Siemens in München Eine enttäuschte Familie

Einst arbeiteten 28.000 Menschen alleine am größten Siemens-Standort der Welt, heute sind es nur noch ein paar Hundert. Die Münchner Siemensianer haben in den vergangenen Jahren viel durchgemacht. Auf den Abschied von Vorstandschef Löscher reagieren sie mit einer Mischung aus Frust und Schulterzucken.

Von Benedikt Laubert und Katja Riedel

Dort, wo sich einst der größte Siemensstandort der Welt befand, ziehen sie jetzt Wohnhäuser hoch. Die Hofmannstraße in München war einmal eine eigene kleine Stadt, in der stolze Mitarbeiter eines Weltkonzerns arbeiteten. Jetzt sind Arbeit und Konzern aus dem Stadtteil Obersendling fast verschwunden, der S-Bahn-Halt Siemenswerke kaum mehr als ein Relikt.

Früher stiegen dort 28.000 Menschen aus, zuletzt waren es noch ein paar Hundert Mitarbeiter der Stammbelegschaft, dazu einige Mitarbeiter längst ausgelagerter Unternehmen, etwa der Telefonfirma Gigaset. Sparte um Sparte wurde abgestoßen oder abgewickelt, Arbeitsplätze eingespart. Chipsparte - weg (Infineon, Börsengang 2000). Handysparte - weg (Verkauf an BenQ, 2006 die Pleite). Telekommunikation - weg (NSN, Ausstieg 2013). Beleuchtung - weg (Osram, Börsengang 2013).

Nicht nur in Obersendling, in der ganzen Stadt sind von den einst 50.000 Siemensianern, die es Mitte der Achtzigerjahre gab, nur etwa 7000 übrig geblieben, die meisten in der Zentrale am Wittelsbacherplatz. Und Siemens ist längst nicht mehr der größte Arbeitgeber der Stadt. Sie haben einiges mitgemacht in den vergangenen 15 Jahren, die einst stolzen Münchner Siemensianer.

"Das gleiche Gericht - nur mit einem neuen Koch"

Und der große Kampf, der sich gerade an der Konzernspitze abspielt - er nötigt den Menschen an der Basis kaum mehr als ein Schulterzucken ab. Der Österreicher Peter Löscher soll an diesem Mittwoch abgelöst werden, der Niederbayer Joe Kaeser ihm nachfolgen. Doch am Montagabend nach Dienstschluss versprechen sich die Mitarbeiter am Standort in Perlach von der Personalie kaum Veränderung: "Joe Kaeser sitzt ohnehin schon im Vorstand und trifft Entscheidungen mit", sagt eine Mitarbeiterin: "Ich glaube kaum, dass sich die Politik des Unternehmens ändern wird."

Ein anderer, der wie alle anonym bleiben möchte, sagt: "Ab nächster Woche wird das gleiche Gericht zubereitet - nur mit einem neuen Koch." Bei vielen gilt der scheidende Vorstandsvorsitzende als Bauernopfer: "Man muss doch einen Schuldigen ausmachen, wenn die Aktien fallen", sagt eine Frau. Man wolle die Aktionäre besänftigen, ohne viel am Unternehmen zu ändern. "Der Aufsichtsrat tut so, als hinge der Erfolg des Unternehmens vom Chef ab. Aber Löscher schraubt keine Züge zusammen und liefert sie zu spät aus", meint ein anderer.

Doch ein kleiner Rest des Gefühls, eine eingeschworene Gemeinschaft, eine Familie zu sein, ist geblieben: Mancher sieht darum den Niederbayer Kaeser lieber an der Spitze als Löscher. Kaeser ist seit 1980 im Unternehmen. "Er verfügt über ein Netzwerk an Kontakten bei Siemens, von dem Löscher nur träumen kann", sagt ein Siemensianer. "Wer ein Unternehmen führen will, braucht Rückhalt in der Belegschaft."

Rückhalt, den wünschen sich auch die Menschen am Standort München. Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass am Wittelsbacherplatz der Grundstein für die neue Zentrale gelegt wurde. Als Bekenntnis zu München, hatte Löscher damals gesagt.