zuschauern auf den Klappstühlen die geforderten "Key Points", die Schlüsselstellen des Tanzes. Dieses Mal werden sie kein einziges Mal unterbrochen und auch nicht komödiantisch nachgemacht: Die Darbietung gelingt ihnen, der Trainer klatscht stolz in die Hände.