Amateurboxen Der Boxer vom Bauernhof

"Es spornt mich an, irgendwann mal besser als mein Papa zu sein": Don Hugl (li.) beim verlorenen Brucker Halbfinale gegen Jamshid Nurestani.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Vorbilder? Floyd Mayweather junior - und Papa: Don Hugl überzeugt als eines von vielen Piccolo-Talenten bei den südbayerischen Meisterschaften in Fürstenfeldbruck

Von Jan Geißler, Fürstenfeldbruck

Don Hugl hat nur Augen für sein Gegenüber. Immer wieder geht er in die Offensive, versucht seine Schlaghand ins Ziel zu bringen. Die besseren Treffer setzt jedoch sein Gegner. "Normalerweise gewinnt das der Rote", sagt Manfred Kaltenhäuser, Präsident des Boxclubs Piccolo Fürstenfeldbruck, während er auf das Urteil wartet: "Don hat zwar den Kampf gemacht, aber entscheidend sind nun mal die Treffer." Noch wenige Minuten zuvor war er um den Ring getigert, um dem Boxer im blauen Trikot Ratschläge zu geben. Rufe wie "Schritte" oder "du musst reingehen" waren dann zu hören, weil er für seinen Geschmack nicht nah genug am Gegner stand. Doch Kaltenhäuser täuscht sich. Die Punktrichter entscheiden sich zugunsten von Hugl, der damit ins U-19-Halbfinale der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm bei der südbayerischen Juniorenmeisterschaft einzieht.

Insgesamt sind in der Fürstenfeldbrucker Jahnhalle knapp 70 Teilnehmer von 24 Vereinen in 19 Gewichtsklassen am Start. Dort, wo sonst der Tischtennis-Zweitligist TuS Fürstenfeldbruck seine Heimspiele austrägt, steht nun ein Boxring in der Hallenmitte. Umsäumt von Stühlen an allen vier Seiten. "Der Ring ist sonst immer im Boden versenkt, in zwei bis drei Stunden können wir ihn dann aber aufbauen", sagt Kaltenhäuser, der bereits mehr als 500 Boxveranstaltungen für Piccolo organisiert hat: "Der Verband weiß um die gute Organisation und fragt daher gerne an." Auch der Piccolo-Nachwuchs kann sich sehen lassen. Don Hugl ist eines der vielversprechenden Talente des Klubs. Erst vor gut zwei Jahren fand der 16-Jährige den Weg zum Boxen. Direkt in seiner Premierensaison erkämpfte er sich neben dem oberbayerischen und dem südbayerischen Meistertitel der Altersklasse U17 den zweiten Platz bei den bayerischen Meisterschaften. "Er hat großes Talent, auch wenn er technisch und taktisch noch zulegen muss. Gut für ihn, dass er so ehrgeizig ist", sagt Kaltenhäuser, dessen Verein schon viele gute Boxer hervorgebracht hat.

"Ich habe immer viel Unterstützung von meinem Papa erhalten, vielleicht ist es deshalb bei mir ein bisschen schneller vorangegangen", sagt Hugl selbst und wirft einen Blick hinüber zu seinem Vater, der nur wenige Meter entfernt darauf wartet, den Kampf zu analysieren.

Manfred Hugl ist selbst ehemaliger Boxer und stolz auf seinen Sohn: "Er ist sehr lernbegierig - ein Stück weit erkenne ich mich selbst wieder." Um den Filius zu fördern, hat er auf dem eigenen Bauernhof in Hilgertshausen-Tandern einen kleinen Trainingsraum mit Sandsäcken, Plattformbirne und Schlagpolstern eingerichtet. "Dort trainieren wir ab und zu am Wochenende, wenn er nach Hause kommt", erzählt der Mann mit den kurzen Haaren, der eine goldene Brille auf der Nase trägt und dem seine Boxvergangenheit anzusehen ist.

Inzwischen wohnt Don Hugl, der in den vergangenen zwei Jahren fast 15 Kilogramm Muskelmasse zugelegt hat, nicht mehr bei seinen Eltern. Grund dafür ist das Sportinternat Straubing, eine Fördereinrichtung für sportlich Hochbegabte, wo er seit September 2015 lebt, zur Schule geht und trainiert. Neben Eishockey- und Volleyballspielern ist er dort einer von bisher nur zwei Boxern. In der Regel drückt Hugl morgens die Schulbank, nachmittags macht er Hausaufgaben und hat noch ein wenig Freiraum für seine Hobbys, um 18 Uhr ist dann Training. Jeden Tag, von Montag bis Freitag. Mit seinen Freunden trifft er sich dann eben am Wochenende. Zudem achtet die Internatsleitung auf die Ernährung der Schüler. "Wir essen viel Vollkorn, Obst und Gemüse", erzählt Hugl, den manchmal aber doch die Lust nach Herzhaftem überfällt: "Ich habe trotzdem noch ein Leben und esse auch mal eine Pizza." Früher ist er Motocross gefahren. Bis der Sport seinen Eltern zu teuer wurde. Boxen habe ihm dann von allen ausprobierten Sportarten am meisten Spaß gemacht. Der Gedanke, seinen Gegner zu beherrschen und ihn mit der selbst zurechtgelegten Taktik zu überlisten, gefällt ihm. "Boxen ist nicht nur Draufhauen - Technik und Erfahrung sind viel entscheidender", betont Hugl, bevor er von seinem Vater unterbrochen wird, der nun endlich den ersten Auftritt des Sohnes nachbesprechen will. "Du musst auch auf mich hören, wenn ich dir etwas zurufe. Meine Stimme ist schon ganz kratzig", kritisiert ihn Manfred Hugl. Dann will er wissen, wie lange das Gespräch noch dauert. Don lacht nur und spricht weiter: "Mir fehlt noch Erfahrung, da brauche ich noch etwas mehr Zeit."

Um nicht alles auf die Karte Boxen zu setzen, baut Don Hugl gerade ein zweites Standbein auf und beginnt demnächst eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. Gute Schulnoten und ein Praktikum in einem Straubinger Betrieb haben das ermöglicht. Trotzdem möchte er in seinem Sport möglichst weit kommen, vielleicht sogar Profi werden. Ein Ziel hat er sich schon gesetzt: den deutschen Meistertitel. Jenen Erfolg, der seinem Vater 1979 verwehrt blieb. Damals verlor Manfred Hugl das Finale im Halbschwergewicht. "Es spornt mich an, irgendwann besser als mein Papa zu sein", sagt Don Hugl und wirkt dabei ziemlich klar im Kopf. "Und Olympia", wirft er hinterher, "der Traum von jedem Sportler." Sein großes Vorbild Floyd Mayweather junior hat sich diesen Traum verwirklicht und den 16-Jährigen damit beeindruckt: "Er war ein Perfektionist, der sich alles selbst erarbeitet hat und auch mal ganz unten angefangen hat."

Ganz unten ist Hugl nicht mehr - trotzdem ist für ihn in der Jahnhalle im Halbfinale Schluss. Allerdings gegen einen Gegner, der im Nachhinein wohl gar nicht in seiner Altersklasse hätte boxen dürfen. Die Teilnahme an der bayerischen Meisterschaft ist Hugl deshalb trotz des verpassten Finales sicher.