Society Wie der Glanz verblasst

Zu den elegantesten Gästen, die München je besuchten, zählen bis heute Schah Mohammed Reza Pahlavi mit seiner Ehefrau Kaiserin Soraya.

(Foto: Jenö Kovacs)

Die Boulevardmedien erlebten einst glamouröse Zeiten. Dann erschufen sie sich selbst Promis, von denen sie nun allerlei Banales berichten. Und einen Reporter kann angesichts der umfassenden Belanglosigkeit schon mal die Krise erwischen.

Von Stephan Handel

Als die Kaiserin nach München kam, ging sie erst mal ins Kino. Sie besuchte den Nockherberg, aß Brathendl und Weißwürste und wurde mit Blumen, Hüten und Brezen beworfen. Ihr Mann, der Kaiser, verfügte sich allein auf die Salzburger Autobahn, um seinen neuen Mercedes auszuprobieren. Immerhin: "Mehr als sieben Kriminalbeamte", so schrieben es die Münchner Zeitungen, seien bereitgestanden und hätten das hohe Paar bewacht.

Dieses war im Jahr 1955 für vier Tage in die Stadt gekommen: der Schah von Persien und seine Frau Soraya, was damals ungefähr so viel Glitzer bedeutete, als würden heutzutage Brangelina, Kate und William nebst dem Sultan von Brunei ihren Urlaub gemeinsam in der Maximilianstraße verbringen.

Dafür scheint es aber recht gemütlich zugegangen zu sein damals: Die Kaiserin ging höchstselbst zum Einkaufen, Hotelgäste im "Vier Jahreszeiten" bildeten ein Jubel-Spalier zum Lift, wenn sie zurückkehrte in eines der zwölf angemieteten Zimmer, und der Berichterstatter der Süddeutschen Zeitung schrieb ganz offen, dass er und seine Reporter-Kollegen die meisten ihrer Informationen erhielten, indem sie den Polizeifunk abhörten, auf Kurzwelle.

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Wenn's die Leute doch wissen wollen?

Man braucht keine Brille um zu erkennen, dass sich die Gesellschafts-Berichterstattung von Grund auf geändert hat in den 60 Jahren seit dem Schah-Besuch. Das liegt nicht nur daran, dass es heute deutlich weniger Schahs gibt als damals. Der Grund ist vor allem der, dass damals eine Society existierte, über die zu berichten sich lohnte. Während es heute nur mehr Events gibt.

Die Veränderung begann allerdings mit einem emanzipatorischen Akt, dessen Zusammenhang mit der 68er-Bewegung ein Soziologie-Doktorand durchaus mal untersuchen konnte: Die Klatschreporter legten den Respekt ab, sie berichteten nicht mehr vom Hofe, sondern vom Privaten: Johannes Baptist Obermaier, der unter dem Namen Hunter schrieb, später Michael Graeter hielten sich an den alten Reporter-Grundsatz, dass Journalismus immer dann ist, wenn irgend jemand etwas vertuschen möchte - alles andere ist Werbung.

Und wenn's die Leute doch wissen wollen? Natürlich stellt sich die Frage nach der Relevanz, wenn zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht wird, dass dieser Schauspieler jetzt schon zum zweiten Mal mit jener Kollegin, und was da wohl dahinterstecken mag . . . Aber so sind die Menschen: Die meisten lesen so etwas dann doch lieber als noch so kluge Erwägungen über das Verhältnis der Bundesrepublik zum Staate Burkina Faso.

Die Objektive der Kameras gierten nach Obermaier

Sowieso wurden plötzlich auch Menschen zum Gegenstand der Berichterstattung, die weder von Adel, noch reich noch sonst mit irgendwelchen besonderen Fähigkeiten ausgestattet waren: Da musste eine junge Frau nur so atemberaubend aussehen wie Uschi Obermaier, schon gierten die Objektive der Kameras nach ihr. Dass sie dann auch noch die Genossin von Rainer Langhans war, machte die Angelegenheit nur noch pittoresker - und wer hätte am Ende schon noch sagen können, ob sie in der Zeitung war, weil sie eine Affäre mit Mick Jagger et. al. hatte - oder ob sie eine Affäre mit Mick Jagger et. al. hatte, weil sie in der Zeitung war.

Uschi Obermaier reichte bereits ihre Schönheit als Promi-Faktor.

(Foto: Franz Hug)

Jedenfalls war das "Boxenluder der Revolution" (Spiegel) so etwas wie Paris Hilton heute, wenn auch ohne Geld, dafür mit Verstand: Berühmt fürs Berühmtsein, ohne dass diese Prominenz in irgendwelchen Attributen begründet gewesen wäre, abgesehen von Attributen die sich gut fotografieren lassen.

Die Süddeutsche Zeitung hielt sich, was den Klatsch betrifft, sehr lange Zeit vornehm zurück - aus der Überzeugung, dass Privates doch privat bleiben solle und dass nicht jede Neugier und jeder Voyeurismus ein Recht auf Berichterstattung begründet. So kam das meiste dann eher zufällig in die Zeitung - wenn ein Redakteur irgendwo mit dabei war und fand, da könne man jetzt schon mal was schreiben über dieses oder jenes Fest und was es da zu essen gab.

Die Münchner Society feiert mittlerweile lieber unter sich

Allein - es wurde immer mehr: Mit der Einführung des Privatfernsehens stieg der Bedarf an Prominenten, und weil die echten bald keine Lust mehr hatten, mussten selbst gemachte herhalten. Das bemerkten Werbeagenturen und andere Verbindungshersteller, die nun jedem Pizzabäcker empfahlen, doch zur Eröffnung seines Lokals doch drei ehemalige Playboy-Models einzuladen - beziehungsweise sie für ihr Kommen zu bezahlen -, dann würden auch Fotografen und Reporter erscheinen. Mit Gesellschaftsberichterstattung hat das natürlich nichts mehr zu tun - die Münchner Society, die es selbstverständlich trotzdem noch gibt, feiert mittlerweile lieber unter sich und ohne Presse. Die schreibt unterdessen darüber, wie Reiner Calmund ein Garagentor präsentiert.

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Ist das schlimm? Oder ist das wurscht? Es ist insofern egal, als ja sowieso jeden Tag viel mehr passiert, als in die Zeitung passt - also kann, im Sinne einer interessanten Mischung, ein bisschen Buntes nicht schaden, noch dazu, wenn's lieber gelesen wird als das Stück über Burkina Faso. Schlimm aber ist, dass all diese so genannten Events heute von PR-Leuten eingefädelt werden, dass sie also im Grunde nichts anderes sind als Werbung, verpackt ins Geschenkpapier angeblicher Prominenz. Die Ansprüche an diese allerdings haben, siehe oben, auch extrem nachgelassen. Notorisch in München unterwegs ist zum Beispiel eine Frau, die vor 15 Jahren zum "Playmate des Jahrhunderts" gewählt wurde - des vergangenen Jahrhunderts, aber das reicht bis heute zur Dauerpräsenz auf den Gästelisten.

Wenn doch nur wieder mal ein Schah vorbeikäme

Andersherum ist die übliche Gästelisten-Besatzung auch gnadenlos: Josef von Ferenczy, ungarischer Menjoubart-Träger, Strauß-Freund sowie Erfinder und erster Inhaber der Berufsbezeichnung "Medienmanager" war lange Jahre eine feste Größe im Münchner Gesellschaftsleben. Als er aber alt war und vor allem pleite, da war er ganz schnell verschwunden von den Einladungslisten. Konnte ja kaum mehr behilflich sein bei der Promotion der neuesten T-Shirt-Kollektion der gewesenen Hemdenfabrikantengattin . . .

Für eine Zeitung, die nachdenkt über das, was sie tut, ist die Situation schwierig: Alle anderen Blätter berichten über alles Mögliche, also kann man's nicht ganz weglassen, Chronistenpflicht und Leserinteresse. Andererseits kann einen Reporter, der den Job ein paar Jahre gemacht hat, schon die Krise erwischen angesichts der umfassenden Belanglosigkeit. Wenn doch nur wieder mal ein Schah vorbeikäme.

Als Society-Experte schlechthin berichtete der Journalist Michael Graeter (links), hier mit Schauspieler Curd Jürgens, über die Schickeria.

(Foto: Otfried Schmidt)