Der Münchner Polizist Michael Meyer bildet in der afghanischen Stadt Masar-i-Scharif Kollegen aus. Silvester feierte er fern seiner Familie - mit Schnitzel und Salat.
Es ist Mittag an diesem Neujahrstag, die Straßen tragen noch den Schmutz der Silvesternacht, über München liegt eine graue Suppe aus Nebel und Regen. So gesehen, hat es Michael Meyer eigentlich ganz gut: 15 Grad ist es warm, der Himmel strahlend blau.
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Noch bis Ende Januar tut Polizeihauptkommissar Michael Meyer Dienst in Afghanistan. (© Foto: oh)
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Deshalb klingt er auch ganz fröhlich, als er den Telefonhörer abnimmt. Allerdings - ein Ortsgespräch ist das beileibe nicht mehr. Der Münchner Polizeihauptkommissar Michael Meyer tut Dienst in Afghanistan, in Masar-i-Scharif, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt. Dort hat er auch den Jahreswechsel gefeiert.
Aber was heißt schon gefeiert. "Wir haben in einem kleineren Kollegenkreis gegessen", sagt Meyer, "und dann noch ein, zwei Bier getrunken." Schnitzel gab's, Chicken Wings, dazu Salat. Und die Bundeswehr hat um Mitternacht ein bisschen Leuchtspur-Munition in die Luft geschossen - die militärische Version des Silvester-Feuerwerks.
Schutzengel aus Porzellan
Dann ist Michael Meyer ins Bett gegangen, in seinem Container, sechs auf drei Meter, sein eigenes Reich. Ob er aber noch auf den kleinen Schutzengel aus Porzellan geschaut hat, den seine Familie ihm mitgegeben hat in den Einsatz, und ob er vielleicht ein wenig sentimental, melancholisch geworden ist, das mag er nicht sagen.
Seit einem Jahr ist der Polizist nun in Afghanistan, nachdem er vorher schon zwei Mal knapp drei Monate dort gearbeitet hat. Bis zum 31. Januar dauert es noch, dann ist die Zeit im Ausland vorbei und Meyer wird zurückkehren in die Einsatzzentrale der Bundespolizei an der Infanteriestraße, wo vorher schon sein Schreibtisch stand.
Vor allem aber: Zurückkehren zu seiner Familie, Frau, Sohn, 18, Tochter, 10. Ihnen hat er am Silvesterabend noch eine SMS geschrieben, aber für gute Wünsche zum neuen Jahr war es eigentlich noch zu früh - gerade mal 20.30 zeigte die Uhr in Deutschland, als in Masar-i-Scharif die Korken geknallt hätten, wenn sie Korken zum Knallen gehabt hätten.
60 deutsche Polizisten sind derzeit in Masar-i-Scharif stationiert, und es sollen noch mehr werden. Meyer arbeitet in einem Programm, das FDD abgekürzt wird, "Focused District Development", gezielte Entwicklung der afghanischen Bezirke.
Er ist Leiter eines "Police Mentoring Team", das einheimische Polizisten ausbildet. "Wir gehen mit denen auf Streife, geben Ratschläge, zeigen ihnen, wie man einen Menschen durchsucht, auch Selbstverteidigung, polizeiliche Taktik und solche Sachen", sagt Meyer.
Das hat ihn gereizt, als er sich freiwillig für den Einsatz meldete: Ein fremdes Land, die Leute, die Kultur kennenlernen - und den Polizisten zeigen, wie das geht, die Ordnung zu hüten in einem Land, in dem Ordnung oft erst geschaffen werden muss. "Die Menschen hier sind extrem freundlich und hilfsbereit, besonders die Dorfältesten", sagt er.
Vor allem aber wollen sie endlich ihre Ruhe haben - deshalb melden sie es "den Internationalen", also den Angehörigen der Schutztruppe, wenn etwas Ungewöhnliches passiert, wenn etwa plötzlich fremde Autos im Bezirk gesehen werden - das könnte ein Anzeichen sein, dass die Taliban etwas vorhaben.
Per Skype kann Meyer nach Hause telefonieren, "mit Webcam, so dass man sich wenigstens am Monitor mal sehen kann". Fünf Mal war er im vergangenen Jahr auf Heimaturlaub in München, jeweils für zwei Wochen. Vor allem der Tochter muss er dann immer wieder erklären, warum er wieder weg muss, warum es so lange dauert, bis er wiederkommt, dass das sein Beruf ist, dass es wichtig ist, was er tut im fremden Land, dass die Leute dort seine Hilfe brauchen.
Seine Frau war anfangs ebenfalls nicht begeistert von seinem Plan, aber sie hat wohl gemerkt, dass er nicht abzubringen ist. "Außerdem ist das ja eine überschaubare Zeitspanne", sagt er, und ein bisschen klingt das schon so, als wolle er sich entschuldigen.
Wäre ja auch verwunderlich, würde sich eine Frau nicht Sorgen um ihren Mann machen, wenn der freiwillig in ein Land geht, von dem deutsche Politiker nur nicht sagen wollen, dass dort Krieg ist. "Hier darf nie etwas Routine werden", sagt Meyer. "Nie darf man sagen: Ach, heute ziehe ich meine Schutzweste mal nicht an, heute tanke ich das Auto nicht voll, bevor ich rausfahre."
40 Jahre alt ist Meyer, Beamter seit 1986, zuerst beim Bundesgrenzschutz, dann bei der Bundespolizei. Auch das hat er gesucht: die Herausforderung, das Neue, die echte Anwendung dessen, was er gelernt hat.
Worüber Deutsche jammern
Nein, langweilig wird es ihm nicht werden, wenn er wieder zurückgekehrt und eingebunden ist in Schicht- und Einsatzpläne. "Aber eine gewisse Gelassenheit nimmt man schon mit", sagt er. "Wenn man sich nur anschaut, worüber die Deutschen alles jammern. Und wie im Gegensatz dazu die Menschen hier leben müssen." Auch seine soziale Kompetenz sei gewachsen, allein durch die Notwendigkeit, mit Menschen umzugehen, die völlig anders denken als er, die völlig andere Vorstellungen haben von dem, was richtig und wichtig ist.
Am Ostermontag im vergangenen Jahr wurde Meyers Einheit "angesprengt", wie das im Militärjargon heißt - eine Autobombe, aber niemand wurde verletzt. Er erzählt das fast beiläufig, wie eine interessante Anekdote, als sei nichts gewesen. Am Neujahrstag gestern hatte er ganz normal Dienst, das übliche, denn die Afghanen sollen auch deutsche Gründlichkeit lernen, und das bedeutet: jede Menge Formulare.
Bevor er aber ins Büro gegangen ist, hat er seine Familie in München angerufen und ein gutes neues Jahr gewünscht, der Frau, dem Sohn, der Tochter. Noch vier Wochen, dann ist er wieder daheim.
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(SZ vom 02.01.2010/liv)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
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