Spontane Live-Konzerte in München Klimpern am Königsplatz

Von irgendwo erklingt Beethovens "Für Elise", an einem anderen Ort dringen nur Musikfetzen aus einem Menschenpulk: An 14 öffentlichen Plätzen stehen nun Klaviere in München. Egal ob Anfänger oder Virtuose - jeder darf ein spontanes Live-Konzert geben.

Von Rita Argauer

Auf dem Königsplatz wirkt der Klimperkasten gar nicht so verkehrt. Open-Air-Konzerte hat das Areal schon viele gesehen, nun gibt es also ein Klavier, schön mittig vor den Propyläen positioniert. Am Vater-Rhein-Brunnen jedoch springt das Piano besonders ins Auge: Dort steht es am Rande des Brunnenbeckens auf dem Kiesweg. Wackelig wirkt es auf dem unebenen Boden. Die beiden Instrumente gehören zu dem Projekt "Play me, I'm yours", das am vergangenen Samstag offiziell begonnen hat. 14 Klaviere wurde dabei in der Stadt verteilt - zur freien Bespielung.

Kein Zwang und keine Hemmungen, jeder soll Lust bekommen und den Mut aufbringen, sich seine Bühne zu nehmen. Am Königsplatz wirkt das am Samstagmorgen dennoch mehr wie die typische Konzertsituation: dort der Künstler und davor das brav beeindruckte Publikum. Über die Facebook-Seite von "Play me, I'm yours" wurde ein Konzert der Münchner Indie-Rock-Band The Becqerels angekündigt.

Die Musiker finden sich im schicken schwarz-weißen Rocker-Look ein, passend zum Instrument, das der Bildhauer Josef Henselmann mit einem riesigen schwarz-weißen Über- und Anbau versehen hat. Daneben Kameras und Aufnahmegeräte - das Konzert wird mitgeschnitten, denn die Vernetzung im Internet ist Teil des Projekts.

Spielen, singen, hochladen

Also: spielen, singen, Handys zücken und hochladen. Und ein kurzer prominenter Moment für Jedermann. Die Situation am Königsplatz wirkt jedoch sehr viel professioneller: Die Band inszeniert sich, den Mitschnitt macht das bekannte Internetportal Tape.tv. Einfach hingehen und spielen ist das nicht.

"Meine Grundidee war eigentlich, die klassische Musik zu entstauben", erklärt Isabel Melendez Alba. Die Vorsitzende des Vereins "Musik für Kinder", dem Veranstalter in Kooperation mit dem internationalen Projekt um den britischen Künstler Luke Jerram, steht mit zweien ihrer Klavierschüler auf dem Königsplatz und wartet auf deren Auftritt. "Aber von den klassischen Pianisten kam leider wenig Rückmeldung", sagt sie.

Der Zuspruch aus dem Pop-Rock-Bereich sei sehr viel größer als der aus der Klassik, obgleich sie die Professoren der Musikhochschule angeschrieben hat. Denn während ihres Studiums dort habe sie sich gewünscht, aus dem dunklen, fensterlosen Übungsraum mit dem Instrument auf den nahen Königsplatz wechseln zu können.

Obwohl sie die Konzerte anstößt und die Musiker fragt, tritt Melendez Alba selbst nicht als Veranstalterin auf. "Das wäre schon wegen der Versicherung schwierig", sagt sie. Finanziert werde das Projekt über das Kulturreferat und Sponsoren wie die Kulturstiftung der Stadtsparkasse. Trotzdem seien noch nicht alle Kosten gedeckt. Etwa um die 4000 Euro müsse Melendez Alba noch an die Gema abgeben: "Wenn ich die nur aus meinem Verein zahlen muss, ist der bankrott", sagt sie, die auf weitere Spenden hofft.

Nach ein paar Versuchen erkennt man "Für Elise"

Vor dem Neuperlacher Kulturzentrum ist das Klavier um ein Uhr mittags noch unter seiner Plane versteckt. Die Klaviere sollten jeden Morgen geöffnet werden. Falls es regnet, hoffen die Veranstalter auf die Mithilfe der Passanten, die es mit der Plastikplane eindecken. Seinen Zweck erfüllt das Klavier in Neuperlach erst, als die Familie Ionita von der U-Bahnstation auf dem Weg nach Hause zufällig vorbei kommt. Die beiden Söhne stürzen sich auf das Instrument, der elfjährige Stefan sucht Beethovens berühmten Halbtonwechsel - den Anfang von "Für Elise". Nach ein paar Versuchen hat er die kleine Melodie gefunden, auf einem Klavier gespielt hat er zuvor noch nie.

Auch das Instrument am Giesinger Bahnhofsplatz dient kleinen spontanen Einlagen: Es spielt Anita Frey, die seit ein paar Jahren Unterricht nimmt und sich nach zwei kleinen Stückchen, die sie auswendig kann, ärgert, ihre Noten nicht dabei zu haben. Sie hätte jetzt gerade eine Stunde Zeit.

Klangfetzen aus dem Menschenpulk

An einem sonnigen Nachmittag sind die Klaviere, die in der Innenstadt oder in Parks stehen, natürlich hoch frequentiert. Etwa das am Isartor, das völlig unter einer Gruppe italienischer Schüler verschwindet. Aus dem Menschenpulk sind nur noch verschiedene Klangfetzen, von jazzigen Rhythmen über den Beginn von Beethovens Fünfter, hörbar. Oder das in der Glockenbachwerkstatt, das von der 13-jährigen Anabelle Schaffhauser gezielt aufgesucht und sehr gekonnt bespielt wird.

Sobald die Klaviere klingen, bildet sich eine Menschentraube um die Instrumente. Und es wird geredet - über das Projekt, ob man selbst Musik mache, ob man sich nicht traue, auch etwas zu spielen. Der Grundgedanke des Künstlers und Initiators Luke Jerram war ein einfacher: Die Menschen reden an öffentlichen Plätzen nicht miteinander; die Instrumente sollen das ändern. Und das funktioniert.