Die SZ feiert ihre Kulturpreisträger Ein Abend zum Mut machen

Aufstrebende junge Talente, erfahrene Veranstalter, kreative Ideengeber und unermüdliche Idealisten: Bei der Preisverleihung in Krailling trifft sich die überaus bunte Kulturszene des Umlands

Von Stephanie Schwaderer

Draußen braut sich etwas zusammen, drinnen ist es mucksmäuschenstill. Die ergreifendste Lobrede an diesem Abend hält eine junge Preisträgerin: Fee Brembeck, 22 Jahre alt, Lehramtsstudentin und Poetry-Star. In einem bodenlangen türkisen Blumenkleid steht sie da, sprüht vor Kraft und spricht, nein slammt pointierte Sätze, die wie Nadelstiche unter die Haut gehen: "Schau dich an: Du bist hier!" Sie beschwört aufgeschlagene Knie, die verheilt sind, räumt ein, dass sich das hier nicht wie das Ziel anfühlt und dass es weiterhin nicht leicht sein wird. "Aber schau dich an: Du bist hier!"

Ihr "Mutmach-Gedicht" hat die Eichenauerin trefflich gewählt: Im Festzelt des Kraillinger Kult-Art Festivals sitzen ihr an diesem Montagabend Künstlerinnen und Künstler gegenüber, die alle wissen dürften, was es heißt, hinzufallen und wieder aufzustehen, zu zweifeln und dennoch festzuhalten - "an einem kleinen persönlichen Traum", wie Stefan Stefanov es wenige Minuten zuvor formuliert hat, an "etwas, das man liebt". Der 32-jährige gebürtige Bulgare hält in Lohhof seit acht Jahren ein winziges Kino mit anspruchsvollem Programm am Leben - und zählt wie Fee Brembeck zu den Gewinnern des Kulturpreises der Süddeutschen Zeitung, dem "Tassilo".

Seit dem Jahr 2000 vergibt die SZ den Preis alle zwei Jahre an Kulturschaffende in den Landkreisen rund um München. Er richtet sich an junge Künstler und aufstrebende Talente, aber auch an Veranstalter, Ideengeber und Macher, die jenseits der Großstadt zu einer bunten Kulturszene im Umland beitragen und die in ihrer Arbeit unterstützt werden sollen. Dass es an ihnen nicht mangelt, stellte Moderator Christian Krügel, SZ-Ressortleiter für München, Region und Bayern, schon in seiner Begrüßung fest: Mehr als 100 Kandidatenvorschläge für den Tassilo hätten SZ-Leser eingereicht. So viele wie noch nie. "Die Kultur im Umland blüht" , so Krügel.

Davon kann man sich an diesem Abend ein eindrückliches Bild machen: Kaum haben kurz nach 19 Uhr die ersten Sturmböen die letzten Gäste ins Festzelt geweht, legt die Erdinger Indiepop-Band The Living los - fünf junge Musiker, darunter zwei Geschwisterpaare, mit sattem Sound und dem programmatischen Titel "Dancing Minds". In den nächsten eineinhalb Stunden wird die Bühne unter anderem einer Musikpädagogin (Ricarda Geary) gehören, die Oberhaching regelmäßig ins Opernfieber versetzt und mit Mitwirkenden aus dem ganzen Ort große Werke inszeniert; einem unermüdlichen Lyrikliebhaber und -verleger (Anton G. Leitner), der seit mehr als 20 Jahren die Zeitschrift Das Gedicht herausgibt; den Initiatoren der IG Jazz aus Ebersberg und Grafing, die sich im reifen Alter einen Jugendtraum erfüllt und in Ebersberg ein großes Jazzfestival auf die Beine gestellt haben. Vor allem aber wird die Bühne vielen jungen Talenten gehören.

Die Auswahl hatte vor einigen Wochen eine Jury getroffen: Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, der Geschäftsführer des Münchner Labels Flowerstreets Records Amadeus Gregor Böhm, Pullachs Kulturamtsleiterin Hannah Stegmayer, der Chef des Ismaninger Kallmann-Museums Rasmus Kleine, die Starnberger Veranstalterin Elisabeth Carr, SZ-Feuilletonredakteur Rudi Neumaier sowie Sabine Reithmaier, Kulturredakteurin bei der SZ und Moderatorin an diesem Abend, mussten aus dem Berg von Vorschlägen elf Preisträger bestimmen. Auf einen Namen hatten sie sich dabei erstaunlich schnell geeinigt: Sweet Lemon. Die beiden 17-jährigen Schwestern Lena und Sophie Haslberger, die sich hinter diesem Namen verbergen, brauchen auch bei der Preisverleihung nicht mehr als drei, vier Takte, um das Publikum in ihren Bann zu schlagen - mit prägnantem Gitarrenspiel, zweistimmigem Soulgesang und einer bemerkenswerten musikalischen Reife. "Birds" heißt der Song, den sie ausgewählt haben. Beim Refrain "It was the Wind" setzt draußen der lang erwartete Regen ein - ein magischer Moment, den die Schwestern mit einem Blick und einem kleinen Lächeln feiern.

Guter Brauch bei der Tassilo-Preisverleihung ist es, dass arrivierte Künstler eine Art Patenschaft für die drei Hauptpreisträger übernehmen. So auch heuer: Jazz-Sängerin Jenny Evans, vom Time Magazin als "führende Jazz-Stimme Deutschlands" charakterisiert, und die Kabarettistin und Schauspielerin Monika Gruber bestreiten diese Aufgabe - beide mit direktem Bezug zu den ausgezeichneten Künstlern. Jenny Evans ehrt die 13-köpfige Streicher-Bigband Bluestrings, die mit fetzigen Arrangements und mutigen Soli unter Beweis stellt, dass Jazz auch Jugendliche vom Hocker reißen kann. Und die ganz im Sinne der deutsch-britischen Sängerin die Grenzen zwischen Klassik und Jazz einreißen. Evans studierte einst Lehramt, "aber das Kultusministerium wollte mich als Engländerin damals nicht haben", erzählt sie. Ihre pädagogischen Ansätze sind geblieben und verbinden sie mit Preisträgerin Aja von Lerchenhorst. Sie verhilft in Ried bei Kochel seit 37 Jahren Kindern zum Theaterspielen, scheut selbst aber das Rampenlicht - an diesem Abend kann sie es aber nicht meiden.

Monika Gruber zeigt sich bei der Feier einmal mehr als witz- und wortgewandte Wirtshausexpertin. Sie hat jahrelang gekellnert und sieht bis heute die Dorfgaststätte als besonderen Brennpunkt bayerischer Kultur - wo "viel gredt wird, auch wenn keiner was sagt". Passenderweise ehrt sie eine Schar entschlossener Bürger aus dem Landkreis Dachau: Sie haben ihr Wirtshaus in Erdweg vor dem Abriss bewahrt und das historische Gemäuer in ein Kulturzentrum verwandelt.

Der Preis für das Lebenswerk geht an Heinrich Klug, einstiger Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, der 800 Kinderkonzerte auf die Beine gestellt hat und so schon mehrere Generationen für Klassik begeisterte. Wie ein Wiesel springt der 81-Jährige auf die Bühne, animiert das Publikum zu einem Liedchen und lässt dann mit der elfjährigen Meistergeigerin Clara Shen aus Puchheim einer irrwitzigen Tarantella von Pablo Sarasate ihren Lauf, sodass es noch einmal ganz still wird im Zelt. Danach darf gegessen und getrunken werden - und es beginnt der zweite Teil des Abends, der für viele genauso spannend ist wie der erste. Die Impulse dazu hatte Krügel schon auf der Bühne gegeben, als er etwa Jenny Evans an Ricarda Geary und ihr nächstes Opernprojekt vermitteln wollte. Evans, das kristallisiert sich nun bei Roastbeef und Mangomousse heraus, würde gerne mal mit den Bluestrings arbeiten. Die werden 2017 außerdem zum nächsten Festival der IG Jazz nach Ebersberg fahren. Und Monika Gruber verspricht, im kommenden Jahr im Wirtshaus am Erdweg zu spielen. Hinten rechts sitzt Fee Brembeck in ihrem türkisen Kleid. Vier Auftritte hat sie gerade ausgemacht. Und auch wenn sich dieser Abend noch nicht wie das Ziel anfühlt: Er fühlt sich auf jeden Fall gut an.