Basketball "Verrückt wäre es allemal gewesen"

Sportchef Armin Sperber über den WNBL-Titel für Jahn Münchens Basketballerinnen, den Beinahe-Aufstieg der Frauen und große Pläne.

Interview von Andreas Liebman

Valencia, 26 Grad, wolkenlos. Er habe den Urlaub gebraucht, erzählt Armin Sperber, die letzten Tage waren "nervenaufreibend". Trotzdem nimmt sich der 59-Jährige Zeit, er hat sich mit seiner Frau in ein Café gesetzt für das Telefonat. Zwei emotionale Höhepunkte hat er zu reflektieren: als Trainer den deutschen Meistertitel der TS Jahn München in der U18-Bundesliga WNBL, errungen im Top-4-Turnier vor heimischem Publikum. Und zwei Wochen später die Niederlage der Zweitliga-Frauen, für die er als Sportchef zuständig ist: vor 1200 Fans im dritten und letzten Aufstiegsduell in Freiburg. Das Gespräch beginnt prompt mit einem Missverständnis.

Herr Sperber, wie ging es Ihnen nach dem Spiel am vergangenen Sonntag?

Ich war sehr glücklich. Das war so ein Einmal-im-Leben-Ding. In meinem Alter weiß man das zu schätzen.

Verzeihung: Wir sprechen schon über die Niederlage in Freiburg vorige Woche?

Oh, nein, ich meinte die U-18-Meisterschaft. Reden wir erst über Freiburg?

Ja.

Gerne. Das war eine einmalige Chance, ich glaube nicht, dass sich so eine Tür noch oft öffnet. Zumindest nicht mit den Mitteln, die wir eingesetzt haben. Das war ja die Leistung einer Zweitligamannschaft, die sich findet, die perfekt funktioniert.

Die Spielerinnen waren sehr enttäuscht?

Ja. Aber sie haben auch gemerkt, dass die anderen sehr professionell arbeiten, das merkt man an vielen kleinen Dingen in so einer Serie: Dass man ein paar Rebounds zu wenig holt, dass auf dem Aufbauspiel wahnsinniger Druck lastet.

Glauben Sie, dass das Team vielleicht ganz durch die Tür geschlüpft wäre, hätte sich Ihre Spielmacherin Nicole Schmidt nicht nach dem ersten Spiel verletzt?

Das könnte durchaus sein. Sie war in Freiburg nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte.

Mal Hand aufs Herz: Waren Sie nicht trotzdem auch ein bisschen erleichtert, dass es nun doch nicht in die erste Liga geht?

(Lacht. Zögert.) Irgendwo schon. Es wäre ein wahnsinnig ehrgeiziges Vorhaben gewesen. Den sportlichen Aufwand hätte ich uns allen noch eher zugetraut, aber den finanziellen Aufwand zu verdreifachen, das wäre schon riesig gewesen. Oder wir hätten gesagt, lasst es uns mit der aktuellen Truppe, verstärkt um eine echte Rebound-Kraft und eine routinierte Erstliga-Aufbauspielerin, irgendwie versuchen. Verrückt wäre es allemal gewesen.

„Es hat sich eine Art Zyklus erfüllt“: Armin Sperber gibt seine Ämter als WNBL-Trainer und Sportchef bei der TS Jahn München auf.

(Foto: Wolfgang Eberle/oh)

Sie hätten einen Erstliga-Etat von mindestens 150 000 Euro veranschlagt. Es ist noch nicht lange her, da fehlten sogar die Mittel für die nächste Zweitligasaison, die Spielerinnen haben Klinken geputzt, um per Crowdfunding Geld zu sammeln.

Ja, das hat uns damals gerettet, als Friendsfactory als Sponsor weggegangen war.

So kam man dann ja auch zum aktuellen Namensgeber Burger Estriche.

Richtig, aber mittlerweile funktioniert das ohne Crowdfunding. Wir sind damit sehr glücklich, die tun auch hinter den Kulissen eine Menge. Und wir haben viele kleinere Sponsoren. Wir sind sehr zuversichtlich, dass das genauso weitergehen wird.

Die erste Liga hätte aber nicht nur die Verdreifachung des Etats bedeutet.

Nein, wir hätten mehr Hallenzeiten gebraucht, weil man mit Profis zweimal am Tag trainiert, wir hätten das Engagement des Coachs ausweiten müssen, eine Schippe drauflegen bei der Gegnerbeobachtung und dem Scouting von Spielerinnen.

Wie Gegner Freiburg, der trotz seines Abstiegs einfach alles so beibehalten hatte wie zu Erstligazeiten.

Ja, die waren schon toll aufgestellt.

Und hatten 1200 Zuschauer. So etwas wäre in München sicher noch schwierig.

Das ,noch' kann man streichen. Das habe ich nie erlebt, vielleicht beim Finale um die deutsche Meisterschaft 1987, dass mal 1000 Leute in der Morawitzkyhalle waren.

Wasserburg, Bad Aibling, Bayerns Erstliga-Standorte liegen außerhalb. Die Großstadt München ist mehr Fluch als Segen?

Ich glaube schon, dass Damenbasketball eher in Orten funktioniert, wo sonst nicht viel von der Decke hängt. Wo sich ein paar Leute engagieren - und dann geht es ab.

Nun zum Titel in der U-18-Bundesliga. Sie sind neuer WNBL-Trainer des Jahres.

Die Liga gibt es seit neun Jahren, ich bin seit acht Jahren dabei. Wahrscheinlich haben sie mich deshalb erkoren. Vielleicht auch, weil ich in diesem Kreis der einzige Amateur bin. Und weil unsere sehr junge Mannschaft nach einem großen Aderlass toll funktioniert hat. Wir haben das mit lauter Frischlingen aus der U16 aufgefangen.

Nach Platz drei vor zwei Jahren und Platz zwei mit viel Pech im Vorjahr wären Sie sicher enttäuscht gewesen, wenn es wieder nicht mit dem Titel geklappt hätte?

Einmal im Leben: Das WNBL-Team (oben Johanna Häckel) feiert die deutsche Meisterschaft.

(Foto: Frank Burger/oh)

Kann man nicht sagen. Die Ausgangslage war wirklich schlecht, ich bin nicht angetreten nach dem Motto: Jetzt muss es der Meistertitel sein. Wir haben gesagt, noch mal Top4 zu spielen, wäre fantastisch.

Sie meinen den Kreuzbandriss, den sich Leonie Fiebich ein Jahr zuvor beim Top4 zugezogen hatte, dazu die Doppelbelastung der erst 16-jährigen Emily Bessoir, die bei den Frauen schon unverzichtbar war, und zwei weitere Kreuzbandrisse?

Wir hatten die Schulter von Sophia Mühling im Januar und das Kreuzband von Lea Pfeiffer im Oktober. Das hat uns gezwungen, mit U16-Mädels zu spielen. Und Leo Fiebich hat genau ein WNBL-Spiel mitgemacht: das Finale. Dann lief es, wir waren überlegen und sind tatsächlich deutscher Meister geworden. Once in a lifetime.

Nun hören Sie als Jahn-Sportdirektor und als WNBL-Trainer auf. Wieso?

Diese Ehrenämter sind wahnsinnig viel Arbeit, das verschlingt einen. Seit 1999 habe ich das beim Jahn gemacht, Trainer bin ich jetzt sogar 39 Jahre am Stück. Und es hat sich nun eine Art Zyklus erfüllt.

Wagen Sie doch mal einen Blick in die Zukunft des WNBL-Teams.

Mein Nachfolger Markus Klusemann ist ein ausgewiesener Fachmann, er hat lange Zeit in Australien verbracht, ist Landestrainer und Sportwissenschaftler. Der findet eine fantastische Mannschaft vor, die die nächsten Jahre richtig toll spielen wird.

Wäre es dann nicht umso erstrebenswerter, bald die Voraussetzungen für die erste Frauen-Bundesliga hinzubekommen?

Schon. Wir wollen auch angreifen. Dieses Jahr wäre es uns sportlich fast zugeflogen, jetzt wollen wir schauen, ob wir das mit etwas Anlauf hinkriegen.

Zuletzt war natürlich die international erfahrene Anne Delafosse die treibende Kraft hinter den Münchner Talenten.

Sie weiß halt, wie es geht. Sie braucht keine Lernkurve. Natürlich trainiert sie nicht viel, aber mit ihren 165 Länderspielen ist sie der Dirk Nowitzki der Frauen. Gerade Emmy und Leo profitieren enorm von ihr.

Emily Bessoir und Leonie Fiebich. Beide dürften einige Erstliga-Angebote haben.

Ja. Emmy will hier ihre Schule fertigmachen, sie wird wohl bleiben. Leo wohnt in Landsberg, da kann man ja nachsehen, wo der nächste Erstligist sitzt. Mal schauen, ob wir da mithalten können.