SPD Gauweiler lässt die Hosenträger schnalzen

Kronawitter war wohl der härteste und ausgebuffteste Wahlkämpfer, den die SPD je hatte. Mit treuherzigem Lächeln konnte er die schärfsten Attacken gegen seine politischen Gegner reiten, die er ständig wiederholte, bis sie sich in den Köpfen festgesetzt hatten. Gerhard Schröder hatte dazu eine Anekdote parat, die er gerne erzählte. Schröder, zu der Zeit noch nicht Kanzler, sondern niedersächsischer Ministerpräsident, hatte Kronawitter für einen Wahlkampfauftritt gewonnen.

Die Regierung Kohl hatte gerade eine Nullrunde für die Rentner beschlossen und Kronawitter zog ein Blatt Papier aus der Sakkotasche und las den herzzerreißenden Brief einer Münchner Kleinrentnerin vor. Schröder, der direkt neben Kronawitter stand, erzählte mit sichtlich professionellem Respekt, der Münchner OB habe ein leeres Blatt herausgezogen. Kronawitter hat diese Episode stets dementiert, aber zuzutrauen wäre ihm so ein Trick allemal gewesen.

So viel Chuzpe und taktische Wendigkeit er im politischen Geschäft auch an den Tag legte, so unbeirrt verfolgte Kronawitter seine politischen Grundsätze. Sie lassen sich auf jene zwei Worte reduzieren, mit denen sein Vorbild Waldemar von Knoeringen 1962 in den bayerischen Landtagswahlkampf gezogen war: mehr Gerechtigkeit. Kronawitter war ein Kleine-Leute Sozi, wie es ihn heute in der Partei kaum noch gibt. Unentwegt predigte er, dass die fetten Hammel endlich kräftiger geschoren werden müssten, damit nicht die armen Lämmer alle Lasten tragen müssten. Immer wieder machte sich Kronawitter für die Wiedereinführung der Vermögenssteuer stark. Doch mit seinen Appellen, die SPD müsse die soziale Gerechtigkeit endlich wieder in den Mittelpunkt ihrer Arbeit rücken, fand er auf Bundesebene nur wenig Gehör.

Rachsucht war Kronawitter nicht fremd

In seiner zweiten Amtszeit von 1984 an musste Kronawitter all seine Raffinesse aufbieten, um sich zu behaupten. Denn durch zwei Überläufer hatte die SPD 1987 ihre Mehrheit verloren und Kronawitter wurde vom gewieften CSU-Fraktionschef Walter Zöller und dessen sogenannter "Gestaltungsmehrheit" immer wieder vorgeführt. Außerdem musste er es hinnehmen, dass sich bei der Neuwahl eines Großteils der städtischen Referenten 1988 plötzlich CSU und Grüne verbündeten und die SPD-Kandidaten auf der Strecke blieben.

Doch Kronawitter selber behauptete sich, gewann die OB-Wahl im Jahr 1990 haushoch und zeigte danach, dass ihm Rachsucht durchaus nicht fremd war. Weil er sich darüber ärgerte, dass der CSU-Chef Peter Gauweiler bei den Gesprächen über eine Zusammenarbeit von SPD und CSU allzu machtbewusst die Hosenträger schnalzen ließ, schmiedete er zur Verblüffung auch seiner eigenen Genossen ein rot-grünes Rathausbündnis, das dann 24 Jahre gehalten hat.

Münchner Alt-OB Georg Kronawitter.

(Foto: dpa)

Politisch ist Kronawitter mit seinen Warnungen vor einem überbordenden Wachstum, für das er gerne das Bild vom Dampfkessel München gebrauchte, gerne als bieder und provinziell belächelt worden. Kritiker höhnten, der Oberbürgermeister wolle aus der prosperierenden bayerischen Metropole eine grünes Ritzenbiotop machen. Heute wirken angesichts horrender Mieten und ungelöster Verkehrsprobleme Kronawitters damalige Warnungen vor den Schattenseiten des Booms überraschend aktuell.

Der Rücktritt kam völlig unerwartet

1993 trat Kronawitter - wieder eines seiner politischen Manöver - völlig unerwartet zurück und hängte anschließend noch eine Periode als einfacher Landtagsabgeordneter dran. Danach ist es zunehmend ruhiger um ihn geworden. Auch bedingt durch gesundheitliche Probleme zeigte er sich immer seltener in der Öffentlichkeit.

Aus der Münchner Tagespolitik hielt er sich heraus - mit zwei Ausnahmen. 2004 zeigte er, dass er von seiner Fähigkeit zur politischen Zuspitzung nichts verloren hatte und erzwang mit einem Bürgerentscheid, dass in München nur Hochhäuser gebaut werden dürfen, die maximal 99 Meter hoch sind - so hoch wie die Türme der Frauenkirche. Sein Nachfolger Christian Ude, der für höhere Bauten gekämpft hatte, war über diese Niederlage so verbittert, dass er kurzfristig darüber nachdachte, alles hinzuwerfen.

Und für seine Partei stieg er im Mai 2014 ein letztes Mal in die Bütt. Auf einem turbulenten Parteitag, der sich bis spät in die Nacht hinzog, rang die SPD damit, ob sie sich nach dem Verlust der Mehrheit für Rot-Grün auf ein Bündnis mit der CSU einlassen sollte. Am Schluss behielten die Befürworter knapp die Oberhand und Kronawitter trug mit dazu bei. Er beschwor seine Genossen mit brüchiger Stimme, immer daran zu denken, dass man die eigenen politischen Vorstellungen nur durchsetzen könne, wenn man auch eine Mehrheit habe.

Georg Kronawitter starb am 28. April 2016 im Alter von 88 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit.