Sound-Tüftler Bitte nicht stören

Neue Impulse: Michael Cretu, einer der erfolgreichsten Musikproduzenten, hat Ibiza verlassen und ist für die Inspiration nach München zurückgekehrt. An diesem Donnerstag wird er 60

Von Michael Zirnstein

Die Doppeltür ist eine Schleuse. Sie hält Leute, Lärm, Licht draußen. Michael Cretu braucht die Abgeschiedenheit, um in Ruhe denken zu können. Nichts lenkt ihn hier ab von seiner Mission: Er möchte Klangwelten entdecken, die noch nie zuvor ein Mensch gehört hat. So war das schon als Kind vor mehr als 50 Jahren in Bukarest: Wenn der kleine Michael Klavier spielte, stellte er sich vor, in einem Raumschiff durchs All zu düsen. Heute setzt er sich dafür hinter ein superfunktionales, erstaunlich kompaktes Mischpult. Ein Bekannter hat es ihm für ein paar Millionen Euro angefertigt. Mit dem breiten Flachbildschirm und den etlichen Schiebe- und Drehreglern erinnert es tatsächlich an das Navigationspult der Enterprise. Cretu nennt es sein Cockpit. Wie damals in Bukarest steuert er seinen Klanggleiter mit den 88 Tasten der Klaviatur. "Es ist immer der kindliche Forscherdrang, der mich motiviert, Tausende Stunden in meinem Studio zu verbringen", sagt er, "das ist eine wahre Freude für mich, keine Arbeit, da vergehen die Tage und Nächte schnell."

Etwas Geheimnisvolles umgibt Michael Cretu, den drahtig-eleganten Mann mit den blaugetönten Brillengläsern. Und das liegt nicht nur an seinen sphärenhaften Klängen von Enigma, seinem "multikulturellen Sound-Design-Projekt". Sich selbst bezeichnet er als musikalischen Alchemisten, wissensdurstig und experimentierfreudig. Über sein Privatleben spricht er nicht viel. Nicht, weil es da etwas zu verbergen gibt. Sondern weil es nichts zur Sache tut: "Die Musik ist der Star." Da ist er so ganz anders als der Produzenten-Kollege Dieter Bohlen. "Ganz anderer Lebensentwurf: Er steht gerne in der Öffentlichkeit, immer im Vordergrund, ich will nur meine Musik machen, meine Person ist nicht wichtig."

Erfolg hat Cretu auch so: "70 Millionen Alben weltweit verkauft", schreibt die Plattenfirma in Großbuchstaben auf die Pressemappe, "60 Nummer 1-Positionen", "300 aufeinanderfolgende Wochen in den amerikanischen Charts mit dem Debütalbum", "mehr als 100 Gold- und Platin-Auszeichnungen".

Wie wichtig die ihm sind, sieht man im Studio: Nicht eine einzige Plakette ziert die Wände. Es ist kein Showroom, normalerweise empfängt er hier auch keine Gäste. Sein Freund Michael Kunze, der wichtigste Musical- und Lieder-Autor des Landes, hat ihn hier ein paar Mal besucht, um mit ihm am Konzept des neuen Enigma-Albums zu feilen. "Es ist absolut einmalig, wie er arbeitet: Er taucht wirklich drei Jahre lang ab, Tag für Tag schraubt er da an seinen elektronischen Geräten, eher so, wie Schriftsteller sich in ihre Bücher vergraben. Irre." Cretu ist nicht menschenscheu. Cretu will einfach nicht gestört werden.

Er bittet darum, nicht zu verraten, wo sich das Studio befindet. Nur so viel darf man schreiben: Michael Cretu ist wieder nach München zurückgekehrt. "Nach 22 Jahren brauchte ich einen Tapetenwechsel." Seine 2000-Quadratmeter-Villa auf Ibiza mit eigenem Studio bewohnt er auch noch, aber sein neues Album ist hauptsächlich in München entstanden.

In München passierte immer Wegweisendes in Cretus Leben. Einmal, als 16-Jähriger, kam er alleine aus Bukarest hierher. Selbst unter dem Regime Nicolae Ceaușescus durfte er reisen, seine Mutter besaß den österreichischen Pass, und er wollte den Großvater in der Nähe von Traunstein besuchen. In München machte er halt, um die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule zu absolvieren. "Ich wollte mir beweisen, was ich kann. Und meiner strengen Mutter wollte ich zeigen, dass ich doch kein fauler Junge bin, wie sie dachte." Ein paar Kompositionen sollte er machen, erinnert er sich, ein Klacks, darauf war er von klein auf vorbereitet worden. 13 verschiedene Fächer Musik hatte er an der Schule, der kommunistische Staat bildete ihn für die Karriere als Konzertpianist aus. "Eine Aufgabe war echt heavy", sagt er: Ein Pianist spielte ihm ein Streichquartett von Bela Bartok vor, er sollte die Partitur heraushören. "Da habe ich echt geschwitzt." Er bestand - als jüngster Bewerber überhaupt.

Als seine Familie später als Staatenlose mit einem Koffer in der Hand nach Deutschland übersiedelten, studierte er Komposition und Dirigieren allerdings in Frankfurt. Damals lernet er schon Michael Kunze kennen. Ein Professor bat ihn, auf Cretu aufzupassen: Er habe in seiner 40-jährigen Lehrtätigkeit kein solches Talent gesehen, leider interessiere sich der Student aber zunehmend für Pop-Musik.

Nach dem Studium, als ihm die aufkommenden Musikcomputer ganz neue Klangwelten eröffneten, zog es Cretu 1982 wieder in die Pop-Musikhauptstadt München. Er hatte schon Erfahrung im Musikgeschäft, hatte mit dem Kollegen Frank Farian produziert und für dessen Hit-Schleuder Boney M. Keyboard gespielt. In München übernahm er dann selbst das Ruder. Er produzierte Platten mit Hubert Kah, Nicki, Peter Schilling und Peter Cornelius, verfolgte auch Projekte wie Moti Special und Alben unter einem Namen wie "Legionäre" und "Die chinesische Mauer", für die er mit Rudi-Völler-Lockenkopf, Dreitagebart und Nickelbrille auch auf die Bühne ging.

"Es war eine spannende und gute Zeit, da habe ich Tag und Nacht gearbeitet." Bei seiner Arbeit mit dem Frauen-Trio Arabesque lernte er Sandra Lauer kennen. Eine Schönheit mit dichten Augenbrauen. Ganz verliebt und trotz anfänglicher Pleiten überzeugt von ihren Fähigkeiten, nahm er ihre Karriere in die Hand: Er produzierte "Maria Magdalena", brachte sie in 21 Ländern auf Platz 1, heiratete sie und zog mit ihr 1988 nach Ibiza. Erfolgsbilanz des Duos Sandra & Cretu: 32 Millionen verkaufte Platten und zwei wohlgeratene Söhne, deretwegen man auch nach der Scheidung im Jahr 2008 noch zusammenhält.

Aus seinen München-Jahren hat Cretu noch viele Freunde hier. Er verrät ihre Namen aber ebenso wenig wie seine Lieblingsplätze. Vorsichtshalber. "Aber glauben Sie mir, ich bin kein Eremit, ich will ja nicht vereinsamen und die Welt nur vom Monitor aus wahrnehmen." Deswegen wollte er wieder nach München, "um wieder am urbanen Leben teilzunehmen".

Sein "musikalisches Baby" Enigma brauchte neue Impulse, die Entwicklung stockte, er wusste nicht mehr, wie er es füttern sollte auf der kargen Balearen-Insel. Vor acht Jahren war das. Zwar spricht er nicht wie die Album-Info von einem Burnout, aber er musste durch irgendetwas seine Gedanken in eine andere Richtung bringen. "Mit Enigma wollte ich ja immer anders sein als alle anderen." Wie beim Debüt-Album, als er gregorianische Choräle mit Elektronik mischte und auf einmal Kirchenmusik im Pop salonfähig machte.

Mongolischer Kehlkopfgesang, Sanskrit-Verse, Weltmusik, New Age, Entspannungsmusik für die Generation Café del Mar - "ich muss solange arbeiten, bis ich selbst Gänsehaut bekomme", sagt er, dessen Erfolgs-Stil oft kopiert - aber nie erreicht wurde, wie sein Freund Kunze findet: "Der Ausweis seines Talentes ist: Es wirkt sehr einfach, ist aber erkennbar individuell. Damit hebt er sich eben doch ab vom schnelllebigen Pop, er hat seinen eigenen Klassik-Bereich gefunden."

Doch nach 18 Jahren Enigma fiel ihm erstmals nichts Neues ein. Also ließ er sich von Kunze locken, der nicht nur für Udo Jürgen getextet hatte, sondern auch für die erfolgreichsten deutschen Musicals wie "Elisabeth". Zusammen wollten sie "ein Musical für das 21. Jahrhundert" erschaffen, Kunze hatte sich dafür die Rechte am Stummfilm-Klassiker Metropolis gesichert. Sie kamen weit in drei Jahren, fanden aber keinen Produzenten und ließen das Musical erst einmal ruhen.

Und Cretu hatte auf einmal wieder eine Vision für Enigma 8: "The Fall of A Rebel Angel". Die Allegorie auf den modernen Menschen in einer Sinn- und Schaffenskrise - und den Weg heraus. "Es geht um den Punkt im Leben, wo man sagt: So kann es nicht weitergehen. Will man so weitertrotten bis ans Lebensende, oder sich zusammenreißen, auch wenn es beschwerlich ist und versuchen, seine Träume zu leben."

Die Arbeit änderte einiges: Erstmals arbeitete Cretu bei Enigma nicht ganz alleine. Die Arbeit mit Kunze hatte ihm so gefallen, dass er sich auch beim Engels-Projekt mit ihm als Texter die Bälle hin und her spielte. Und als er das Gemälde eines leidenden Engels sah, ließ ihn das nicht los, er holte den Schöpfer des Bildes dazu: Der als Kunstfälscher berühmt gewordene und sechs Jahre inhaftierte Wolfgang Beltracchi sollte - "wieder ein Novum" - jedes der zwölf Stücke illustrieren. "Ein faszinierender, hochgebildeter Mann", sagt Cretu, "wir haben uns auf Anhieb verstanden."

Michael Cretu hat eine gesellige Seite. Aber: Wenn er an diesem Donnerstag seinen 60. Geburtstag feiert, wird er "nicht gleich ein Zirkuszelt mieten und 300 Leute einladen", sagt er. Und nicht, dass er es vorhat, aber er setze sich sogar wieder mit Anfragen für Konzerte auseinander, also rein gedanklich. "Das ist schon ein Fortschritt für mich. Aber ich bin glücklicher, wenn ich in meinem stillen Kämmerchen an den Knöpfen herumdrehe." Sollte die Nasa eine Mars-Mission starten - "ich könnte mir das vorstellen jetzt mit 60. Ich müsste nur etwas dabei haben, um meine Erlebnisse musikalisch verarbeiten zu können."