Sozialwohnungen für Großfamilien Zu acht auf 40 Quadratmetern

Das lange Warten der Familie Mohmand: Sozialwohnungen für Großfamilien sind eine Seltenheit. Die Stadt und Ehrenamtliche helfen bei der Suche.

Von Tina Nachtmann

Alle Gegenstände im Wohnzimmer der Familie Mohmand sind Geschenke von Verwandten und Bekannten: die rot-weiß-gemusterten Teppiche, das grüne Samtsofa und der Tisch davor, die braune Schrankwand mit Glasvitrine, deren oberstes Fach mit Fußball-Pokalen des 15-jährigen Wahid vollgestopft ist.

Unter der Decke rankt sich Plastikefeu, an den kargen Wänden hängen vereinzelt Kinderfotos in goldenen Rahmen, und in der Ecke steht ein überdimensionaler Fernseher. Im Raum daneben schlafen Ehsanullah und Nasima Mohmand und ihre sechs Kinder, die zwischen sechs Monaten und 15 Jahren alt sind. Die vier Jüngsten kennen das nicht anders - sie haben ihr ganzes Leben in engen Notunterkünften in München verbracht.

Ihre Eltern waren 1999 mit den beiden älteren Geschwistern aus Afghanistan nach Deutschland geflohen - die Taliban hatten gedroht, die Familie umzubringen. Seither haben sie sieben Jahre in Unterkünften in Moosach und Allach gelebt und bewohnen nun seit zweieinhalb Jahren zwei Zimmer in einer Notunterkunft in Langwied. Toiletten, Duschen, Küche und Gang teilen die Mohmands mit den anderen Bewohnern des Hauses - das ist das Schlimmste für Mutter Nasima. Sie findet es zu dreckig und zu laut.

Aber auch der wenige Platz - 40 Quadratmeter für acht Menschen - ist ein Problem, besonders für die Kinder, die sich auf die Schule konzentrieren sollen. So musste zum Beispiel der 15-jährige Wahid gerade für seinen Quali lernen, als Baby Namira frisch auf der Welt war. Als Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis haben die Mohmands laut Gesetz Anspruch auf eine Sozialwohnung. Aber bisher haben sie keine gefunden, denn große Wohnungen sind selten in München.

So wie den Mohmands geht es vielen kinderreichen Familien mit wenig Geld: Beim Münchner Amt für Wohnen und Migration stapeln sich derzeit rund 550 Anträge von Familien mit fünf Personen oder mehr, die mit Rangstufe eins - das heißt mit "akuter Dringlichkeit" - eine Wohnung brauchen. Bei den meisten handelt es sich um Familien aus Nicht-EU-Ländern. Nur etwa ein Viertel der Familien stammt aus Deutschland oder der EU.

Bei der Wohnungsvergabe kommt es auf die Größe der Familie und auf die Größe der Wohnung an: Für Familien mit fünf Personen und mehr sind Dreieinhalb- oder Vier-Zimmer-Wohnungen, die größer als 90 Quadratmeter sind, vorgesehen. "Aber Wohnungen in dieser Größenordnung haben wir nur ein paar Mal im Jahr zu vergeben", sagt Peter Ziencz vom Amt für Wohnen und Migration. Hinzu komme, dass in großen Wohnungen die geringste Fluktuation herrsche. Ist dann aber tatsächlich eine frei, konkurrieren 550 Familien darum.

In eine kleinere Wohnung können diese Familien nicht ziehen, weil die dann überbelegt wäre und die Vermieter - bei Sozialwohnungen sind das meist Wohnungsbaugesellschaften - in der Regel damit nicht einverstanden sind. Manchmal besteht die Möglichkeit, zwei kleinere Wohnungen zu einer großen zusammenzulegen. Aber auch das ergibt sich nicht oft.

Bessere Chance haben wohnungslose kinderreiche Familien bei dem "KomPro B"-Programm der Stadt, einem Projekt für benachteiligte Zielgruppen, denn dafür werden direkt aus Notunterkünften Mieter vorgeschlagen. Über die Belegung entscheidet eine Kommission aus Vertretern des Wohnungsamts, dem Vermieter und einem Integrationshelfer. Doch auch hier sind große Wohnungen rar. So müssen viele Familien in Notunterkünften bleiben, auch wenn eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung schon eine Verbesserung für sie wäre.

Am ehesten werden große Familien auf dem privaten Wohnungsmarkt fündig. "Die meisten Familien mit vielen Kindern, die wir hatten, haben wir bei privaten Vermietern untergebracht", sagt Carola Bamberg, Bezirkssozialarbeiterin beim Wohnungsamt. Sie ist auch für die Familie Mohmand zuständig.

Einfach ist es aber auch auf dem privaten Markt nicht. Erstens gibt es wenige große Wohnungen, und zweitens wollen viele Vermieter nicht an große Familien vermieten. Besonders ausländische Familien tun sich schwer, eine Wohnung zu finden. Dazu kommen oft Auflagen vom Amt: Wenn bei kinderreichen Familien das Einkommen nicht ausreicht, hilft ihnen das Wohnungsamt finanziell, zum Beispiel mit einem Darlehen für Kaution und Provision.

Das Amt muss dann aber die Wohnung genehmigen und schreibt vor, wie groß sie sein muss und was sie maximal kosten darf. Bei Familie Mohmand soll die Wohnfläche 125 bis 140 Quadratmeter betragen und die Kaltmiete 1155 Euro nicht übersteigen. Das ergibt einen Quadratmeterpreis zwischen 8,25 und 9,24 Euro. Die meisten Wohnungen kosten jedoch deutlich mehr. "Man braucht also einen sozial eingestellten Vermieter, der sich auf eine große Familie einlässt und eine entsprechend große Wohnung zu einem entsprechend günstigen Preis anbietet", sagt Carola Bamberg. Und das ist schwer zu finden. "Es gibt einfach viel mehr Familien mit vielen Kindern als Wohnmöglichkeiten."

Deswegen wird Familie Mohmand noch eine Weile weitersuchen müssen. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Patin Sonja Haider, die die Familie seit April 2008 im Rahmen des Münchner Patenprojekts "Aktiv gegen Wohnungslosigkeit" ehrenamtlich betreut. Sie durchforstet mit den Mohmands Wohnungsanzeigen und ruft bei Vermietern an.

Bisher jedoch erfolglos: "Es gibt nichts so Großes in der Preislage. Langsam weiß ich nicht mehr richtig weiter", klagt sie. Besonders die 14-jährige Wahida träumt von einer Wohnung mit eigener Küche, eigenem Bad und vielleicht sogar einem Zimmer für sie alleine. "Meinetwegen auch am Ende der Welt", sagt sie.