Spielfilm "24/7 - The Passion of Life" "Mir ging es um die Poesie des SM"

Shades of Grey ist der Verkaufsrenner. Der Münchner Filmemacher Roland Reber hat einen Spielfilm über SM gemacht. Jetzt zeigt er ihn in München - und erklärt, was Fetischisten in Schweinemaske und Babywindeln mit Poesie zu tun haben.

Interview: Anna Fischhaber

"Shades of Grey" ist derzeit der Verkaufsrenner. Der Münchner Filmemacher Roland Reber brachte bereits vor sieben Jahren den provokanten Spielfilm "24/7 - The Passion of Life" ins Kino. Das Thema: Eine junge Frau entdeckt die Welt der SM-Studios, Swingerclubs und Strip-Bars für sich. Immer am 24.7, dem Tag, den die SM-Community mittlerweile zum internationalen BDSM-(kurz für Bondage-Discipilne-Sadism-Masocism)Tag erklärt hat, führen Reber und sein Team das zum Kult avancierte Erotik-Drama in München auf.

Süddeutsche.de: Shades of Grey bricht derzeit alle Verkaufsrekorde. Da war Ihr Film 24/7 The Passion of Life doch sicher auch ein Erfolg?

Roland Reber: Viele Verleiher wollten den Film anfangs nicht, sie dachten, SM sei ein Nischenthema. Daraufhin haben wir in München unseren eigenen Verleih gegründet, am Ende lief der Film dann ein Jahr lang in mehr als 70 deutschen Kinos.

Süddeutsche.de: Haben Sie denn für den Film auch in ihrer Heimatstadt München recherchiert? Oft hat man ja das Gefühl, Swingerclubs, SM-Studios, das gibt es hier gar nicht.

Reber: Oh doch, sehr viele sogar. Neben einem Supermarkt mitten in der Stadt war damals eines der größten westdeutschen SM-Studios überhaupt. In München gibt es mehr SM-Studios, als man auf einer Seite auflisten kann. Es spricht nur niemand darüber. Beispielsweise hat uns ein bekannter Banker sein Haus zum Drehen zur Verfügung gestellt. Als wir ihm Szenefotos aus dem SM-Studio zeigten, tat er sehr erschüttert. Zwei Tage später haben wir ihn im SM-Studio gesehen, er war dort Stammgast.

Süddeutsche.de: Der Autorin von Shades of Grey wird vorgeworfen, ihr Buch sei so simple ...

Reber: Ich will mir das Buch noch kaufen. Mir ging es vor allem um die Poesie des SM. Denn die habe ich bei den Recherchen selbst erlebt. In einem SM-Studio bekam ich einen Arztkittel und wurde in einen Raum geführt, in dem ein Mann an einem Gynäkologenstuhl festgebunden war. Die Domina hat einen Eisenstab in seine Harnröhre geführt. Man konnte kaum hinschauen. Aber dann sah ich in sein Gesicht und sah eine wohlwollende, tiefe Erfüllung, die ich noch nie so gesehen hatte.

Süddeutsche.de: In Ihrem Film sieht man auch Fetischisten in Schweine-Gummimaske und Babywindeln. Sind die auch poetisch?

Reber: Nein, die sollten lächerlich wirken. So lächerlich, wie die Gesellschaft diese Menschen sieht. Wir wollten bewusst Klischees benutzen, um diese dann zu brechen. Unsere Domina hat beispielsweise viel mehr Charakter als solche Frauen normalerweise im Fernsehen haben. Da sind Dominas ja große, schlanke, prügelnde Frauen. Lady Maria ist eine Soziologin, die gerade eine Doktorarbeit über die religiöse Seite von SM und die gesellschaftlichen Probleme schreibt und auch eine erzieherische Funktion im Film hat.

Süddeutsche.de: In einer Kritik heißt es, The Passion of Life zeige SM endlich so, wie es ist. Wie ist es denn?

Reber: Auf jeden Fall nicht so frauenfeindlich und gewaltverherrlichenden, wie viele denken. Nur die wenigsten in der Szene haben eine gewaltverherrlichende Philosophie. Aber auch das ist ja freiwillig. Bei den meisten geht es einfach nur um Dominanz. Einer unserer Statisten lief immer mit einem T-Shirt herum, auf dem stand "Ich schlage Frauen", er hat sich auch so benommen, nach außen. Aber beim SM wollte er sich einer Frau unterwerfen.

Süddeutsche.de: Jetzt zeigen Sie den Film wieder in München. Wer kommt da?

Reber: Das ist immer amüsant, viele erscheinen in ihren Fetisch Outfits, etwa als Domina in Lederkluft mit Mann an der Leine. Sie feiern sich selbst bei der Vorführung. Aber nur etwa 30 Prozent kommen aus der Szene, der Rest ist ganz normales Publikum. Aber auch das reagiert meist sehr offen, sehr neugierig.

Süddeutsche.de: Und was ist die Botschaft des Films?

Reber: Der Film geht nicht nur um SM, eigentlich ist er eine Studie über Einsamkeit. Alle Figuren sind allein und suchen in ihrer abweichenden Sexualität ihren Halt, ihre Bestätigung, ihre Erlösung. Aber sie finden sie nie. Auch im SM-Studio nicht.

24/7 The Passion of Life mit Publikumsgespräch. Dienstag, 24.7., 20.10 Uhr, Museum-Lichtspiele

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