Der Trend zur Turbo-Bildung ist falsch - egal, ob in der Schule oder an der Uni, findet Soziologe Richard Münch. Er hat Verständnis für die Schüler- und Studentenproteste - und prangert den Leistungsdruck an.
Der Bamberger Soziologe Richard Münch beschäftigt sich seit Jahren mit dem Bildungssystem in Deutschland. Sowohl an den Universitäten als auch an den Schulen beobachtet er einen Trend zur Turbo-Bildung. Viele der jüngsten Bildungsreformen sind seiner Ansicht nach kontraproduktiv.
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Können Sie verstehen, dass Schüler und Studenten auf die Straße gehen?
Ja. Vieles in unserem Bildungssystem läuft schief. Schule ist für Schüler, Eltern und Lehrer zum Stress geworden. Lehrer verabschieden sich massenhaft in die Frühpensionierung. Schüler sind frustriert, weil sie sich Anforderungen ausgesetzt sehen, die sie unter den gegebenen Bedingungen nicht erfüllen können.
Woran liegt das?
Das Grundproblem ist, dass es zu wenige Lehrerinnen und Lehrer für die Zahl der Schülerinnen und Schüler gibt. Vor allem an den Gymnasien sind die Klassen zu groß, was zur Überforderung von Lehrern und Schülern führt. Maßnahmen wie Förderunterricht und Intensivierungsstunden sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Viele Eltern müssen selbst Nachhilfe geben oder professionelle Nachhilfe bezahlen. Das zeigt, dass die Schule nicht das leistet, was sie eigentlich leisten sollte.
Umgekehrt wird von den Schülern aber sehr viel verlangt.
Da besteht ein Missverhältnis. Das fängt schon in der Grundschulzeit an, die von der Frage geprägt ist, ob das Kind den Übertritt aufs Gymnasium oder die Realschule schafft. Das ist eine ganz schlechte Voraussetzung für Freude am Lernen und auch am Lehren. Dabei zeigt der internationale Vergleich, dass dieser Druck vollkommen unnötig ist. Länder, die ein Einheitsschulsystem haben, stehen weder im Wirtschaftsvergleich noch im Bildungsvergleich schlechter da.
Wenn Sie auf Ihre eigene Schulzeit zurückblicken: Ist der Druck heute höher?
Ja. Ein Grund dafür sind internationale Leistungsvergleiche wie die Pisa-Studien. Deutschland hat auf die Ergebnisse reagiert, indem der Druck auf die Schulen und damit auch auf die Schüler erhöht wurde. Das hängt mit der Tradition zusammen, stark auf kognitive Kompetenzen und Wissenserwerb zu setzen. Die einseitige Wertschätzung kognitiver Fähigkeiten bewirkt auch, dass unser Schulsystem frühzeitig Versager produziert. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Leistungstests eingeführt. Ich bin aber überzeugt, dass der Ansatz falsch ist, Schüler mit möglichst viel Wissen vollzustopfen, damit sie später möglichst gut vorbereitet sind. Dass das nicht funktioniert, sieht man beispielsweise an den Bemühungen, mehr Schüler für die sogenannten MINT-Fächer, wie Mathematik und Naturwissenschaften, zu interessieren, weil in diesen Bereichen Fachkräfte fehlen. Unter anderem ist Mathematik zum Pflichtfach im Abitur gemacht worden. Der Effekt ist, dass Mathematik für viele zum Horrorfach geworden ist. Das führt natürlich nicht dazu, dass mehr junge Menschen einen Beruf ergreifen wollen, der mit Mathematik zu tun hat.
Was müsste sich ändern?
Es müsste wieder mehr Ruhe einkehren. Es müsste sich ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es besser ist, weniger Stoff vertieft zu behandeln. Die Lehrpläne müssten also entrümpelt werden. Dann würde das Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler auch wieder gefördert statt zerstört, wie das im Moment der Fall ist. Die Schule könnte bessere Arbeit leisten und Persönlichkeiten heranbilden, die lebensfroh sind und aufgrund dessen auch leistungsfähige Arbeitnehmer und gute Staatsbürger werden. Meiner Meinung nach hätte man auf die ersten Pisa-Ergebnisse nicht so hektisch reagieren dürfen. Man hätte zuerst überlegen müssen, was wir eigentlich mit unserem Bildungssystem erreichen wollen. Das asiatische Bildungssystem mit seinem Drill beispielsweise führt ja mit zu den besten Ergebnissen bei Pisa-Tests. Aber wollen wir wirklich Persönlichkeiten heranbilden, die wie programmierte Maschinen funktionieren? Wenn man verschiedene Bildungssysteme vergleicht, wird auch deutlich, dass Länder, die bei Pisa schlecht abgeschnitten haben, wirtschaftlich oft nicht weniger leistungsfähig sind als Länder, die bei Pisa gut abgeschnitten haben.
Hat der Einfluss der Wirtschaft auf die Bildung zugenommen?
Ja. Die Wirtschaft macht sich beispielsweise Sorgen, dass aus den Hauptschulen kaum noch leistungsfähige Absolventen kommen oder dass die Hochschulabsolventen nicht über die Fähigkeiten verfügen, die sie sich wünscht, und sie versucht gegenzusteuern. Das ist gut gemeint, leider ist das Ergebnis meist wieder nur eine Erhöhung des Leistungsdrucks.
Wie sieht es an den Universitäten aus?
Auch an den Universitäten gibt es kaum noch Freiraum für die Persönlichkeitsentwicklung. Die Studenten können sich ihre Zeit nicht mehr frei einteilen, alles ist vorgegeben. Unter diesem Zwangsregime leiden sowohl die Studenten als auch die Professoren. Die Folge ist, dass es zu wenige Absolventen gibt, die selbständig und kreativ arbeiten können.
Interview: Tina Baier
- Thema
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(SZ vom 17.11.2011/bica)
Studie von UN-Kinderhilfswerk
Die neueste Antwort
Ich weiß bis heute nicht, was mir das ganze Gelerne in der Schule gebracht hat.
Es ist immer so, dass man die Dinge, die einen interessieren, gerne macht. In der Schule war aber kaum Platz für eigene Aktivitäten. Wahlfächer gab es auch kaum und ehrlich gesagt, zweifle ich ohnehin daran, dass es Sinn macht zu viel Zeit in der Schule zu verbringen, denn am meisten erlebt man außerhalb dem sinnlosen Frontalunterricht. Und ich denke auch nicht, dass es umsetzbar ist, die Schulen dazu zu nutzen, den Kindern viel beizubringen. Da bräuchte man so viel mehr Personal und andere Ressourcen.
Aber wenn die Eltern arbeiten, dann muss das Kind eben irgendwo untergebracht sein und deshalb hält sich der alltägliche Frontal-Irsinn auch.
Mich wundert im Übrigen auch nicht, dass Kinder mit sinnlosem Stoff zugebombt werden, denn schließlich sind die Eltern heutzutage auch nur noch Arbeitsmaschinen.
Um mal klarzustellen, wo die heute weniger machen als zu Magisterzeiten:
- 2/3 Stunden
- "Teletubbie-Unterricht" - die kommen so schlecht aus dem Abi, dass die Nachhilfe bei einfachsten Sachen brauchen
- Arbeit neben dem Studium fällt weg.
Dafür müssen sie einfach mal schneller fertig werden. Auch das "schneller" entspricht nicht der Regelstudienzeit beim Magister. Die haben jetzt ein Semester mehr Zeit, um weniger zu lernen, wenn man es mit der Regelstudienzeit vergleicht. Wie grausam. Unsere Jugend ist halt überhaupt nichts mehr gewohnt.
Was sie aber müssen (und mental einfach nur von dieser Tatsache fertig gemacht werden), ist eine Prüfung zu einem Modul abzulegen. Das ist aber sagen wir maximal ein Jahr lang Unterricht, dann kommt die Prüfung. Was Magister damals rausgezögert haben und lächerlich anmutende Studienjahre gesammelt haben, verschieben die Studenten jetzt auf ihr "Streßkonto". Dabei leisten die im Schnitt mittlerweile weniger, kommen dümmer aus dem Abi und brauchen schon im ersten Semester einen Psychiater wegen eingebildetem "Burnout". Das ist leider kein Witz - den hätte ich auch nicht machen wollen. Das basiert auf Erfahrung und Beobachtung des realen Betriebes.
-Helmar
Tradionell-konventionelle Ausbildung fusst in repetitiver Lehre fachorientierter Inhalte. Auf diese Weise bleiben wertvolle Synergieeffekte aus.
Mit stattfindendem Wandel ist rein inhaltliches Lehren und Lernen zur Unwirksamkeit verdammt. Was mehrheitlich fehlt, sind zeitgemäße und konsequent interdisziplinäre Ausbildungsmuster, wie wir sie dringend in Wirtschaft und Gesellschaft benötigen, um uns den neuen Aufgaben in einer globalisierten Welt stellen zu können.
Gedanken dazu ab Seite 4: http://www.schubaeusmodell.de/fileadmin/files/Dokumente/Regelwerk.pdf
ob die Argumente von Münch gegen ein gegliedertes Schulsystem spreche, aber in seinem Hauptargument gebe ich ihm völlig recht: Der deutsche Bildungsbegriff soll nach Art des Nürnberger Trichters funktionieren: Wo man oben viel reinsteckt, kommt unter viel raus. Was für ein pädagogischer Unfug! Und ein schöner Beweis, dass das nicht funktioniert liefert ausgerechnet das gegliederte Schulsystem in Bayern. Bei verschiedenen Tests hat sich herausgestellt, dass das obere Drittel der Realschüler in Kernfächern besser abschneidet als der Durchschnitt der Gymnasiasten, da erstere mehr Zeit haben, sich vertieft mit den wesentlichen Dingen zu beschäftigen und nicht nur Themenhopping betreiben müssen
Die Leistungsdoktrin und die "Ausbildung" zum puren Funktionieren anstatt zu Kreativität und eigenständigem Denken sind schlimme Krankheiten unserer Zeit. Auf dass sich jede(r) dann im kapitalistischen Räderwerk fleissig abstrample, ohne dumme Fragen zu stellen!