Soziale Ungleichheit "Die eine Hälfte der Menschen hat das Gefühl, in München nicht dazuzugehören"

Die am besten verdienenden 20 Prozent der Münchner verfügen über 49 Prozent des gesamten Einkommens. Die am schlechtesten verdienenden 20 Prozent der Münchner verfügen nur über sieben Prozent des gesamten Einkommens.

(Foto: Catherina Hess/Robert Haas)

Die Kluft zwischen Arm und Reich in München wird immer größer. Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, warnt vor der Spaltung der Gesellschaft.

Interview von Jessica Schober

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Oberbayern, über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in München und nötige Veränderungen.

SZ: Wo ist Armut in München sichtbar?

Karin Majewski: Wenn man hinschaut, sieht man sie in München an vielen Ecken. Bettler auf der Straße, aber auch Kinder, die nicht mit zum Schulausflug können. Das sind alte Mechanismen: Überall, wo man zahlen muss, um dabei zu sein, bleiben die Reichen unter sich. Und plötzlich fahren eben ein paar Kinder weniger mit ins Skilager. Wer die Armut nicht sehen will, sieht sie auch nicht. Die Betroffenen werden unsichtbar.

Die Zahl der armen Münchner ist drastisch gestiegen

Inzwischen gelten mehr als 269 000 Menschen als arm. Die Stadt rechnet bis Ende dieses Jahres mit mehr als 9000 Wohnungslosen. Zugleich wächst aber der Anteil der Besserverdiener. Von Sven Loerzer mehr ...

Welche Nebenwirkungen hat Armut?

Armut ist stressig. Sie führt zu Krankheiten und einer geringeren Lebenserwartung. Es ist erschreckend: Arme Menschen sterben früher. Das liegt an vielen Faktoren, zum Beispiel ernähren sie sich oft ungesünder. Deshalb sollte grundsätzlich in Kitas und Schulen gemeinsam gefrühstückt werden. Wer arm ist, muss sich auch ständig um Behördengänge kümmern. Oder darum, dass die eigenen Kleider länger halten. Ein reicher Mensch kauft einfach eine neue Hose, wenn die alte ein Loch hat. Arme müssen wesentlich mehr tun, um nicht aufzufallen. Dabei fühlen sie sich ausgeschlossen; sie sehen ja auch die anderen, die es geschafft haben und einfach einen Kaffee trinken gehen können.

Wie verändert Armut das Lebensgefühl?

Es gibt zwei Stadtgefühle. Die eine Hälfte der Menschen hat das Gefühl, in München nicht dazuzugehören. Und die andere Hälfte hat das Gefühl, dass alles immer schöner wird. Da leuchtet der Christkindlmarkt, da flaniert man die glanzvolle Maximilianstraße entlang und sieht lauter prächtige Dinge. Das ist eine Spaltung, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährdet.

Wie viel Spaltung verträgt eine Stadt?

Momentan hält München das noch aus, weil es viele Angebote gibt, zum Beispiel die Alten- und Servicezentren. Dort kriegen Senioren günstiges Essen, können Karten spielen oder tanzen. Das ist ein tolles Angebot für alle, die nicht genug Geld haben, um sich in ein Café zu setzen. Wir haben eine hohe Seniorenarmut, 15 000 Menschen reicht ihre Rente nicht zum Leben. Das widerspricht meiner Vorstellung einer solidarischen Stadt.