Spiele-Entwickler Spiele ohne Grenzen

Lena Fischer ist eine der wenigen Studentinnen des Studiengangs Games-Engineering an der TU München.

(Foto: Florian Peljak)

Lena Fischer lädt zu Münchens größter studentischer Game-Jam

Von Philipp Kreiter

Lena Fischer, 25, liest gerne, geht gerne ins Theater oder in die Oper. Ihr Lieblingsstück ist William Shakespeares "Richard III.", sie mag auch die Oper "Orpheus in der Unterwelt" des deutsch-französischen Komponisten Jacques Offenbach. Das ist die eine Seite. Die andere: Lena zockt. "Outlast" zum Beispiel, ein kanadisches Horrorspiel, das in einer psychiatrischen Klinik spielt. Oder "Her Story", ein innovatives Independent-Spiel, in dem der Spieler selbst anhand von fiktiven Polizei-Verhören Gewaltverbrechen lösen muss. Lena ist eine der wenigen Studentinnen des Studiengangs Games-Engineering an der TU München. Nun organisiert sie die größte rein studentische Game-Jam Münchens.

Doch was ist eine Game-Jam überhaupt? Bei dieser Veranstaltung sollen Nachwuchsspieleentwickler aus verschiedensten Fachbereichen zusammengebracht werden, um innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens gemeinsam Spiele zu entwickeln. Das Spannende an dem Konzept: "Du weißt erst vor Ort, was für ein Spiel du eigentlich entwickeln wirst und mit wem zusammen. Die Teams bilden sich erst bei der Jam", erklärt Lena.

Die Münchnerin hat einen unüblichen Studienweg hinter sich, denn zunächst studierte sie Theater und Medien und Germanistik in Bayreuth. Nach dem Bachelor wechselte sie nach München, um hier mit einem Bachelor in Games-Engineering zu beginnen. Schuld hat ihr Professor. Der habe ihr gezeigt, dass Spiele nicht nur als Rezipient, sondern auch als Produzent von wissenschaftlichem Interesse sein können. Lena hofft durch diese unterschiedlichen Studien einen differenzierten Blick auf das Medium Spiel zu bekommen - und später auch vermitteln zu können: "Man muss wegkommen von dem Gedanken, dass Spiele nur Spaß machen müssen, darüber hinaus aber nichts. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der Spiele erwachsen geworden sind."

Im Studiengang Games-Engineering ist Lena noch aus einem anderen Grund ein seltenes Phänomen: Größtenteils studieren hier Männer. Lena ist häufig die einzige Studentin in einer Übung. Frauen und die Gaming-Industrie ist ein brisantes Thema, seit im August 2014 die sogenannte Gamergate-Kontroverse begann. Eine Online-Hetzjagd auf eine Spieleentwicklerin erreichte ungeahnte Ausmaße. Das perfide daran war, dass die Hetzer anonym, gut organisiert und extrem frauenfeindlich auftraten, um den Status von Frauen in der Spieleindustrie zu unterminieren. Herablassend behandelt wurde Lena an der Uni noch nie, aber: "Es ist doch sehr irritierend, wenn die eigene Geschlechtlichkeit hervorgehoben wird, weil es eben noch etwas Besonderes ist, dass Frauen in der Informatik tätig sind. Das ändert sich hoffentlich langsam."

Auch deshalb engagiert sich Lena bei der Game-Jam, um Leute kennenzulernen und vielleicht auch gegenseitige Hemmschwellen abzubauen. Bisher waren solche Veranstaltungen meist auf eine Uni und einen Studiengang beschränkt, ein interdisziplinärer Austausch fand faktisch nicht statt. Das soll sich nun ändern: Neben Games-Engineering-Studenten sind auch Künstler, Game-Designer und sogar Musikstudenten eingeladen: "Zu einem Spiel gehören ja viele verschiedene Elemente, deshalb hoffe ich, dass wir auch Leute aus verschiedenen Fachbereichen und Universitäten ansprechen können", sagt Lena.

Der Kreativität der Entwickler werden bei der Veranstaltung dann auch kaum Grenzen gesetzt. Nur ein grobes Motto wird vorgegeben, wie die einzelnen Teams es auslegen, ist ihre Sache. Bei der Jam im Sommer war das Thema eine quergelegte Acht. Und die Teams setzten das sehr unterschiedlich um: Während ein Team die Acht einfach als Layout der Strecke ihres Rennspiels benutzten, interpretierte sie ein anderes als das Zeichen für "unendlich" und entwickelten ein Strategiespiel mit unendlich vielen, zufallsgenerierten Kartenvarianten. Und ein drittes entwarf einen Multiplayer-Shooter mit Schneemännern. Am Strand. Mit acht Beinen.

Das Motto für die diesjährige Veranstaltung erfahren die Teilnehmer erst dort, die Jam soll aber viel größer werden als die jüngsten Ausgaben - auf bis zu 60 Teilnehmer hoffen die Organisatoren. Dabei dürfen die Studenten Räumlichkeiten der TU nutzen, die sie in organisatorischen Fragen berät. Auch in der Jury, die über die Preise für die einzelnen Spiele entscheiden soll, werden unter anderem Mitarbeiter der Universität sitzen. Dabei wird nicht das "beste" Spiel gewählt, sondern die Preisvergabe soll gemäß anderen Kategorien, wie etwa Kreativität im Spieldesign oder der grafischen Gestaltung verlaufen. "Wie soll man bei so unterschiedlichen Ideen denn sagen, was das beste Spiel ist?", fragt Lena und lacht.

Nicht zuletzt die Spieleindustrie selbst fördert die Veranstaltung. Unter den Sponsoren finden sich Namen wie Microsoft oder der französische Spiele-Publisher Ubisoft. Karsten Lehmann vom Ubisoft-Studio "Blue Byte" freut sich über den ersten rein studentischen Game-Jam in München: "Selbstverständlich wollen wir nah an den Talenten von morgen sein. Bei einem Game-Jam entstehen bloße Spielideen oder sogar ganze Games in kürzester Zeit. Diese Initiative der Studierenden unterstützen wir gern."

Und Lena selbst? Was will sie mit ihren verschiedenen Blickwinkeln auf das Medium Spiel später machen? Auch hier muss die junge Studentin lachen: "Ich sehe das realistisch: Ich programmiere nicht seit 15 Jahren, ich kann zwar gut damit umgehen, aber es gibt bestimmt Bessere als mich." Deshalb sieht sie sich am ehesten in der Forschung, an der Schnittstelle zwischen den Geisteswissenschaften und Spielen. Dieser Bereich ist bis auf wenige Ausnahmen stark unterrepräsentiert an den Universitäten.