"Alte-Meister"-Serie: Tennisspieler Gerd Coldewey Der Stolz seiner Kinder

Gerd Coldewey war einer der besten Tennisspieler der DDR - und flüchtete 1958. Als Senior dominiert der 81-Jährige auch international wieder seine Altersklasse

Von Katrin Freiburghaus

Jeder kennt sie, die Bilder von Kindern, die ihr erstes Turnier gewinnen und strahlend auf ihre Eltern zulaufen. Auf Mütter, die gerührt das Taschentuch zücken, und auf Väter, deren Blick auf dem Nachwuchs ruht, mit ein bisschen weniger Rührung womöglich, aber stolz allemal. Wenn Gerd Coldewey Turniere gewinnt, herrscht verkehrte Welt. Denn Coldewey wird demnächst 81 Jahre alt - und in seinem Fall sind es die Kinder, die über den Vater staunen.

Im vergangenen Jahr wurde Coldewey Tennis-Weltmeister in der Altersklasse ab 80, 2011 war er Weltranglisten-Erster bei den 75-Jährigen. "Die Kinder haben das bewundert", sagt der ehemalige Patentanwalt, und man hört, dass ihn das freut. Coldewey ist keiner der typischen Spätberufenen, die einen Sport erst für sich entdecken, wenn der Hausarzt über den zu hohen Cholesterinspiegel meckert. Seine erste Karriere liegt allerdings fast 60 Jahre zurück, in einem Land, das es nicht mehr gibt. Als 18-Jähriger war Coldewey Junioren-Meister in der DDR und gehörte zum Kreis der Spitzenspieler. Eine Sportinternatskarriere lehnte der gebürtige Leipziger ab. "Das kam nicht infrage, weil meine Eltern wollten, dass ich studiere" sagt er. Dass es dafür zunächst schlecht aussah, hatte Coldewey seinem hohen Engagement beim Tennis zu verdanken - dass es schließlich doch klappte, ebenfalls. "Ich wurde an der Hochschule wegen meiner Abiturnote abgelehnt", sagt er. Doch der Rektor habe sich aus Sportberichten an seinen Namen erinnert, "und dann haben sie mich doch genommen".

Die Laufbahn des DDR-Sportlers Coldewey endete 1958 dann abrupt: Drei Jahre vor dem Berliner Mauerbau flüchtete der damals 23 Jahre alte Diplomingenieur auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle in Berlin-Adlershof mit der S-Bahn in den West-Sektor. "Das war natürlich grundsätzlich verboten, aber sie haben sehr wenige Leute rausgeholt, weil sie während des Berufsverkehrs kaum eine Chance hatten, gründlich zu kontrollieren", sagt Coldewey.

Seine Eltern blieben in Leipzig, der Vater hatte aber einen ehemaligen Geschäftsfreund in Baden-Württemberg vermittelt, "da bin ich dann hingeflogen". Coldewey ließ nicht nur seine Heimat, sondern auch seinen Sport zurück. "Die Flucht war für mich eine Zäsur, ich musste hier erst mal beruflich auf die Beine kommen, da spielte Spitzentennis keine Rolle mehr", sagt er rückblickend.

Erst nach seinem Umzug nach München und einer Ausbildung zum Patentanwalt begann er wieder zu spielen. Das Niveau allerdings sei im Vergleich zu seinen Erfahrungen in der DDR sehr hoch gewesen. "Ich war hier ein guter, aber kein Spitzenspieler", sagt er. Für den MTTC Iphitos ging er in der Bezirks- und Bayernliga auf den Platz, ins Spitzensegment aber kehrte er erst nach der Pensionierung zurück. "Da habe ich dann nationale und internationale Turniere gespielt und mich langsam hochgearbeitet", sagt er.

München, 2016: Gerd Coldewey, beim Rückhand-Volley auf der Anlage des MTTC Iphitos

(Foto: Claus Schunk)

Solche Sätze klingen wie die Aussagen eines Nachwuchssportlers, und so ähnlich fühlt sich Coldewey auch alle fünf Jahre. Dann nämlich, wenn er in eine neue Altersgruppe wechselt. Doch anders als in der Jugend, wo ein Aufstieg mit erheblich stärkerer Konkurrenz verbunden ist, "ist es bei den Senioren gut, wenn man nach oben rutscht", erklärt Coldewey lachend, "denn dann sind Sie ja mit der Jüngste und im ersten Jahr in der neuen Altersklasse sehr fit".

Weil es bei Iphitos keine altersmäßig passende Mannschaft für ihn gibt, spielt er für den TC Siemens München, allerdings auch dort bei den 70-Jährigen, also im Grunde zwei Altersstufen zu niedrig. In diesem Sommer ließ eine Schulterverletzung lediglich ein Punktspiel zu, auch bei den internationalen deutschen Meisterschaften vom 15. bis 21. August in Rottach-Egern am Tegernsee konnte er seinen Titel aus dem Vorjahr nicht verteidigen.

"Ewig spiele ich sicher nicht mehr", sagt er. Dass er sich über das Karriereende Gedanken macht, liegt nicht an seiner Verletzung, sondern an der für einen Sportler eigentümlichen Situation, in der sich Coldewey befindet: Der Pool seiner Gegner verändert sich nicht. Quereinsteiger würden bei steigender Altersklasse immer seltener, sagt er, und anders als in jungen Jahren kommen bei klar eingeteilten Altersklassen keine Talente nach. Wenn sich etwas verändert, dann dadurch, dass einer geht oder nicht mehr will. "Es werden immer weniger Spieler, je älter man wird", sagt Coldewey. Die Gegner auf dem Platz hatte er bisher im Griff: 2015 schloss er die Saison erneut als Erster der Weltrangliste ab. "Aber die Zeit", sagt er, "die ist ein Gegner, für uns alle." Dann sortiert er seine Urkunden sorgsam zurück in einen Hefter, nimmt seine Tasche und spaziert fürs Foto auf den Platz. Die Zeit - Coldewey hält auch sie bislang gut in Schach.

Bisher erschienen: Norbert Demmel (19.8.), Gerd Biendl (18.8.), Carlo Thränhardt (9.8.), Rudi Vogt (6.8.), Michael Hahn (4.8.), Monika Schäfer (30.7.), Kurt Szilier (28.7.), Andrea Eisenhut (23.7.)